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September 2, 2019

Fragen stellen, fördern und vernetzen: 25 Jahre Galerie der Stadt Schwaz

Verena Spechtenhauser

Con la cultura non sie mangia … wieviel Arbeit und Engagement hinter einem Kultuprojekt steckt, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Darum freuen wir uns besonders über den Erfolg einer Kunsteinrichtung, die wir seit längerem mit großem Interesse verfolgen. Es ist dies die Galerie der Stadt Schwaz, die in diesem Sommer ihr 25-jähriges Bestehen feiert und zu diesem Anlass noch bis 7. September eine sehenswerte Jubiläumsausstellung zeigt. Ein Geburtstagsgespräch mit der künstlerischen Leiterin der Galerie der Stadt Schwaz, Anette Freudenberger.

Liebe Anette, herzlichen Glückwunsch zu 25 Jahren Galerie der Stadt Schwaz! Mit welcher Ausstellung feiert ihr dieses Jubiläum? 

In den letzten 25 Jahren wurde von der Galerie und ihren MitstreiterInnen eine Grundlage für die Akzeptanz zeitgenössischer Kunst geschaffen. Jetzt gilt es, die Institution tiefer im Kulturleben zu verankern und auch die finanziellen Mittel zu sichern, um dem überregionalen Anspruch, den dieses Haus von Anfang an hatte, weiterhin gerecht werden zu können. Die Ausstellung nutzt den Anlass des Rückblicks, um nach vorne zu schauen und die zukünftige Ausrichtung genauer zu formulieren: mit den Mitteln der Kunst aktuelle kulturelle und politische Fragen zu stellen, junge KünstlerInnen zu fördern und international zu vernetzen. 25 Jahre Galerie der Stadt Schwaz widmet sich einer Politik der Bilder. Ein Jubiläum dient meist der Selbstvergewisserung einer Gemeinschaft und ihrer Identität. Die Ausstellung geht aber davon aus, dass Identität etwas ist, das immer wieder neu verhandelt werden muss, und dass gemeinsame Erinnerungen subjektiv verschieden und bruchstückhaft sind. Was filtern wir aus dem Strom der Bilder, der uns alltäglich umgibt? Wie verlagern wir Erinnerungsleistungen in Speichermedien außerhalb unserer selbst? Wie vergewissern wir uns, was wahr und was falsch ist, wenn Erfahrungen nicht unmittelbar am eigenen Leib gemacht werden? In der Ausstellung gibt es mehrere Arbeiten, wo der menschliche Körper durch Stellvertreter oder nur partiell dargestellt wird. Josephine Pryde etwa zeigt Nahaufnahmen von Händen, die etwas berühren, zum Beispiel ein Handy. Eine andere Berührungsgeste (Hand auf’s Herz) dient der Unterstreichung eines Ausdrucks, der Vergewisserung. In der Ausstellung sind vier KünstlerInnen vertreten, die schon einmal in Schwaz zu sehen waren, sowie acht neue Positionen. Es sind viele TirolerInnen darunter, beispielsweise Richard Hoeck aus Hall, der gemeinsam mit dem Amerikaner John Miller ein recht drastisches Video in Zirl gedreht hat. Darin werden sorgfältig bekleidete Schaufensterpuppen in einen Steinbruch gestürzt, die beim Aufprall zerbersten. Obwohl die Künstlichkeit dieser Situation deutlich sichtbar ist, identifizieren wir uns als BetrachterInnen mehr mit diesen Figuren, als mit Menschen, die realer Gewalt ausgesetzt sind.

Du selbst bist jetzt seit einem Jahr künstlerische Leiterin der Galerie. Wie sieht deine Zwischenbilanz aus?

Ich bin in extrem gerne in Tirol, weil die BesucherInnen hier mit überraschender Direktheit und Offenheit auf Kunst reagieren. Man erhält sofort eine Reaktion. Außerdem schätze ich den kollegialen Umgang mit den anderen Institutionen in Schwaz und in Innsbruck. Es passiert auch einiges in der Region, etwa in der Galerie am Polylog in Wörgl oder in Wattens. Im letzten Sommer wurde im dortigen Freibad nach Ende der Badesaison ein Ausstellungsprojekt mit dem Titel Schonzeit gestartet, das auch in diesem Jahr weiter geführt werden soll. Da ist auch eine Schwazerin dabei, nämlich die Fotografin Verena Nagl. Die Szene ist viel bunter, als ich mir das aus der Ferne vorgestellt habe. 

