Music

May 14, 2020

Frankensteins Tonträger: Drahthaus

Florian Rabatscher

Drahthaus hat ihr selbstbetiteltes Debütalbum rausgehauen. Es ist auf weißes Vinyl gepresst, hat ein weißes Cover und auch die Bandmitglieder präsentieren sich auf den Fotos komplett in dieser Farbe. Was hat es damit auf sich? Die hellste Farbe überhaupt steht bekanntlich für edle Dinge wie Reinheit, Erleuchtung oder Sauberkeit. Auch eine Braut trägt Weiß. Oder Menschen im medizinischen Bereich, weil die Farbe auch Hygiene vermittelt. Wollen sie etwa das damit ausdrücken? Oder wollten sie auch ein „White Album“ wie die Beatles haben? Oder wählten sie diese Farbe deswegen, weil sie auch beruhigend und harmonisierend wirken kann? Wer sich in Weiß kleidet, gilt zudem als optimistischer und sorgfältiger Mensch, doch zu viel davon kann auch kalt und distanziert wirken. Was könnte uns das alles sagen? Naja … im Grund rein gar nichts, ich komme nämlich nicht ganz auf den Zusammenhang mit der Musik. Es tut mir auch leid, eure Zeit mit solchen Gedanken zu verschwenden, aber es macht mich fast verrückt, wenn ich mir den Kopf darüber zerbreche. Eines ist diese Farbe jedoch schon mal sicher nicht: schwarz. Und ich steh auf schwarz, was wahrscheinlich auch mein Unbehagen dieser Aufmachung gegenüber erklären mag. Doch wie sagt man so schön zu eher unansehnlichen Menschen: Das Innere zählt. Was sonst als reine Phrase dahingesagt wird, könnte bei diesem Album wirklich zutreffen. Es hat nämlich einen äußerst interessanten Charakter. 

Schon als der erste Song „Graf Twerk“ aus meinen Boxen posaunt, entwischt es mir leise: Oh mein Gott, Drahthaus haben ein Monster erschaffen. Besser gesagt, ein Soundmonster. Wie das Ungetüm von Doktor Frankenstein setzt sich dieser Song aus verschiedenen Genre-Teilen, wie Trap und orchestralen Klängen, zusammen. Eine Mischung, die eigentlich zum Scheitern verurteilt wäre, doch dieses Ding lebt. Auch die restlichen Stücke sind alles andere als leicht verdauliche Durchschnittsmusik. Kann man einen derartigen Tonträger also einfach so auf die Menschheit loslassen? Ja, man kann und es macht, verdammt nochmal, Sinn. Genau solche Klänge könnten unsere Hörgewohnheiten endlich aus ihrer Knechtschaft der Komfortzone befreien. Denn Musik muss nicht immer bequem sein, sie kann auch fordern. So sollte Independent-Sound klingen: Mutig und fordernd. Eure Gehörgänge sollen bewusst strapaziert werden, um sie auf ein neues Level zu bringen. Auch eure Gehirnzellen können von diesen neuen Impulsen nur profitieren. Wem das zu viel wird, der kann natürlich weiterhin seinen Bierbauch in die Sonne strecken, in einer Hand eine Bratwurst, in der anderen ein Discounter-Dosenbier und währenddessen seinen Lieblings-Mallorca-Hit grölen: „Wie heißt die Mutter von Niki Lauda? Mama Laudaaa, Mama Laudaaa!“ 

Allen anderen empfehle ich aber, stellt euch diesen Klängen, auch wenn es im ersten Moment schwer wirkt. Es ist ungefähr so, wie Jazz zu hören oder Zeuge einer komplett neuen Musikbewegung zu sein: Man kann es zunächst nicht einordnen. Speziell elektronische Musik sollte doch clubtauglich und tanzbar sein. Doch wenn man zu diesem Sound tanzen würde, würden die Bewegungen in etwa so aussehen, wie die des gruseligen, japanischen Mädchens aus dem Horrorfilm „The Grudge“. Spannend eigentlich, vielleicht entwickelt sich daraus ja ein komplett neuer Tanzstil. Es könnte auch genauso gut Teil eines abgefahrenen Videospiels sein, oder vielleicht sterben ja wirklich sämtliche Clubs aus und wir feiern nur noch als Hologramme zu diesem Sound miteinander. Was auch wird, ich kann es beim besten Willen nicht voraussagen, doch diese Musik ermöglicht es wenigstens meiner Fantasie weit auszuholen. Ich lehne mich mal wieder ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass dieses Album in Zukunft als Meilenstein der Musikgeschichte angesehen werden könnte. Der Tod von einem der Gründerväter der elektronischen Musik, Florian Schneider von Kraftwerk, müsste doch eigentlich ein Zeichen sein, um endlich neue Wege zu beschreiten. So lange gab es keine wirkliche musikalische Revolution mehr, wer könnte also dieses bombastische Erbe weiterführen? Drahthaus vielleicht? Wir werden sehen. Wenn wir also vielleicht in ein paar Jahren die kernigen Namen Ludwig Ascher, Valentin Martins, Simon Öggl und Hans Zoderer in einem Geschichtsbuch stehen sehen, werden sie uns nicht an einen Bauernaufstand oder eine politische Gruppierung erinnern. Nein, sie werden hoffentlich als Begründer der New Wave Of Elecronic Music (NWOEM) angesehen werden, während sie ihr Dasein in einem Pool vor ihrer Villa in Los Angeles fristen. Oder auch nicht. Aber trotzdem ist es der Wahnsinn, wie dieses Album meine Fantasie anregt. Willkommen im Drahthaus.  

Foto: Mateusz Wiglinzki  

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