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November 19, 2019

Der ewige Rebell: Jakob de Chirico

Florian Rabatscher

Über 50 Jahre ist es nun her … eine ziemlich lange Zeit, doch hat sich viel verändert? Die 68er haben ihr Jubiläum gefeiert, viel zu feiern gab es jedoch nicht. Die Mitglieder jener glorreichen Generation sind mittlerweile im Ruhestand, das Ruder sollte den Jüngeren in die Hand gedrückt werden. Die Zeiten haben sich geändert, die Probleme bleiben im Prinzip dieselben. Der Rechtstrend zieht unaufhaltsam durch unsere Gesellschaft und Politik und auch von der (ach so heiligen) Kirche, die immer noch das Denken vieler Leute bestimmt, ist keine Einsicht oder Veränderung in Aussicht.
Aus diesem Anlass mache ich mich auf die Suche nach irgendeinem Überbleibsel jener Bewegung in unserem Land. Meine Spur führt mich in die Kurstadt Meran, denn dort lebt Jakob de Chirico, seines Zeichens Künstler, Antifaschist und Kirchengegner. Meiner Ansicht nach, ein verdammt nochmal überaus wichtiger Charakter unserer Geschichte, auch wenn er nicht viel Erwähnung findet. Während ich noch in die Passeirergasse einbiege, vernehme ich bereits heftigste Diskussionen darüber, was es mit diesem franzmagazine auf sich hat.
„Wird das gedruckt? Oder was?“ 
Ein anderer darauf: „Oh, Maria! Franz? Nie gehört …“
Ich treffe ihn. Auch wenn man Jakob de Chirico vorher noch nie gesehen hat, versteht man sofort, zu wem dieser Name gehört. Auf dem Weg zu seiner Wohnung wird klar, Jakob hat viel zu erzählen und für sein hohes Alter besitzt er eine erstaunliche Fitness. Wie eine Schildkröte auf Koks kommt er mir vor, so wie er da neben mir herläuft, sofort Anekdoten aus seinem Leben erzählt und scheinbar an jedem Eck, an dem wir vorbeikommen, etwas bewirkt hat. Anscheinend hält das Dasein als Künstler fit oder liegt es eher daran, wie sein Kopf arbeitet? Denn seine Gedanken arbeiten fortschrittlich, was für Leute in seinem Alter keine Selbstverständlichkeit ist … In seinen Augen spiegelt sich immer noch der Geist der Revolution, der Veränderung sucht und sich nicht einfach abwimmeln lässt. Sein Streben nach Aufklärung und Fortschritt ist noch lange nicht zu Ende, oh nein, der Kampf geht weiter! Auch der Farbfleck auf seinem Pulli zeugt von Würde.

Angekommen in seiner Wohnung, fühlt man sich eher wie in einem Kunstatelier oder Museum als an einem Ort, den jemand bewohnt. Vollgepackt mit seinen und Kunstwerken von anderen, Büchern und Fotos, soweit das Auge reicht – wirklich beeindruckend. Er entschuldigt sich zwar für das Chaos, aber kann man es so nennen? Niemals. Ein Spielplatz für Kunstsammler, in jedem noch so entfernten Eck der Wohnung findet man irgendetwas Interessantes. Ich glaube auch: Würde man seinen Bio-Müll durchwühlen, würden sogar dort diverse Kunstwerke ins Auge fallen. Denn nur klassisch auf Leinwand wird bei Jakob nicht gearbeitet, was er mir präsentiert, fällt alles irgendwie aus dem Rahmen. Ja sogar auf Essbarem wird gewerkelt, aber natürlich nichts verschwendet. dechirico2 
„Schau! Die Fische. Die halten!“, ruft er plötzlich.
„Was zum Teufel?“, denke ich mir erschrocken.
In seiner Küche zieren längst verstorbene Fische, eingearbeitet in ein Bild mit der Aufschrift „O’pesce ‘m mano“, seine Küchenwand. Eine Edition von 150 Stück – mit einem Problem: als er die Fische zerteilte, hatte er zwar auf beiden Hälften ein Stück Kopf, aber keinen Schwanz. Also gab es für eine Woche nur Fisch. Mahlzeit! Wie es sich für einen Tiroler gehört, hat er auch auf Speck und Käse gearbeitet: Eine Speckschwarte, oberhalb seines Schreibtisches hat er mit verschiedensten Voodoo-Insignien verziert, auf dem Käse wiederum steht zu lesen: Intelligence=E MentalChianti und dahinter: Einstein war ein Koch. Auch das längst kalte Nudelgericht in der Ecke, das wahrscheinlich von mittags übrig ist, wird früher oder später vielleicht in ein Kunstwerk verwandelt. Ziemlich witzig das Ganze. Auch Humor spielt eine große Rolle in Jakobs Werken. Kunst werde doch viel zu ernst genommen, obwohl große Künstler auch mit ihren Werken mit uns lieber Späße trieben, als große Botschaften zu verbreiten, meint er.  Dies sowie Jakob selbst finden keine Erwähnung in Büchern. Kunst werde viel zu steif betrachtet, aus diesem Grund besuchte er die Kunstschule in Gröden und die Akademie in Innsbruck. Denn ohne Diplom in der Tasche, denken die meisten, hat man keine Ahnung von Kunst. Auch machte er früh genug Bekanntschaft mit dem Ernst des Lebens. Als (von ihm selbst so genannten) Bastard eines italienischen Faschisten und einer Innsbruckerin kann man sich leicht vorstellen, woher seine Überzeugungen kamen. … als Tante Rosi sich einmal dachte, bringen wir dem italienischen Buben doch ein Lied bei, fiel die Wahl auf „Bandiera Rossa“. Was für ein Spaß, ich hätte zu gern das Gesicht seines Vaters gesehen, als nun der kleine Jakob dieses Lied trällerte. – Er wuchs in zwei Welten auf, bis elf war er bei seiner Mutter in Österreich und dann in Klausen, in den Händen des, von ihm immer herzlich betitelten „Fasci“.