Galerie der Stadt Schwaz_Blightman Yoon

Hölzl Visaczki Egger Stahl

Seit dem Bestehen der Galerie wurden in den Räumen 120 international beachtete Ausstellungen gezeigt. Welche, glaubst du, ist am stärksten in Erinnerung geblieben und warum?

Es ist schon erstaunlich, wer alles in Schwaz ausgestellt hat. Es sind wirklich bekannte KünstlerInnen darunter, wie die eben genannte Josephine Pryde oder Oswald Oberhuber oder Marlene Dumas … Es gab auch interessante Kombinationen, etwa Lucie Stahl mit Běla Kolářová. Die tschechische Künstlerin, die lange im Schatten ihres Mannes Jiří Kolářstand, war gerade vor allem durch ihren documenta-Auftritt wiederentdeckt worden. Ihr Umgang mit Alltagsgegenständen warf ein interessantes Licht auf die Arbeitsweise der zwei Generationen jüngeren Künstlerin Lucie Stahl. Auffällig ist auch, dass viele KünstlerInnen in Schwaz gezeigt wurden, noch bevor sie in der Secession in Wien zu sehen waren. Da wären zum Beispiel Deimantas Narkevičius, Yael Bartana, Anne Speier und jetzt in diesem Jahr Alexandra Bircken zu nennen. So etwas sorgt natürlich für Aufmerksamkeit. In Schwaz selbst hat bereits das erste Projekt der Gründungsdirektorin Vera Vogelsberger mit der Gruppe GANGart nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Erst gab es ein Konzert in einer Tiefgarage, danach ging es in die Galerie, wo tausende Fliegenlarven geschlüpft waren. Das erhitzte natürlich die Gemüter. Heute geht es weniger um solche unmittelbaren Affekte. Erfahrungen werden in abstrahierterer Form verhandelt. Wir haben zum Beispiel ein Bild von Hans Christian-Lotz in der Ausstellung, der auch schon einmal in Schwaz zu sehen war. Er zeigt Schweinehirnscheiben auf Solarpanelen. Sie sind allerdings vollständig vakuumiert. Der Schock des Realen wird hier anders als vor 25 Jahren in sofortige Reflexion überführt. Es treffen in der Arbeit „Rain over Water“ zwei unterschiedliche Speicher aufeinander, Sonnenkollektor und Gehirn.

Was hat sich in den letzten 25 Jahren im österreichischen Kulturbetrieb verändert? Zum Guten und zum Schlechten …

Die Szene ist internationaler geworden und Frauen werden mehr wahrgenommen als früher, was nicht heißt, dass es nicht noch enormen Spielraum nach oben gäbe. Es gibt weniger Einzelkämpfertum. Das ist auch bei unserer Ausstellung so, die in Zusammenarbeit mit dem Künstler Martin Hotter eingerichtet wurde. Ich würde den österreichischen Kulturbetrieb nicht unabhängig von internationalen Entwicklungen betrachten, auch nicht losgelöst von anderen gesellschaftlichen Entwicklungen. Das Erstarken rechter Stimmen ist besorgniserregend. Da ist es umso wichtiger, auch dezentrale Kultureinrichtungen zu stärken.

Galerie der Stadt Schwaz_Hoeck-Miller

Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Galerie?

Weiterhin ein so neugieriges und aufmerksames Publikum. Ich wünsche mir, dass Besuche in der Galerie dazu beitragen, freier zu denken. Unerläßlich wäre eine weitere Stelle. Momentan teile ich mir eine einzige Stelle mit meiner Kollegin Nadja Ayoub. Um eine Institution lebendig zu erhalten und das Vermittlungsangebot erweitern zu können, ist das auf Dauer zu wenig. Die Galerie ist aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen und hat tatsächlich viele KünstlerInnen auf den Weg gebracht. Sie sollte entsprechend ausgestattet sein.

Fotos: Verena Nagl

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