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March 28, 2020

2_Heiner Oberrauch – Ich bin besorgt, habe aber keine Panik

Susanne Barta
Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin.

 

Heiner Oberrauch ist Präsident der Oberalp-Salewa-Gruppe und Vizepräsident des Südtiroler Unternehmerverbands. Als Unternehmer ist es ihm gelungen, Geschäftssinn mit sozialem und nachhaltigem Engagement zu verbinden. Sein Anspruch diesbezüglich ist hoch. Ein Anspruch, den er nicht nur an Land und Leute, sondern auch an sich selbst richtet. Wir haben dieses Gespräch in einem für Heiner Oberrauch hektischen Moment geführt, wo große Entscheidungen unter Druck getroffen werden mussten.

 

Aufgezeichnet am 20. März 2020 

Ich beobachte viel Solidarität, aber auch Hektik und Emotionen. Vor etwa einer Woche kam die Anfrage seitens des Landeshauptmanns, ob wir helfen können. Wir haben dann begonnen Betriebe, die für uns Gore-Tex-Jacken nähen, auf die Produktion von Schutzmänteln und Masken umzustellen. Gleichzeitig bei unserem chinesischen Partner angefragt, ob er uns Schutzausrüstung zur Verfügung stellen kann. Wir sind mit 20 Millionen Euro in Vorleistung gegangen. Eine solche Summe ohne Garantie nach China zu überweisen, außer einer E-Mail und dem Wort des Landeshauptmanns, da war mir doch etwas mulmig zumute. Die Organisation, vor allem des Transports, war formal ziemlich schwierig. Über die österreichische Regierung hat die AUA (Austrian Airlines), da keine Cargo-Flugzeuge mehr zur Verfügung standen, Zivilflugzeuge geschickt und dann hat es geklappt. Wir verstehen uns hier als Vermittler und wollen daran nichts verdienen.

Heiner Oberrauch Foto_1

Entschleunigung erlebe ich derzeit bei meiner Frau und den Kindern, bei mir ist es gerade umgekehrt. Ich dachte zunächst, dass diese Quarantänezeit sich wie ein ausgedehnter „Ferragosto“ anfühlen wird. Anders vor allem durch die Dauer und die Ungewissheit, was nachher kommt. Ich rechne damit, dass einiges zusammenbrechen wird. Für unser Unternehmen werden wir diese Zeit überbrücken können, aber natürlich gibt es auch für uns Konsequenzen. Es ist wichtig, den Mut nicht zu verlieren. Auch habe ich gelernt, dass unser Unternehmen bisher aus jeder Krise gestärkt herausgekommen ist, da nach der Krise Platz wird und kränkelnde Unternehmen das Handtuch werfen. Ich bin besorgt, habe aber keine Panik. Wir können viel lernen aus dieser Krise. Merken, zum Beispiel, wie viele Fahrten wir unnütz machen. Fahrten, die wir uns sparen können in Zukunft. Vieles lässt sich über Skype oder andere Online-Formate erledigen. Wir lernen auch, dass Homeworking gut funktioniert. Da wird sich weltweit bei uns in der Organisation einiges ändern. 

Die Frage, ob es auf der Welt nach Corona anders weitergehen wird, stelle ich mir oft in diesen Tagen. Vielleicht sind wir ein halbes Jahr bedächtiger? Aber ich habe Sorge, dass nachher vieles einfach so weitergeht wie bisher. Ich habe sogar Angst, dass in einigen Bereichen überreagiert wird, der Nachholbedarf groß sein wird. Auf der technischen Ebene, etwa im Bereich der Kommunikation, wird es, wie gesagt, einiges geben, das beibehalten wird. In der Achtsamkeit der Welt gegenüber aber wohl nur begrenzt. Ich habe Angst, dass der Leidensdruck hier noch zu gering sein wird. Wirtschaftlich gesehen wird man versuchen sich in der Produktion nicht mehr nur auf eine Region zu beschränken. Da könnte es zu einer Entflechtung der Konzentration kommen und hoffentlich lokales Wirtschaften verstärken. Wir erleben, dass die Welt klein geworden ist und dadurch fragil, und vielleicht wird doch eine neue Weltenordnung kommen.

Heiner Oberrauch Foto_2

Ich bin gerade mitten in der Betriebsübergabe. Meine Frau hat mir vor einiger Zeit den Spiegel vorgehalten und gemeint, „Heiner du musst runter“. Das tue ich nun seit etwa einem halben Jahr. Das passiert bei mir sowieso. Ich bin nicht ganz zufrieden mit mir selbst bisher, aber doch ein Stück weit. Corona hat mich aber wieder hineingeschleudert. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Welt als Ganzes langsamer drehen wird. In den ersten Tagen hat man auch gesehen, dass es geht. Wäre die Krise also kurz gewesen, dann hätte jeder gesagt, es geht. Je länger die Krise aber dauert, desto mehr kommen existentielle Ängste dazu und die Presse hat damit ein starkes Thema.

Sehr positiv ist, dass man nachdenkt über die Welt. Die Erfahrung macht, es kann auch anders gehen. Gemeinschaft wird wieder wichtiger, Solidarität, Zusammenrücken in der Krise, sich umeinander Kümmern. Das Kollektiv ist derzeit wichtiger als das Individuum. Das ist schön.

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler
Fotos: Heiner Oberrauch 

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