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August 26, 2019

Der Sigmund Freud der Mode: Roland Novak

Florian Rabatscher

Calvin Klein? Wolfgang Joop? Was? Wer? Kennt ihr nicht Roland Novak aus Bozen? Falls ja, wisst ihr, was ich meine und falls nicht … wird’s aber Zeit. Wer wollte nicht dem wahrscheinlich stilsichersten Typen der Stadt ein paar Fragen stellen? Na, ich jedenfalls schon. Gesagt, getan, treffen wir den Musiker und die modische Stilikone Bozens doch auf einen Kaffee. Was ich dann über die Hintergründe seiner Art sich anzuziehen erfuhr, ließ meine Kinnlade runterfallen. Nein, so viel Input hatte ich mir nicht erwartet und eine Welt brach für mich zusammen. Ich muss, verdammt nochmal, meine Ansichten über Mode nochmals überdenken, denn so „underdressed“ fühlte ich mich seit meiner Geburt nicht mehr.

Roland erschien, wie sollte es auch anders sein, im einwandfreien Outfit und bestens gelaunt. Was für eine besondere Ausstrahlung, er schafft das, woran viele kläglich scheiterten. Nämlich, sein wahres Inneres nach außen zu tragen. Hut ab, Herr Novak. Was sein Geheimnis ist? Naja, lehnt euch einfach zurück und genießt die Geschichte. Eine Story voll von Rock’n’Roll und der wahrscheinlich abgefahrensten und hintergründigsten Ansicht über Kleidungsstile …

Roland Novak 1

Die Geschichte beginnt, als er mit 13 Jahren anfängt, E-Gitarre zu spielen. Er beschreibt das als seinen Untergang, im positiven Sinne natürlich. Die Gitarre ist ja bekannt dafür, Menschen ein neues Chromosom zu schenken, das die Rock’n’Roll-DNA enthält. Eine heimtückische DNA, die dich in ein verdammtes Tier verwandelt. Schule? Noten? Ein normales Leben? Alles scheißegal, es dreht sich nur noch um das Eine. Vielleicht geht man damit auch einfach einen Vertrag mit dem Teufel höchstpersönlich ein, wenn man sich dieser Musik verschreibt. Wer weiß … Jedenfalls, Roland ist jetzt 50 und trägt diese DNA sichtlich in sich und wehrt sich auch nicht mehr dagegen. So war es aber nicht immer … Nach abgeschlossener Matura arbeitete er als DJ bei einem Radiosender, für ein Taschengeld, versteht sich, denn eigentlich wartete er nur darauf, seinen Militärdienst anzutreten. Danach jobbte er noch in einem Musikladen und dann ging‘s ab nach Innsbruck, wo er für zwölf Jahre Psychologie studierte. Ja, richtig gehört, Roland Novak ist Psychologe. Zwar praktiziert er diesen Beruf nicht, aber etwas davon haftet trotzdem noch an ihm. Der Sigmund Freud der Mode, sozusagen, und wir alle liegen auf seiner Couch, während er unsere Kleidung analysiert. Aber erst mal zurück zum Rock’n’Roll-Teil der Geschichte. In einer Rock’n’Roll-Band war Roland, seit er 19 ist, immer. Ok, ganz am Anfang war es noch Blues … Logischerweise, denn Blues ist ja das verdammte Buch Genesis der Rock-Bibel. So manche Musikart, die daraus entstanden ist, nahm sich auch Roland Novak vor. Er spielte sogar Funk und ließ sich auch kurz von der „New Wave Of British Heavy Metal“-Welle mitreißen, samt langen Haaren und Headbang-Tick, versteht sich. Zusammen mit Reinhold Giovanett spielte er auch in einer Motörhead-Coverband namens „Godzilla Intermezzo“. Wer übrigens noch eine Kopie ihrer Vinyl-Single haben möchte, Roland hat noch ca. 500 Stück zuhause rumliegen. Trotzdem gehörte sein Herz hauptsächlich dem wahren Rock’n’Roll der 50er Jahre und auch seine Stimme passte einfach besser zu diesem. Seit zehn Jahren kennt man ihn ja als Gitarrist der Rockabilly-Combo „William T And The Black 50’s“.  

