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April 1, 2020

4_Marie-Luisa Frick – Nicht Warum, sondern Wie

Susanne Barta

Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin.

 

Marie-Luisa Frick hat Philosophie und Rechtswissenschaften studiert. Die Assoziierte Professorin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck ist in Lienz aufgewachsen und forscht und lehrt heute zu Rechtsphilosophie, Sozialphilosophie, Politischer Philosophie, Ethik und Religionsphilosophie. Wir sind uns auf Skype das erste Mal für dieses Gespräch begegnet. Ihre leichtfüßige Ernsthaftigkeit fand ich sehr inspirierend.

 

Aufgezeichnet am 24. März 2020

Philosophen oder auch Wissenschaftler, die kein Labor brauchen, sind es gewohnt, viel Zeit alleine zu verbringen. Ich arbeite wieder an einem Buch und da geht’s mir gerade sehr gut. Ich bin gewohnt, mich zu konzentrieren, gewisse Dinge auszublenden, alleine zu arbeiten und auf mich zu schauen. Aber es ist etwas anderes, ob man das freiwillig macht oder auferlegt bekommt. Und ob es auch andere betrifft, wo man vielleicht mitfühlt und mitleidet. Es ist also ein Unterschied zu Rückzugsphasen, die ich sonst gut kenne. Aber ich bin guten Mutes und soweit zuversichtlich, dass es, ich möchte nicht sagen, gut ausgeht, aber halbwegs zu bewältigen ist.

Ich habe einen Balkon und beobachte von dort immer wieder die Straße. Es ist fast alles leer, die Menschen nehmen Abstand, weichen einander aus. Auch wenn ich mit Menschen rede, spüre ich eine große Verunsicherung, vor allem wenn sie Arbeitsplätze haben, die nicht so abgesichert sind wie meiner. Ich bin im Homeoffice, betreue meine Studenten über „distant learning“, das ist alles machbar. Aber für viele geht’s um alles. Und da merkt man wie verwundbar viele Bereiche der Gesellschaft sind. Ich habe Freunde, die im OP in der Klinik arbeiten. Sie haben Berufe, wo ich mir sage, was ich leiste, ist nichts im Vergleich zu dem, was sie jetzt schultern. Da beobachte ich, dass viele wie ich darüber nachdenken, was gebe ich eigentlich der Gesellschaft, was ist meine Arbeit wert?Marie-Luisa Frick Foto_1

„Social Distancing“ liegt uns Menschen nicht im Blut. Es muss rational verstanden werden, dass das jetzt die richtige Maßnahme ist. Man sieht auch, wie schwer es uns fällt. Wie sehr wir versuchen, Kontakt über andere Wege aufrecht zu halten. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander. Durchzuhalten ist das nur im Bewusstsein, dass dieser Zustand eine Ausnahme bleibt. Ansonsten wäre das Leben sinnlos. Umso wichtiger ist es, diese Krise so gut wie möglich und so schnell wie möglich zu bewältigen. Dass das Leben wieder halbwegs so weitergehen kann, wie wir es kennen und brauchen. Als offene Gesellschaft, wo man sich überall hinbewegen, beteiligen, neue Beziehungen eingehen kann, man Menschen kennenlernen und unbefangen aufeinander zugehen kann. Alles, was wir mit Gesellschaft in einer freien Welt verbinden und wir für selbstverständlich genommen haben. Ich glaube, das nächste Mal, wenn ich in ein Restaurant gehe oder in ein Konzert, wird das unglaublich sein. Noch vor einem Monat wäre diese Vorstellung absurd gewesen.  

Es wird sicher große systemische Veränderungen geben, die wir bisher noch gar nicht absehen. Wo ich mich auch nicht traue, Prognosen abzugeben. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich ein gewisses Hygienebewusstsein hält, weil man nun weiß, es gibt Infektionskrankheiten, die immer wieder auftreten können. Und dass man sich vielleicht auch überlegt, was mir soziale Kontakte wert sind. Welche sind mir so wichtig, dass ich nicht auf sie verzichten möchte. Und wo habe ich auch gemerkt in dieser Zeit der Isolation, des Rückzugs, dass ich auf sie verzichten kann.

Was die Philosophin beitragen kann? Das, was sie immer tut: beobachten, nachdenken, produktiv sein, aktuelle Bezüge herstellen. Aber wenn wir in eine Situation kommen, wo jede Hand gebraucht wird, würde auch ich mich zur Verfügung stellen. Es gibt Zeiten, wo man mehr leisten muss als das, was man sonst tut.Marie-Luisa Frick

Vielleicht ist es auch wichtig darüber nachzudenken, welche Risiken es überhaupt für die Menschheit gibt. Eine Pandemie war lange sehr abstrakt, auch wenn das Thema von Spezialisten immer wieder aufgebracht wurde. Dieses Risiko ist nun eingetreten und wir waren nicht gut genug vorbereitet. Es ist auch wichtig, Politik in größeren Dimensionen zu denken. Uns zu fragen, was sind weitere Risiken? Atomkraft zum Beispiel. Oder Klimawandel. Wie können wir uns langfristig stärker auf solche möglichen bedrohlichen Szenarien vorbereiten und nicht nur in dieser kleinteiligen Verwaltung leben, als die wir sonst Politik verstehen? Einsehen, dass wir größere Perspektiven brauchen, auch größere Möglichkeiten der Kooperation im internationalen Bereich. Und daraus Schlüsse ziehen für die nächsten 100 oder 1.000 Jahre der Menschheit, wo solche Gefahren ja immer wieder auftreten werden, vielleicht sogar in größerem Maße.

Vielleicht auch dieser Spaßgesellschaft, die wir doch auch sind, einen gewissen Ernst zurückzugeben. Die Verletzlichkeit des Menschseins, das Ende der Welt, wie wir sie kennen, das sind große und ernste Themen, die wir Menschen oft von uns weg schieben. Jetzt ist die Zeit daran zu wachsen, diese Fragen zuzulassen. Diese Aufgabe würde ich wirklich der Philosophie zuschreiben und nicht nur den Religionen. Denn die sind ja, persönlich gesprochen, völlig machtlos, darauf im 21. Jahrhundert Antworten zu geben. Wir brauchen jetzt auch keine Antworten auf das „große Warum“. Warum kommt jetzt dieses Unglück, warum ist es eingetreten? Wir brauchen auch keine Kindereien wie „Die Natur will uns etwas sagen“. Wir sollten uns eher fragen, wie gehen wir damit um und was heißt das für unser menschliches Leben. Die Philosophie hat da sehr viel anzubieten.  

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos: Marie-Luisa Frick 

 

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