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April 25, 2020

13_Paolo Lugli – Es ist interessant, wie viel möglich ist, wenn es notwendig ist

Susanne Barta

Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin. 

 

Paolo Lugli hat Physik und Elektrotechnik in Modena und in den USA an der Colorado States University studiert, in Rom gelehrt und war 16 Jahre an der TU München, bevor er 2017 als Rektor der Freien Universität Bozen nach Südtirol gekommen ist. Paolo Lugli hat sich mit Nano- und Molekularelektronik beschäftigt, sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist „printed electronics“.

 

Aufgezeichnet am 18. April 2020

Für mich ist diese Zeit sehr viel anstrengender als die Zeit vor Corona. Meine Aufgabe als Rektor, Lehrender und Leiter einer Forschungsgruppe hat mich eigentlich voll ausgelastet. Die Verantwortung ist groß, auch bei einer kleinen Universität ist viel zu tun tagtäglich. Mit der Corona-Krise kommt jetzt noch das Emergency-Handling dazu. Das ist eine große Herausforderung, weil wir es mit einer völlig neuen Situation zu tun haben. Unser wichtigstes Ziel ist, neben der Sicherheit der Mitarbeiter, dass die Studierenden weiter studieren können. Alles andere ist entweder verlangsamt oder findet zurzeit nicht statt. Forschung nur dann, wenn die Professoren zuhause arbeiten können, wenn es ein Labor braucht, geht nichts.

Foto_1_Paolo Lugli

Es ist interessant, wie viel möglich ist, wenn es notwendig ist. Innerhalb einer Woche sind fast alle Vorlesungen auf Online umgestellt worden. Wir haben, Gott sei Dank, eine sehr gute und effiziente Informatikabteilung, die alle unterstützt. Für die Studenten ist diese Form der Vorlesung zwar anders, aber sie bekommen das ganze Angebot. Wenn wir in den nächsten Monaten auch die Prüfungen virtuell durchführen können, ist wenig verloren worden und es kann gut weitergehen.

Wir waren alle unvorbereitet. Um gut reagieren zu können, braucht es Flexibilität. Es gibt Leute, die das ohne große Probleme schaffen, andere tun sich schwer. Das hängt auch von der Haltung und vom jeweiligen Background ab. Wenn man, zum Beispiel, mit einer Rechtsabteilung spricht, ist die Flexibilität sehr gering. Man muss aber Kompromisse finden. Einiges, was wir gerade machen, ist nach den vorliegenden Regelungen, nicht erlaubt. Zum Beispiel eine Diplomprüfung ohne Publikum abzuhalten oder ohne Anwesenheit des Kandidaten. Aber wenn man möchte, dass die Studenten ihre Prüfungen machen können, muss man temporär einige Regeln ändern. 

Wir haben die Uni für alle gesperrt, die mit Lehre zu tun haben. Aber was nötig ist, ist offen, denn es gibt Bereiche, wo es weitergehen muss. Natürlich mit den notwenigen Sicherheitsvorkehrungen. Ausschreibungen gehen weiter, ebenso die Verwaltung. Viel läuft zwar über Smart Work, aber einige, auch ich, müssen immer wieder in die Uni, um in Dokumente einzusehen, zu unterschreiben, Dekane müssen die Fakultäten weiter leiten. Das heißt, es gibt für mich persönlich Beschränkungen, die, muss ich sagen, schon heavy sind, aber dazu kommt die Verantwortung für die ganze Struktur. Nicht alles, aber sehr viel, liegt da auf meinen Schultern.

Foto_2_Paolo Lugli

Der Austausch mit Menschen hat sich drastisch verändert und ich freue mich, wenn ich zu Fuß zur Uni gehe und jemanden treffe, den ich kenne. Jemanden persönlich zu treffen und einfach nur zu reden, das ist schon ein Geschenk. Sonst spielt sich alles auf Teams, Zoom, Skype etc. ab. Das ist ganz anders und auch sehr anstrengend. Man muss sehr konzentriert sein, ist nie ganz locker. Nach einem ganzen Tag in die Kamera schauen, bin ich meist am Abend sehr müde. Diese Kommunikationswerkzeuge sind wichtig, gerade jetzt, aber sie ersetzen den direkten Kontakt nicht. Ich habe, zum Beispiel, vor einigen Tagen ein Video aufgenommen für alle Mitarbeiter und Studenten. Das war für mich total anstrengend. Ich spreche viel vor Leuten oder Mikrophonen, ich improvisiere gerne und das fällt mir eigentlich nicht schwer. Ich habe mich vorbereitet, stand steif vor der Laptop-Kamera und war total blockiert. Jeden Satz musste ich wiederholen, denn ich wollte nicht ablesen. Das Ergebnis war am Ende ok, aber es war eine aufwendige und nicht sehr befriedigende Sache. Wobei ich sagen muss, wenn ich meinen Sohn anschaue, er ist 23 und wohnt in Berlin, war das für ihn auch vor der Krise selbstverständlich. Er trifft seine Freunde online, filmt, die Kamera ist immer dabei. Die Jungen gehen viel lockerer mit diesen Instrumenten um. Vielleicht kann ich das noch lernen.

Foto_3_Paolo Lugli

Hinsichtlich möglicher Veränderungen gibt es für mich verschiedene Aspekte: Die Universität betreffend haben wir gesehen, dass es auch andere effektive Wege gibt zu unterrichten und zu arbeiten. Da gibt es also komplementäre Möglichkeiten. Im Bereich Weiterbildung, zum Beispiel, können wir mit diesen Instrumenten in Zukunft viel machen hoffe ich.
Auf persönlicher Ebene haben viele, auch ich, ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, alleine zu sein. Ich wohne alleine, habe dadurch zwar keine Konflikte, bin aber alleine. Die direkte Kommunikation wird wohl nach Corona mehr wertgeschätzt werden.
Auf politisch-sozialer Ebene habe ich keine große Hoffnung, vor allem nicht in Italien. Auch wenn manches doch relativ gut geht, die Leute etwas disziplinierter sind als erwartet. Aber wenn man schaut, wie viele Kommissionen es gibt und Task Forces, besetzt mit Leuten, die nicht unbedingt kompetent sind, dann sieht das für Italien nicht gut aus im Vergleich zu anderen Ländern. Deutschland, zum Beispiel, macht das viel besser. Lothar Wieler, der Chef des Roland-Koch-Instituts und eine international anerkannte Persönlichkeit, ist de facto die Autorität. Es gibt nicht hunderte Corona-Kommissionen wie in Italien. Ich habe viele Jahre in München gelebt, schon da fiel mir auf, dass es immer eine gewisse Distanz zu Problemen gibt. Es wird beobachtet, bevor man handelt. Bei uns kommt sofort die Emotion heraus. Wenn ich hier Nachrichten schaue, dann gibt es Reports über Reports, in allen Details, alle reden mit, alle wissen Bescheid, es wird debattiert, alle Medien haben alle möglichen Experten, die Politiker reden ständig, es ist ein Riesenspektakel. Das ist extrem, aber das ist Italien. Dass wir aus dieser Krise etwas lernen, da habe ich meine Zweifel.  

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos © Paolo Lugli 

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