Roland Novak

Nach seinem Studium der Psychologie arbeitete er noch für eine Softwarefirma, beim Netzwerk für Jugendliche und vieles mehr, doch die Musik ließ ihn nicht aus ihrem Bann. Wo er auch arbeitete, irgendwo stand eine Gitarre in der Ecke, die ihn zu rufen schien. Eine Entscheidung musste getroffen werden: Musik nur als Hobby oder die Sache professionell angehen? Man kann sich wahrscheinlich denken, wofür er sich schließlich entschieden hat … Er studierte Musik, hat mittlerweile eine Lehrer-Stammrolle in Musikerziehung und ist jetzt DER E-Gitarren-Lehrer im Vinschgau. Scherzhaft meint er: „Mit 50 Jahren habe ich also doch noch einen Job bekommen.“ 

Kommen wir nun aber zum kuriosen Teil der Geschichte und zur Frage, die wahrscheinlich jedem bei seinem Anblick auf der Zunge brennt: Wie zum Teufel kann jemand nur stets so authentisch gekleidet sein? Ihn einfach als Dandy zu bezeichnen, ist schon mal mehr als falsch. Der Begriff Dandy steht eher für einen abgefuckten, Drogen konsumierenden und arroganten Typen, der nicht arbeiten muss, um so zu leben, wie er will. Diese Bezeichnung trifft im 21. Jahrhundert eher noch auf einen Pete Doherty zu, aber nicht auf Roland Novak. Nachdem er also sein Hobby zum Beruf gemacht hatte, hatte er keine Freizeitbeschäftigung mehr. So begann er, sich tiefer mit der Ästhetik von Musik oder des Musikers zu beschäftigen. Und Rock’n’Roll hat eben einen ganz bestimmen Stil – Roland hatte immer dieses Bild von Elvis Presley oder Eddie Cochran vor Augen. Nämlich Anzüge der 50er-Jahre: Breit in den Schultern, eng in der Taille und irrsinnig weite Hosen, die fast schon flattern. Dieses Faible entwickelte sich dann zu einem tieferen Interesse für Kleidung aller Art, die von 1920 bis 1959 produziert wurde. Warum diese zeitliche Grenze? Da 1959 auch musikalisch ein Limit erreicht wurde, nämlich mit der aus Rolands Sicht letzten guten Platte von Miles Davis „Kind Of Blue“. Alles, was danach noch als Jazz interpretiert wurde, war für ihn nicht mehr relevant. Mittlerweile befindet sich alles Erdenkliche aus dieser Ära in der Kleidersammlung des Bozners, vom Lederschuh bis zur eleganten Kopfbedeckung. Wenn heutzutage Musiker in Birkenstock-Sandalen und Unterhemd die Bühne entern, kann er nur den Kopf schütteln: „Schaut euch nur Fotos von alten Blues-Legenden an, ihr werdet keinen einzigen in irgendwelchen Lumpen entdecken“, meint Roland Novak. Auch wenn sie kein Geld hatten, der Dreireiher musste sein. Speziell in der heutigen Rock’n’Roll-Szene sieht man 90 % der Bands im lächerlichen Plastik-Outfit. So verkommt doch alles zu einem schlechten Witz. Sound, Text und Bild müssen zusammenpassen, damit es ein Gesamtkunstwerk ergibt. Doch viele unterschätzen den visuellen Aspekt einfach. Schade.

