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April 30, 2019

Carried by something else: Anna Holtz und Alexandra Bircken zu Gast in der Galerie der Stadt Schwaz

Verena Spechtenhauser

“Carried by something else” heißt die aktuelle Ausstellung der Galerie der Stadt Schwaz, die noch bis zum 15. Juni 2019 zu sehen ist. (Der Titel variiert eine Zeile aus einem feministischen Essay von Ursula K. Le Guin aus dem Jahr 1986, der die Evolution der Menschheit aus erzähltheoretischer Perspektive neu bewertet.) Kuratorin Anette Freudenberger und ihr Team haben die beiden Künstlerinnen Alexandra Bircken und Anna Holtz eingeladen, ihre doch sehr unterschiedlichen Arbeiten in einer gemeinsamen Exposition der Öffentlichkeit vorzustellen.

Dabei nehmen beide Künstlerinnen den Körper und seine physischen wie sozialen und ökonomischen Ausformungen und Verstrickungen in den Fokus. Denn der menschliche Körper ist keine geschlossene Form, definiert durch Haut und Knochengerüst. Er ist vielmehr durchlässig, aufgrund seiner biologischen Funktionen, und weil er als soziales Phänomen mit seiner Umgebung verbunden ist, die ihn zivilisiert, diszipliniert, optimiert.

Alexandra Bircken ist fasziniert von der Haut als Hülle und Kontaktorgan des Menschen zur Welt, das uns physisch bewusst macht, wenn es exponiert wird, etwa dem Wetter oder dem Gegenwind beim Motorradfahren. In Schwaz zeigt sie ihre bekannten Hybridfiguren, die im Raum ihre gleichermaßen verletzliche wie energetische Präsenz entfalten. 

Anna Holtz arbeitet mit standardisierten Massenprodukten sowie mit in Bitumen getränkten Schnüren und Textilien und verweist in ihren Arbeiten auch auf die Konsumkultur unserer Zeit. Für die Ausstellung hat sie unter anderem eine Skulptur entworfen, welche den Grundriss des Schwazer Einkaufszentrums darstellt, das einen Gutteil der Stadt einnimmt. 

Anna, du stellst im Moment zusammen mit Alexandra Bircken in der Galerie Schwaz aus. Warum? Wie kam es dazu?

Ich habe Alexandra Bircken 2017 über eine Assistenz bei ihr in Köln kennengelernt. Für Schwaz hat es sich dann ergeben zusammen auszustellen. 

Alexandra Bircken, Anna Holtz - Galerie der Stadt Schwaz - 2019

In euren Arbeiten spielt der Körper und seine physischen wie sozialen und ökonomischen Ausformungen und Verstrickungen eine zentrale Rolle. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Mich interessieren Verfahren, die Abstraktionen von Körpern produzieren. Diese Verfahren sind im Grunde Elemente jeder Form von Gesellschaft, sei sie physisch, sozial oder ökonomisch. Sie sind aber auch Elemente von Zusammenhängen, die mich bei der Arbeit mit Material beschäftigen. Körper werden über in diesen Zusammenhängen bestehende Machtverhältnisse geformt und definiert. Für die Ausstellung in Schwaz habe ich eine Skulptur produziert, die sich unter anderem auf das Einkaufszentrum in Schwaz, die sogenannten „Stadtgalerien“, bezieht. Für diese Arbeit ist die Ambivalenz und Verwicklung zwischen den Begriffen corpus und corporation, die in der lateinischen Bezeichnung für Körper bzw. Körperschaft aufscheint, ein wichtiger Aspekt.

Warum ist es in deinen Augen wichtig, dass wir uns mit unserem Körper auseinander setzen?

Es geht mir im Zusammenhang der Ausstellung weniger um ‘unseren’ Körper als um einen, über den wir direkt und unvermittelt verfügen. Mich interessiert, wie wir uns auf Körper beziehen, welche Formen dieses Verhältnis annehmen kann und welche Vorstellungen unser Verhältnis zu Körpern und Verkörperung bestimmen. Dabei spielen insbesondere auch Vorstellungen über Innen und Außen, Abgeschlossenheit und Durchlässigkeit, Solidität und Integrität eine Rolle. Ich denke dabei auch an das, was quasi in einen Körper hinein verlagert wird. Was sich vielleicht als sein Innerstes zu äußern scheint, aber mit dem Außen wechselseitig verbunden ist und somit auch als eine Form des Äußeren erscheint. Oder anders und mehr in Bezug auf Skulptur formuliert: Wie sehr kann etwas einerseits für sich sein und trotzdem einen Bezug nach Außen herstellen? Und wie äußert sich das in den Relationen eines räumlichen Gefüges?

Die Arbeiten von Alexandra Bircken und dir sind doch sehr unterschiedlich. Was unterscheidet sie und wie habt ihr es geschafft, sie bei der Ausstellung dialogisch aufeinander zu beziehen?

Wenn man eine Ausstellung plant, sind Unterschiede und Unterscheidungen zwischen den Arbeiten grundsätzlich wichtig und interessant und auch der Weg, der zu solchen Differenzierungen führt, und wie dabei Entscheidungen gefällt werden. Innerhalb der Ausstellung ermöglichen Unterschiede einen Dialog, der über strukturelle Gemeinsamkeiten, die es in unseren Arbeiten durchaus gibt und auf die auch der Titel der Ausstellung einen Hinweis gibt, hinaus geht, und in dem viel mehr ein kontingenter Prozess in Gang gesetzt wird, der für mich auch mit ein Grund ist überhaupt auszustellen.

Alexandra Bircken, Anna Holtz - Galerie der Stadt Schwaz - 2019

In der Galerie der Stadt Schwaz nutzen deine Wandobjekte die konstruktiven Elemente aus Bügel-BHs als tragendes, wie auch getragenes Gerüst der durchlässigen, verästelten Formen. Warum?

Es ist so gekommen, dass ich mit Unterhosen angefangen habe und da war der Schritt zum BH nicht weit. 

Gibt es Projekte in der nahen Zukunft, die du und Alexandra uns kurz vorstellen möchtet?

Alexandra Bircken stellt im September in der Secession in Wien aus, worauf ich sehr gespannt bin.

 

Fotos: N. V.

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