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May 2, 2020

14_Birgit Gostner – Die Leute sind sehr froh, dass sie arbeiten dürfen

Susanne Barta

Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin. 

 

Birgit Gostner ist seit 2014 Verwaltungsleiterin der Obstgenossenschaft Laurin (ehemals Zwölfmalgreien). Sie hat Betriebswirtschaft an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck studiert, mit Schwerpunkt Personalwirtschaft und Unternehmensführung.Birgit Gostner Foto_1

Aufgezeichnet am 27. April 2020 

Die Obstgenossenschaft Laurin ist in der Lebensmittelnahversorgung tätig, wir gelten als systemrelevanter Betrieb und haben deswegen auch während dieser Zeit an beiden Standorten voll gearbeitet. Bei 160 Mitarbeitern hatten wir bisher keinen Krankheitsfall. Auch weil wir von Anfang an umfassende Sicherheitsmaßnahmen ergriffen und sofort geschaut haben, was zu tun ist. Das war nicht ganz einfach, da einigen Mitarbeitern die Corona-Gefahr eher aufgebauscht erschien, andere wiederum hatten große Angst. Aber es ist gelungen, auf alle Bedürfnisse einzugehen und die Maßnahmen so zu setzen, dass sich die Mitarbeiter so sicher wie möglich fühlen können. In der Verwaltung haben wir Homeoffice organisiert, Leih-PCs angemietet und vor allem Müttern ermöglicht, zuhause zu arbeiten, dass sie sich auch um die Kinder kümmern können. Jedem wird in dieser Zeit sehr viel abverlangt. Über die getroffenen Maßnahmen bekommen wir positive Rückmeldungen. In der Zwischenzeit sind einige vom Homeoffice wieder ins Büro zurückgekehrt. Die Leute sind sehr froh, dass sie arbeiten dürfen. 

In der Verwaltung essen wir, natürlich mit Abstand, gemeinsam zu Mittag in unserem kleinen Sitzungsraum. Das ist meistens sehr lustig. In der Zwischenzeit aber geht uns der Gesprächsstoff aus, es gibt kaum mehr Geschichten, die wir uns erzählen können. Alle sind abgekapselt und es gibt nichts Neues mehr. Vielleicht sollten wir beginnen, Activity zu spielen.

Birgit Gostner Foto_2

Ich habe zwei Töchter, Anna ist 18 Jahre alt, Lena 15. Da ich immer Vollzeit gearbeitet habe, sind es meine Kinder gewohnt, sehr selbstständig zu sein. Was ihnen aber derzeit abgeht, ist das gemeinsame Mittagessen. Wir haben uns immer zu Mittag bei den Schwiegereltern getroffen. Eine Woche war mein Mann im Homeoffice zuhause, er arbeitet in Brixen und ist jetzt auch wieder im Betrieb. Die Kinder organisieren sich selbstständig. Mit der Schule erlebe ich das eigentlich so wie während des Schuljahres. Es gibt Lehrpersonen, die sich immer bemühen, andere weniger. Das hat sich nicht geändert. Es ist für alle eine große Herausforderung, niemand war darauf vorbereitet. Aber ich bemerke, dass die Kinder Nachholdbedarf haben. Ich hoffe, dass sich da jetzt auch etwas ändert. Die Schule müsste landesweit eine Homeschooling-Plattform einrichten und Lehrer und Schüler entsprechend weiterbilden. Es gibt Lehrpersonen, die mit dem digitalen Unterricht total überfordert sind. Die Kinder erlebe ich als sehr flexibel, sie passen sich an, aber für die Eltern ist es eine riesige Herausforderung. Ich sehe das auch bei Kolleginnen, die Kinder in der Grundschule haben. Sie werden überhäuft mit Hausaufgaben über E-Mail, Zoom, Whatsapp und die Eltern müssen sich darum kümmern. Keiner denkt darüber nach, dass die Eltern, meistens sind es die Mütter, Heimarbeit, Haushalt, Kinderbetreuung und Freizeit organisieren müssen und ihren Kindern dann auch noch etwas beibringen sollen. Und ich habe nicht erlebt, dass die Schulen darauf Rücksicht nehmen. Das ist keine schöne Zeit für die meisten. Birgit Gostner Foto_3

Ich glaube, wir wünschen uns alle, dass sich etwas verändert. Aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht daran. Wenn uns der Alltag wieder hat, vielleicht auch erst in einem Jahr, wenn es einen Impfstoff gibt, dann fallen wir wieder in die alten Rhythmen zurück. Wir haben alle gemerkt, dass wir sehr flexibel sein können, wenn wir zusammenhalten. Ich würde mir wünschen, dass das den Leuten mehr bewusst wäre. Vielleicht wird es auch so sein, dass sich unsere globale Welt etwas beruhigt und wir regionale Feinheiten mehr zu schätzen wissen. Aber auch das wird wohl nur kurze Zeit andauern. Wir sehnen uns alle nach Weite und Freiheit. Das lässt sich nicht aufhalten. Und wir wollen uns ja auch nicht zurück entwickeln, das kann es auch nicht sein.

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos © Birgit Gostner 

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