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Unter der strengen Hierarchie seines Vaters hatte es der 17jährige Jakob dann endgültig satt und haute von Zuhause ab. Doch wohin sollte ein unerfahrener Teenager gehen? Zurück wollte er jedenfalls auf keinen Fall. Seine Flucht führte ihn schließlich nach Genua, wo er von einem Mädchen aus Brixen wusste, dass sie dort zur Schule ging und in einem Kloster wohnte; vielleicht könne er bei ihr Unterschlupf finden … Da stand er nun vor dem Heim und fragte nach ihr. Eine Frau am Eingang sah ihn nur verdutzt an und schrie: „Dies ist kein Ort für Kinder, was willst du überhaupt hier?!“
Er dachte, sie meine damit sicher, da dies ein Mädchenheim sei, und er deshalb als Junge nicht erwünscht wäre. Enttäuscht ließ er den Kopf hängen und erregte somit doch etwas Mitleid bei der Frau. Sie meinte zu ihm, seine Freundin wäre später hier, dann könne er wiederkommen. Und das tat er auch. Letztendlich entpuppte sich das Heim als Bordell, das Mädchen hatte zuhause nur Lügen erzählt, was Jakob reichlich wenig schockte, da er zu dieser Zeit nicht einmal wusste, was ein Freudenhaus ist. Der Junge aus Südtirol war so unerfahren. Diese Naivität führte Jakob auch fast in die Hände der Fremdenlegion, da er ein Jugendlicher auf der Flucht war und man dort bestens untertauchen konnte. Diese Schnapsidee wurde zum Glück auf Eis gelegt. Polizeilich gesucht von seinem Vater, verbrachte er längere Zeit in Genua. Nachdem er das verruchte Heim verlassen hatte, schlief er in einem Café, wo er Schlagzeug spielen lernte. Als er nach dem Militärdienst wieder zurück nach Südtirol kam, spielte er in Gröden in einer Band. Fünf Mal in der Woche traten sie in einem Hotel auf und verdienten damit ihren Lebensunterhalt – sogar mehr als ein Mittelschullehrer zu jener Zeit. Unglaublich, wo es unseren Jakob überall hinzog, nicht einfach nur ein Künstler, mehr noch ein Lebenskünstler.