Roland Novak

Wer jetzt voreilig denkt: Was für ein Freak, man kann es auch übertreiben … Abwarten, die Textiloffenbarung ist noch nicht zu Ende. Wie wir nun wissen, wird Kohärenz bei Roland groß geschrieben und das nicht nur in der Musik, sondern auch in der Arbeit. Ein weiteres Streitthema: Kurze Hosen ab einem gewissen Alter. Am Strand oder im Garten – ok. Aber als Lehrer oder im Büro – auf keinen Fall. Passenderweise sitze ich gerade in Shorts neben ihm und verteidige es damit, dass man sonst doch schwitzen würde. – Wie man sich doch irren kann. Rolands Tipp: Versuch es doch mal mit einer Leinenhose oder Sommerwolle. Gütiger Gott. Wolle? Ernsthaft jetzt? Ja, genau, es kommt auf den Stoff an, mit dem du dich bedeckst. Nur die Synthetik lässt uns schwitzen und stinken, natürliche Stoffe sind die Lösung. Genauso wie der Irrglaube, in Flip-Flops würde man nicht schwitzen. Glaubt ihr das wirklich? Mit Plastik an den Füssen? Das sind alles Dinge, die man früher einfach wusste, doch dieses Wissen wurde uns heutzutage regelrecht genommen. Kann also noch mehr hinter Kleidung stecken? Wenn ihr nur wüsstet …

Roland Novaks Stil ist nicht nur ansprechend und praktisch, dahinter steckt auch eine politische Botschaft. Seit den 80er-Jahren erlebt der Mensch eine einzige Entwürdigung, da er sich nur noch durch Konsum definiert. Bei der Bekleidung sind wir passive Konsumenten einer uns vorgegebenen Ästhetik. Speziell unter den Männern gibt es fast keine Individualisten mehr. Keiner entwickelt sich selbst, wir bekommen alles vorgerotzt und tragen dieselben Sachen von der Stange wie eine Uniform. Frauen verstehen es meistens besser, ihren Körper zu kleiden, damit er eine gewisse Ästhetik widerspiegelt. Ganz anders der Style des normalen Bankangestellten, beispielsweise: viel zu enge Anzugshose, in die ein Wohlstandsbauch (wie eine Wurst) gequetscht ist, dazu eine rote Krawatte, die bis zum Schnie…, also ganz tief (sehr tief), hängt. Schrecklich, aber genau diese Ästhetik gibt sogar in der momentanen Weltpolitik den Ton an. Nennen wir ihn den führenden, konservativen, nationalistischen, faschistoiden Kleidungsstil, den man in jedem Shoppingcenter erhalten kann. Der absolute Renner bei Trump oder Salvini, zum Beispiel. Kleidung ist ja bekanntlich der Spiegel der Seele und diese beiden Herren sind schlecht gekleidet. Was sagt uns das also? Natürlich steckt dahinter auch eine gewisse Strategie, denn genau diese Ästhetik entspricht der ihrer Wähler. Dieses Bild kann der Wähler akzeptieren, alles, was darüber hinausginge, würde als elitär oder als Feindbild angesehen werden. Also, die Ästhetik, die man nach Außen trägt, ist somit auch eine politische.

Roland Novak

Ich weiß, ziemlich harter Stoff, den er uns hier auftischt. Aber Roland Novak gibt dem Satz „Kleider machen Leute“ somit eine völlig neue Bedeutung. Gütiger Gott. Wer hätte gedacht, wie viel dahinterstecken kann? Und wie kann man nur dieses Thema als rein oberflächlich ansehen? Jene, für die das Jahr 1968 als Sinnbild der Öffnung und der Revolution stand, die muss ich leider enttäuschen. Es ist eher das Sinnbild für eine Anpassung nach unten. Der Kapitalismus hat die Führung unseres Erscheinungsbildes übernommen und anstatt Kleidung mit Würde zu tragen, kann die breite Masse sie nur mehr ertragen. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann Rolands revolutionäre Textil-Gedanken auch in seinem Blog nachlesen. Eines ist klar: Für mich werden Kleidungsstücke nie wieder dasselbe sein. Das waren die weisen Worte von Roland Novak, oder wie ich ihn nun nenne: Elvis Freud. 

Fotos: Oskar Weissenegger (1 + 2), Roland Novak (3 + 4 + 5)

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