Music

May 7, 2020

Rätselhaftes Klangerdbeben: Fugitive

Florian Rabatscher

Ein heftiges Beben hat am 20. April 2020 den Südtiroler Musikuntergrund erzittern lassen. Wahrscheinlich haben es viele leider nicht wahrgenommen, weshalb ich jetzt ein paar Zeilen darüber schreibe. Im hiesigen Musikkosmos existiert nämlich eine kleine, unerforschte Dimension, die sich irgendwie von allen anderen abhebt und wie eine rätselhafte Gaswolke irgendwo über uns dahinschwebt. Von Zeit zu Zeit öffnet sich ein Wurmloch und spuckt Klänge aus dieser geheimnisvollen Welt aus, damit auch wir sie genießen können. Schuld an der letzten Erschütterung war jedenfalls die neue Veröffentlichung der wohl mysteriösesten Band hierzulande: Fugitive. Es wäre eine Schande nicht über diesen Release zu berichten, weil er wahrlich bombastisch ist.fugitive2

Das Werk nennt sich „Multiverso“, enthält acht Songs, bei denen keiner dem anderen gleicht und auch der Sound selbst ist nicht von dieser Welt. Vielleicht zeigt das abgefahrene Cover, das von Matteo Lescio entworfen wurde, ein Bild aus dieser Dimension? Darüber kann man nur spekulieren, aber Fakt ist, Fugitive sind mehr als irgendeine schlichte Rockband. In einer Zeit, wo jeder Wichtigtuer seine heiße Luft (die sich selbst Musik schimpft) ins Netz hochladen kann, sind Bands wie Fugitive eine reine Wohltat. Man wird in sämtlichen Social-Media-Kanälen so zugespamt, dass einem nur noch schlecht wird. Viele Künstler neigen zu einer übertriebenen Selbstinszenierung und wollen auch noch ernsthaft weismachen, irgendeine Message zu verbreiten. Doch auf mich wirkt diese penetrante Art in etwa so anziehend, wie die Zeugen Jehovas am anderen Ende der Gegensprechanlage. Jedenfalls stellt diese Band sich nicht so in den Vordergrund und agiert eher versteckt hinter ihrem Sound und der Symbolik. Man hört die Musik und weiß ohne Erklärung, wieviel Arbeit darin steckt. Hier wird Wert auf ein richtiges Arrangement gelegt. Dieses Album benötigt nicht einmal ein Gesamtkonzept, da jedes einzelne Lied für sich mit der Dramaturgie eines ganzen Films spielt. Bestes Beispiel dafür wäre der Song „Purple Rainer“, der hoffnungsvoll anfängt, sich dann langsam ins Unbehagliche steigert, am Ende in ein komplettes Dreschinferno abdriftet, bis sich der Vorhang schließt. Wer Fugitive schon kennt, wird auf dieser Scheibe trotzdem viele neue Seiten von ihnen entdecken: sei es durch „Underworld“, einem kompletten Akustikgitarrenstück, oder aufgrund der Tatsache, dass einmal sogar eine Stimme auftaucht, oder durch den mystischen Drone-Song „Higher“, dessen Riff sich dermaßen in die Länge zieht, dass er wahrscheinlich erst bei ihrer nächsten Veröffentlichung ein Ende findet …
Sie selbst beschreiben ihren Sound als eine instrumentale Mischung aus Rock, Metal, Prog, Post Rock und Stoner Rock in einem psychedelischen Flair. Für mich ist es jedenfalls schwierig, irgendeinen Vergleich für diese Klänge zu finden. Wäre ich gezwungen, einen zu finden, dann wäre es der Spirit ihrer Musik. Dieser spiegelt sich für mich im Song „Orion“ von Metallica wieder, mit besseren Drums als die von Lars Ulrich natürlich.

Musik-Nerds werden jedenfalls ihre Freude an diesem Werk haben, weil man auch bei wiederholtem Anhören, ständig etwas Neues entdeckt. Vielleicht sollte man eine Wiki-Seite über Fugitive online stellen, um das gesammelte Wissen zusammenzutragen. Einen Eintrag dafür hätte ich schon mal: Mir ist nämlich aufgefallen, dass sie einen speziellen Release-Rhythmus besitzen. Die erste Veröffentlichung war 2011, die nächste 2013, die dritte 2016 und diese hier 2020. Na? Macht’s Klick? Die Mathe-Magier unter euch, müssten also schon wissen, wann der nächste Longplayer erscheinen wird. Es ist wahrhaft eine rätselhafte Aura, die dieses Album umgibt. Haben etwa die letzten Ufo-Videos, die das Pentagon veröffentlicht hat, auch etwas damit zu tun? Oder ist es eine klangliche Form all der kursierenden Verschwörungstheorien? Was es auch ist, ihr solltet dieses Hörerlebnis keinesfalls verpassen. Denn einen ihrer speziellen Live-Auftritte werden wir wohl länger nicht zu sehen bekommen. Speziell, weil sie es vorziehen, bei charakteristischen Outdoor Festivals, wie das legendäre Duna Jam oder die Mountain Sessions, aufzutreten. Fugitive gehören einfach nach draußen, da ihr Sound kraftvoll und zugleich beruhigend wie die Natur selbst ist.

Vielleicht habe ich jetzt meine Beschreibung für sie gefunden: Kraftvolle Wellen, die auf die Brandung knallen. Also seht „Multiverso“ als kleine Hilfe in dieser unglaublichen Zeit. Verliert den Boden unter euch, schaltet und hebt ab mit diesem meditativen Sound. 

Fotos: Fugitive 

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