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Nun zurück in seine Wohnung und zum eigentlichen Thema, über das ich mit ihm sprechen will (was sich als schwierig herausstellt). Das Energiebündel Jakob hüpft in seiner Wohnung von einem Eck zum anderen, zeigt mir Kunstwerke, Fotos und erzählt weitere Anekdoten aus seinem Leben. Drei Stunden später, nach einer gefühlten Strecke von 100 Kilometern, die wir in seiner Wohnung zurücklegen, komme ich dann irgendwie dazu, ihm eine Frage zu stellen. Gerade eben noch habe ich Bilder von ihm als Hitler, Magnago als Indianerhäuptling, einer afrikanischen Skulptur mit einem „Dem Land Tirol die Treue“-Shirt, verschiedenste Widmungen von anderen Künstlern und Freunden (Banksy, zum Beispiel) und allerlei Zeitungsberichten und Fotos, die von seinen Werken erzählen, gesehen. Habe ich das Bild von seinem besten Stück schon erwähnt? Auf Anhieb kann ich nicht erkennen, was es ist, bis er dezent erklärt „Das ist mein Schwanz!“ und lacht. Welcher Frau die Hand gehört, weiss er nicht mehr … Egal, wo war ich? Ach ja! Wie hat Jakob de Chirico die 68er erlebt? Natürlich nicht in Südtirol, da sie dort erst Jahre später ankamen, wie er sagt …

Logbucheintrag Captain De Chirico, wir schreiben das Jahr 1968: Led Zeppelin wird gegründet, Martin Luther King wird erschossen, Der 1. FC Köln gewinnt den DFB-Pokal (unglaublich!), das Attentat auf den politischen Aktivisten Rudi Dutschke wird verübt, Studentenunruhen in ganz Deutschland finden statt – und mittendrin Jakob. Die Akademie am Siegestor in München wurde besetzt, Jakob war auch da, weil er dort eine (von vielen) Freundinnen hatte. Ja, ein Frauenheld ist er übrigens sogar heute noch. Als er eines Tages in der besetzten Akademie auf seiner Luftmatratze aufwachte, war alles leer. Sich darüber wundernd, wo denn alle seien, ging er raus auf den Balkon und erblickte auf der Straße vor der Akademie tausende von Studierenden. 
„Jakob! Was machst du noch da oben? Die Polizei dringt ein“, schrieen manche. Er eilte ins unterste Stockwerk, um aus dem Fenster zu klettern, das leider mit Ketten versiegelt war; darauf schlug er es ein und flüchtete ins Freie. Nachdem er auf einen Platz gekommen war, wo verschiedene Taxis auf Kundschaft warteten, hielten ihn die Fahrer dort fest und verständigten die Polizei. Zu seinem Glück beobachteten ungefähr zehn Studenten dieses Szenario und verhalfen ihm zur Flucht. Drei Jahre später wurden erneut Ermittlungen zu diesem geflohenen Studenten aufgenommen, doch keiner verpfiff Jakob. Der eine oder andere mag sich fragen, worauf ich hinaus will, mit dieser banal wirkenden Geschichte. Doch versetzt euch in diese Szenerie. Unvorstellbar heutzutage, oder nicht? Dieses Gemeinschaftsgefühl einer ganzen Generation, ohne darüber nachzudenken, wohin es überhaupt führen mag. Für sie fühlte es sich einfach richtig an, daran gab es keinen Zweifel. Man musste einfach etwas machen, sagt Jakob, die Freiheit, die wir heute haben, hätten sie uns damals erkämpft, meint er. Doch bemerkt er auch, dass alles wieder rückwärts läuft. Was für eine Schande … 

