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August 19, 2019

Books, I’ve never read: Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur

Maria Oberrauch

Es ist immer spannend, eine vertraute Stadt in den Zeilen anderer zu lesen. Wenn dieses eine Viertel (oder Grätzl auf Wienerisch) oder sogar die Straße, die man täglich entlang läuft, zu Worten wird, zu einer Kulisse in der Geschichte anderer, zum Schauplatz von Dialogen, die erfunden wurden von irgendwem, dem die Stadt gleich vertraut ist, aber doch ganz anders vertraut, oder vielleicht ist der Blick auch ganz von außen und tut nur so, als blicke er hinter die Fassaden. Wenn sie eine andere Zeit erzählen, wie es früher war, und man dann durch die Stadt wandelt und erkennt, tatsächlich, all das ist hier passiert oder hätte passieren können. 

Hat man in Wien gelebt, passiert das doch recht häufig, als Literaturstudierende sowieso: Man gerät in ein Buch oder ein Gedicht, ein Essay, irgendeinen Auszug, der einen nach Literaturwien trägt, eine Stadt aus Existentem und Imaginärem, eine Stadt, die neu abbildet, hineinschreibt und herausholt. Der Heldenplatz gehört für immer Jandl. Das Wiener Kanalnetz dem Dritten Mann. Den Friedhof der Namenlosen kenne ich nur durch eine eifrige Dozentin und Peter Handke. Alltagsbeobachtungen, Visionen, Zeichen und Ideen von AutorInnen und JournalistInnen haben sich in das kollektive Gedächtnis dieser Stadt eingebrannt, so nachhaltig, dass wir ihren Ursprung oft gar nicht mehr kennen. 

AUSSEN
Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur“ geht dem nach und ist ein  fein ausgearbeiteter Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Sonderausstellung (bis Februar 2020)  im Literaturmuseum in der Österreichischen Nationalbibliothek. Das vom Folio Verlag herausgegebenen Buch ist auch ohne Ausstellung reichlich Spiegel …

INNEN
Mit 190 Seiten, unterteilt in die Kapitel  „Wienblicke“, „Peripherien“, „Gehen“, „Tatort Wien“ und „Vergessenshauptstadt“, kommentieren und beschreiben die HerausgeberInnen und AutorInnen Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic, Kerstin Putz sowie weitere GastautorInnen den literarischen Umgang mit der Stadt nach 1945 mit Stadterkundungen in Texten von Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Heimito von Doderer und vielen, vielen mehr …

DRINNEN
… und ich mag, mag, mag diese schreibmaschinengetippten Seiten mit handschriftlichen Notizen von AutorInnen und VerlegerInnen, Entwürfe und Fotografien, das Bild vom Riesenrad ohne Gondeln und wie leer alles rundherum ist und dass ich von den allermeisten zitierten AutorInnen schon was gelesen habe, aber von gar einigen nichts über Wien und dass es ok ist, diese Seiten zum wiederholten Mal durchzublättern und reinzulesen, weil zufällig irgendwo hängenzubleiben doch was hat, aber das mache ich üblicherweise nicht öffentlich. 

Liebe Grüße nach Wien! Du fehlst mir.

m. 

 

Foto: Auszug aus Heimito von Doderers “Dämonen”, Österreichische Nationalbibliothek 

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