Music

June 5, 2019

In den Fängen des Voodoo-Samplers: Christoph de Babalon

Florian Rabatscher

Am 08.06.2019 bekommt Innsbruck Besuch von einem echten Veteranen der non konformen Musik. Das Heart of Noise Festival präsentiert euch die dunkle Seite der elektronischen Musik im Haus der Musik. Als Jan-Cristoph Wolter 1950 in Hamburg geboren verwandelte er sich Anfang der 90er-Jahre in den äußerst eigenwilligen Musikproduzenten Christoph de Babalon. Ein definitives Bild zu dieser Person zu erstellen, stellt sich als bescheuerte Idee heraus. Drauf geschissen, denn sein Sound sprengt ja auch so manche Vorstellungskraft. 

1997 veröffentlichte er auf „Digital Hardcore Recordings“, dem Label von Alec Empire, mit „If You’re Into It, I’m Out Of It“ einen Meilenstein der elektronischen Musik. Nicht nur der Album-Titel, sondern auch der Sound darauf, fing den radikalen Umschwung jener Zeit perfekt ein. Rave-Musik war auf dem absoluten Höhepunkt und hatte den Großteil der europäischen Clubszene eingenommen. Der Sound war schrill, bunt und stets positiv. Heuchlerischer Optimismus, wohin man auch blickte. Musikalisch gesehen waren wir längst auf dem schnellsten Weg ins Verderben. Doch das Hirn von Christoph de Babalon war noch nicht zum flauschigen Kuschelkissen mutiert und so schenkte er der Szene anstatt positiven Bullshit eine Prise Terror und Dunkelheit. Ironischerweise war genau das der winzige Lichtblick für die Zukunft. Jedenfalls wurde der Acid-Smiley der Rave-Kultur prompt in die Mülltonne gekickt und durch ein wütendes Anarchie-Symbol ersetzt. Brachiale Breakbeats treffen auf schweren Ambient-Sound, eine wahre Wohltat für den guten Geschmack. Nichts Neues wollte geschaffen werden, sondern alles Bestehende sollte ausgelöscht und auf Null gebracht werden. Völlig außer Kontrolle regnete ein selbstzerstörerisches Artilleriefeuer von Overdrivelastigen Beats und finsteren Ambient-Sounds auf die Szene nieder. Sogar Thom Yorke von Radiohead sagte, es sei die bedrohlichste Platte, die er besitzt. Von dem wurde Christoph de Babalon 2001 auch prompt als Support-Act für eine Radiohead-Tour eingeladen. Dark-Ambient vor 10.000 Leuten zu spielen war sogar für Christoph ein surreales Erlebnis.

Für ein paar Jahre hielt er sich mit Solo-Veröffentlichungen zurück, da er Musik für Theater produzierte. Nicht verwunderlich, da irgendwie alle seiner Arbeiten etwas Szenisches haben. Wie ein Maler formt er mit seinem Sound Skulpturen und Landschaften in unsere Köpfe. Er kreiert eine völlig unverstandene Welt voll von bitterböser Romantik und feinstem Horror. Doch welchen Horror beschreibt er? Realen oder fiktionalen? Als ob Breakbeat Drums in eine abgefahrene endlos dunkle Welt geschleudert würden und dort mutterseelenallein ihr brachiales Ständchen spielten. Zu unserer Rechten sehen wir den See der Tränen inmitten einer zutiefst melancholischen Landschaft. Oh ja, gäbe es ein computergeneriertes Mordor, wäre Christoph de Babalon der Erzschurke Sauron darin. Aber wie zum Teufel macht er das? Wie schafft man es, so etwas in gesampelte Atmosphären einzufangen? Wahrscheinlich besitzt er einen Voodoo-Sampler, der während der Konzerte unsere Seelen einfängt. Naja, mir soll’s recht sein und meine Seele kann er am Samstag auch gerne behalten. Sein neuestes Werk „Hectic Shakes“ führt den Hörer dorthin, wo er gerne abgeholt wird, in exzessiven Breakbeats, illbienten Klangräumen, Gothic Jungle und treibender Rhythmik. Er hat es immer noch drauf. 

Zu seltsam für einen Rave aber zu Rave um ihn nur Zuhause zu hören. Man sollte so ein Live-Erlebnis keinesfalls verpassen. Ob seine Musik jetzt tanzbar ist oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Doch eines ist klar, sie birgt etwas Mystisches in sich und zieht dich zu 100 % in ihren Bann oder in die Fänge von Christoph de Babalon. Der Klang des wahren Grauens und trotzdem so anziehend wie ein Magnet. Ein Paradies für Detailverliebte, denn wie sagt man so schön: Der Teufel liegt ja im Detail und wahrscheinlich lebt er auch im Geiste dieses Künstlers. 

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