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 „Mandr, s’ischt Zeit, die Uhren on de heitige Zeit onzepassen.“ Ja, es war Zeit, auch für Südtirol. Weltgeschichte wurde hier keine geschrieben, doch war es trotzdem wichtig, den Bewohnern eine zweite Sichtweise zu bieten, da die einzige nur in Form der Zeitung Dolomiten bestand, sozusagen das kleine Spiegelbild vom Springer Verlag in Deutschland, gegen den die 68er auch hart protestierten. „Dolomiten-Omelett mit Volksverdummungsmarmelade“ betitelten Jakob und sein Künstlerkollege Franz Pichler es auf einem Siebdruck. Die Zeitung wetterte immer dagegen, doch die Künstler ließen sich nicht das Wort verbieten. Natürlich lag die Zeitung bei jedem auf dem Tisch, so war es ein leichtes, die Leute zu erreichen. Doch auch Jakob und Co wussten sich zu helfen, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Studenten hatten nicht viel zu melden, also gingen sie auf die Bühne, um das zu ändern. In Bozen, Meran und St. Ulrich in Gröden wurde, unter der Regie eines gewissen Herrn Götz, „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ von Berthold Brecht aufgeführt. Brecht? Ja, genau, sie waren links, was sonst? Jakob übernahm die Rolle von Kallas, einem Bauern, der seine Tochter verkauft. Ihrer Einstellung entsprechend wurde es frei aufgeführt, die Italiener sprachen einfach in ihrer Sprache und die Deutschen genauso. Und wie man sich wahrscheinlich vorstellen konnte, verlor die Dolomiten kein Wort darüber. Anfang der 80er Jahre wurde der Truppe doch noch die Ehre erwiesen, in der Dolomiten aufzuscheinen, und zwar unter dem Titel: „Bolognini schickt die Panzer“: Sie besetzten das Tabakmonopol-Gebäude in Bozen. Was für eine Aktion. Mir fällt jetzt beim Niederschreiben auf, dass ich vergessen habe, warum eigentlich. Naja, trotzdem: Was für eine Aktion. Das sind genau die Gründe, die ihn als Künstler in Südtirol in die Ecke drängten. Obwohl er selbst arbeitslos war, favorisierte er mit den Arbeitern. Die hätten ja keine Ahnung gehabt damals, erinnert er sich. Natürlich waren Jakob und seine Genossen gerne dabei behilflich, Streiks zu organisieren und für ihre Rechte einzustehen. Unmögliche Arbeitsbedingungen dürften nicht einfach so hingenommen werden. Was dabei raus kam? Die Kundgebung in Meran, ein zweitägiger Streik mit über 2.000 Leuten auf der Straße.dechirico6

Man könnte noch ewig weiter von Jakob de Chiricos bewegtem Leben erzählen, doch bin ich nicht hier, um etwas von dieser mystischen 68er Generation zu erfahren? Mir wird immer klarer, dass dies nur zwei Zahlen sind, die für eine Bewegung stehen, die uns Dinge wie befreite Sexualität, Rock-Musik, Emanzipation, Drogenexperimente oder linken Terrorismus geschenkt haben. Doch auch hier bei uns? Warum werden Leute wie Jakob de Chirico tot geschwiegen in unseren Geschichtsbüchern? Natürlich begegnete er auf seinem Weg auch bekannten und heute hochgelobten Freidenkern wie Alexander Langer oder N.C. Kaser, doch ist das alles Schnee von gestern. So fortschrittlich diese paar Leute bei uns hier auch waren, dieses Land hat sich scheinbar keinen Zentimeter weiterbewegt. Fast so, als wären wir in einer Zeitkapsel gefangen. Die Revolte durfte nie enden, um gut zu bleiben. Heute scheint es aber so, als ob sich niemand mehr befreien müsste. Wir haben so viele Möglichkeiten, unsere Bedürfnisse auszuleben, dass es fast schon zur Pflicht verkommen ist. Das Ergebnis: Leistungsdruck und Überdruss. Zudem machen uns heute viele Hippies von gestern das Leben schwer. Wo ist diese sogenannte Linke, wenn man sie so dringend braucht? Wenn ihr mich fragt, sind sie nur noch ein Haufen Waschlappen, die sich kein bisschen von den anderen Schwätzern unterscheiden. Sämtliche politischen Strömungen scheinen zu einem Einheitsbrei verkommen zu sein. Doch leider muss das so sein, oder sie werden ignoriert, wie Jakob. Diese Leute, die noch aus Überzeugung handeln, und nicht nur, um in den Landtag einzuziehen und gutes Geld einzusacken, sterben langsam aus. Auch wir wissen nicht mehr, was es heißt, für etwas zu kämpfen, es dreht sich vieles nur um den persönlichen Erfolg. Die politische Rechte sitzt uns im Genick, die Welt wird von Müll überschwemmt, Menschen flüchten aus ihrer Heimat, der halbe Amazonas-Regenwald wird für Profit abgefackelt und wir diskutieren hier ernsthaft über Themen wie einen Doppelpass? Was für eine Scheiße … Lasst euch doch auch wieder von diesem Feuer, welches ich in Jakobs Augen sah, inspirieren und wacht auf. Vergesst also meine Frage, welche Spuren die 68er Generation bei uns hinterlassen habe. Es wäre angebrachter darüber nachzudenken, welche Spuren unsere Generation noch hinterlassen möchte. Also bitte, mein liebes Heimatland, schau doch wieder einmal nach vorne, lass sie endlich heilen, deine alten Wunden und nimm dich nicht so wichtig. 

Fotos: (1), (4) franzmagazine; (2), (3), (5), (6) Jakob de Chirico

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