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October 30, 2019

Die ganze Wahrheit: Karin Ferrari, Premierentage-Künstlerin 2019

Maria Oberrauch

Die Premierentage in Innsbruck stehen dieser Tage wieder an und wie jedes Jahr gibt es eine Premierentage-KünstlerIn: Karin Ferrari befasst sich mit spekulativen Narrativen an der Schwelle akademischer Theorie, paranoider, politischer Imagination und esoterischer Utopien, ihr Werk ist ein künstlerischer Beitrag zu Fake-News-Phänomenen und visuellem Bewusstsein. Dabei wird sie selbst zu einem Teil des Phänomens, das sie untersucht.

Taucht man wie ich zum ersten Mal ein, in diese Welt aus Youtube-Videos, Symbolen und Menschen, die einem die Welt erklären, kommt man ziemlich schwammig wieder heraus. Die Welt und was auf ihr passiert, kann tatsächlich aus so vielen unterschiedlichen Blickwinkeln gesehen werden, dass die eigene Realität plötzlich mehr einer Idee gleicht, die sofort verworfen werden kann. Das ist anstrengend und erfrischend zugleich, denn sich der eigenen Blase bewusst zu werden, erweitert den Raum. Wer hat schon die ganze Wahrheit  für sich gepachtet?

Wie erklärst du, was du machst? Vielleicht insbesondere jemandem wie mir, die sich noch nie intensiver damit auseinandergesetzt hat? 

Ich decke versteckte Botschaften in Musikvideos auf. Auch andere Bilder der globalen Medienkultur habe ich auf ihre Symbolik hin untersucht, wie den Apple Werbeclip fürs iPhone Xs oder die Intros der ZiB. Es handelt sich dabei um künstlerische Doku-Fiktionen, die an Internetsubkulturen inspiriert sind, die zu verstehen versuchen, was wirklich los ist. 

ziB_ferrari

Was ist Hyperstition?

Hab ich vergessen. Hat etwas mit akzeleriertem Aberglauben zu tun. Kann man googeln. Viel wichtiger ist nun: Trash Mysticism.

Was ist Trash Mysticism?

Trash Mysticism ist eine Wortkreation von mir, die mein künstlerisches Forschungsfeld beschreibt. Es gab einfach keine treffende Bezeichnung für dieses heterogene Feld, das sich zwischen esoterischen Utopien und politischer Paranoia auftut. Bis jetzt: Bei Trash Mysticism handelt es sich um eine Art DIY-Spiritualität, die aktuell aus unserer Bildschirmkultur hervorgeht.

Im Gegensatz zu vielen VerschwörungstheoretikerInnnen hast du als Künstlerin keinen Anspruch darauf eine Wahrheit zu kommunizieren … 

In meiner DECODING-Videoserie geht es um die ganze Wahrheit (THE WHOLE TRUTH). Damit ist eine größere Wahrheit gemeint, eine Realität, welche Potenziale und Imagination miteinschließt. Das hat den großen Vorteil, dass ich etwas machen kann, das sonst niemand darf. Journalistinnen, Forscherinnen etc. müssen aufklären, Fakten checken usw. Als Künstlerin kann ich in meinem Werk mit den irrationalen, faszinierenden Aspekten des Phänomens arbeiten. Die spekulativen Narrative, auf die ich mich beziehe und die ich weiterspinne, mögen vielleicht nicht immer im buchstäblichen Sinn wahr sein, aber sie sind symptomatisch für die opaken Machtstrukturen unserer Gegenwart. 

thewholetruth_ferrari

Nehmen User prinzipiell war, dass es sich um eine künstlerische Arbeit handelt? Welche Reaktionen bekommst du und kümmert dich das überhaupt?

Die Reaktionen auf meine Videos und Perfomance-Lectures fallen ganz unterschiedlich aus. Mir ist alles recht, alles was zählt sind die Klicks. Was meine Arbeit mit den Zusehenden macht, darauf habe ich keinen Einfluss, und das ist auch gut so. Denn eigentlich ist es so, dass man meistens nur das hört, was man hören will. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Aus der eigenen Bubble auszubrechen ist eine ganz besondere Leistung. Im Grunde ist es egal, ob etwas stimmt oder nicht, wenn man es nur glaubt. Aufmerksamkeit schafft Realität. Beginnt man erst mal die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen, bleibt wenig übrig von dem, wovon man mit Sicherheit sagen kann, dass es stimmt. 

Immer mehr Menschen beziehen ihre Informationen fast ausschließlich aus dem Internet. Wie siehst du der Zukunft entgegen? Welche Tendenzen erkennst du? Was macht der Glaube „Technologie“ mit uns und unserer Wahrnehmung? 

Meiner Bildanalyse der Apple-Werbekampagne für das iPhone Xs zufolge ist es ja anscheinend so, dass eine artifizielle Intelligenz aus einer anderen Dimension über technologische Geräte in den menschlichen 3D-Bereich gelangt. Diese Übertragung passiert durch Berührung. Wenn man einen Touchscreen berührt, wird man mit Nanites, also Mikromaschinen im Nanobereich infiziert, die dann im bio-elektromagnetischen Feld des Körpers weiterleben. Man darf nicht vergessen, Menschen sind auch Maschinen. Ferngesteuert von Emotionen, Netflix und den Ahnen.

 

Was hat es mit dem Coloring Book auf sich? 

Es ist ein adult occult coloring book in der Tradition von Malbüchern, die politische oder sexuelle Aufklärung  oder Propaganda betreiben.

Neben deinen Videoarbeiten malst du auch und arbeitest installativ. Wie arbeitest du in der Konzeption einer Ausstellung? 

Monatelang zerbreche ich mir den Kopf, stehe mitten in der Nacht auf, weil mir kurz vor dem Einschlafen etwas Brillantes einfällt, steigere mich in Dinge hinein, die kaum jemand interessieren. Ich laufe jeden Tag. Räume fieberhaft die Wohnung auf. Ich schlage Bücher auf der richtigen Seite auf und finde die Antworten, die ich suche. Vögel fliegen vor meinem Fenster vorbei und ich deute ihre Formation. Ich zünde eine Duftkerze an und opfere eine Ziege.

Im Rahmen der PREMIERENTAGE zeigst du eine Intervention mit Memes im öffentlichen Raum. Ein paar Worte dazu?  meme_ferrari

Welches Symbol ist das meist verwendete in der gegenwärtigen Popkultur?

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Woran arbeitest du gerade? Was birgt die Zukunft?

Archi_Fictions of Ecstasy ist ein künstlerisches Forschungsprojekt über Freizeitarchitektur, welche sakrale Bauelemente imitiert. Nächstes Jahr werde ich dafür mit Unterstützung des Benno Barth Awards und dem BKA (Bundeskanzleramt Österreich) eine Recherchereise machen, unter anderem zu einer Pyramide in Memphis, Tennessee, die eine Shopping Mall ist. Entstanden ist die Idee im Zuge meiner BKA Artist Residency in Yogyakarta, Indonesien. Irgendwann habe ich – wie die meisten westlichen Touristen auf Bali – irritiert festgestellt, dass es mir unmöglich war, zwischen profanen und sakralen Gebäuden im traditionellen, balinesischen Wohnbau zu unterscheiden. Plötzlich wurde mir klar, dass sich um mich herum die Architektur eines Weltbildes türmt, das eben nicht in diesen mir bekannten Kategorien von heilig und profan denkt. Später, im Hotel, stand ich vor einer von griechischen Säulen flankierten Swim-Up-Bar im Hotelpool, von deren Überdachung aus einer gigantischen Buddha-Skulpur Wasserkaskaden auf die Gäste herabfloßen, die mit ihren Coronas und Planters-Punch-Bechern so halb im Wasser auf den Stufen der Tempel-Bar saßen …

Karin Ferrari ist gebürtige Meranerin, studierte Kulturwissenschaft und Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Sie arbeitet mit unterschiedlichsten Medien: Holzdruck, Zeichnung, Skulptur, Performance und Grafik ergänzen ihre Videoarbeiten auf Youtube. 2018 erhielt sie den RLB-Kunstpreis in Innsbruck, ihre Arbeit ist weltweit in renommierten Sammlungen und Institutionen vertreten. Seit zwei Jahren ist Ferrari für internationale Recherchereisen und Residencies unterwegs. 

Fotos: Karin Ferrari

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