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April 2, 2019

Ich mag den Begriff Mode nicht: Andreas Steiner und das Label RIER

Verena Spechtenhauser

RIER ist ein neues Modelabel, das in Paris gerade für Furore sorgt. Gegründet wurde es vom Kastelruther Andreas Steiner, der unter anderem für Gianfranco Ferré,  Prada,  MIU MIU und zuletzt Louis Vouitton gearbeitet hat. Nach dem Ende seiner einjährigen Abseitserfahrungen bei LV begab sich Steiner auf Reisen durch seine Heimat Südtirol sowie andere europäische Länder, um eine gründliche Erforschung traditioneller Kleidung zu beginnen, das Savoir faire zu studierenFabriken, kleine Familienunternehmen und Handwerker zu besuchen, Stoffe und Drucke zu erkunden und historische Gegenstände zu sammeln. Dass sich seine Recherche in einem eigenen Modelabel niederschlagen würde, war dem jungen Designer nicht von Anfang an klar. Irgendwann, so Steiner, folgte er einfach seinem Instinkt und gründete RIER. Aber nicht, weil er seinen eigenen Namen oder seine Ideen als Marke gesehen hätte, sondern viel mehr als  Mittel zum Zweck, wie er nüchtern erzählt, denn ohne Steuernummer und Firmensitz können weder Stoffe gekauft, noch Drucke in Auftrag gegeben oder spezielle Proben gemacht werden. Mehr Ein- und Ausblicke zu RIER gibt es im Interview:

Andreas, deine erste Kollektion mit deinem eigenen Label RIER hast du Tyrolean Punk genannt. Warum?

Es ist das polare Gegenteil von dem traditionellen TYROLEAN und dem disruptiven PUNK, das gegen den etablierten Status vorgeht. Diese erlangte Freiheit durch den Tyrolean Punk beschreibt meine persönliche Herangehensweise oder Arbeitsweise in diesem Moment und bezieht sich somit nicht nur auf eine Kollektion oder Saison, sondern eine Denkweise. Zudem bemerkte ich, dass die Punks in meiner Recherche aus den späten 1970er Jahren Hosen hatten, die an die Lederhose mit sogenannten kontrast pipings und extra Taschen erinnern sowie auch leichte Hemden im Micro-Vichy-Muster, schwarz-weiss und rot-weiss. Nur um einige ästhetische Gemeinsamkeiten zu nennen. Tyrolean steht aber natürlich auch für den geografischen Ausgangspunkt. Darüber hinaus geht es aber um eine Untersuchung der Handwerkskunst aus dieser Gegend, die meiner Meinung nach so viele zeitlose Qualitäten aufweist, die aber bisher nicht ausreichend erforscht worden sind. Von Lodenstoffen und Lodenmänteln, die teils für den Alltag in anderen europäischen Ländern als Teil eines bourgeoisen intellektuellen Zeichens getragen wurden, bis hin zur weniger bekannten Federkielstickerei.

Wann ist in dir die Idee gereift, Mode zu machen?

Es ist nicht so sehr die Idee, Mode zu machen, sondern das Interesse am Kreieren, an das ich mich erinnern kann. Die Möglichkeit, Materialien zu verwenden, Objekte zu formen, Oberflächen, Texturen und Proportionen zu gebrauchen. Ganz wichtig ist dabei für mich die Recherche, das Suchen von Gegenständen, Formen, Farben, Materialien, Bildern, und vielem mehr. Genauso wichtig ist die Attitude und das Gefühl, das uns ein Gegenstand, in diesem Fall Bekleidung, vermitteln kann und uns hilft, uns in unserem täglichen Leben auszudrücken. Die Suche nach einem Lebensstil und die Anerkennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Andreas Steiner_RIER ENSEMBLE SILK MOIRE NOIR

Wie viel Vorarbeit steckt in RIER?

Ein ganzes Leben. In gewisser Weise steckt alles, was ich auf meinem Weg gelernt habe, in RIER. Aber dem Moment, in dem ich mich wirklich dafür entschieden hatte, RIER zu starten, gingen zwei Jahre Vorbereitung voraus.

Wie bist du auf den Namen gekommen? 

Nun, wenn ich eine Marke ohne Markennamen hätte launchen können, wäre dies ideal gewesen. Das RIER-Emblem war aber der eigentliche Ausgangspunkt. Da das Konzept des Emblems von Anfang an da war, fungiert es wie ein schönes Gütesiegel auf einem handgefertigten Gegenstand. Die Marke sollte niemals meinen persönlichen Namen tragen, sondern sich vielmehr auf das Image konzentrieren. Ich habe RIER gewählt, den Namen meiner Familie mütterlicherseits – kurz, zeitlos, mit persönlichem Bezug und international verständlich.

Andreas Steiner_RIER LODNE MOESSMER ROUGE

Wofür steht deine Mode? Was möchtest du damit kommunizieren? 

Ich mag den generellen Begriff Mode nicht, denn wenn etwas in Mode ist, dann wird etwas auch irgendwann wieder aus der Mode kommen. In gewisser Weise widerspricht dies genau dem, wofür RIER stehen soll, da wir Dinge herstellen, von denen es schon so viele da draußen gibt. Sie sollten, wenn möglich, überdauern und der nächsten Generation übergeben werden. Nichts ist interessanter oder schöner als ein Stück, das vor Generationen entworfen und gemacht wurde und nach Jahren noch relevant und interessant ist. Das kann jedes von Menschen gemachte Objekt oder Kleidungsstück sein. 

Wie vertragen sich Tradition und Innovation?

Traditionelle Einflüsse wurden schon immer in der Mode oder im Design verwendet, konnten mehr oder weniger hervorgehoben werden, aber gingen nie weg. Für RIER ist die Tradition wichtig, dies schließt aber Innovation für mich nicht aus. Tradition verbinde ich eher mit Qualität und Zeitlosigkeit und damit Dinge nach bestem Wissen zu tun. Das schließt aber nicht aus, dass neues Wissen nicht angewendet oder ergänzt werden kann. Es geht um die Evolution, nicht um eine erzwungene Veränderung aus Gründen der Veränderung, ohne einen Kontext der Realität oder einen Zweck, den wir bei RIER diskutieren.

Wieviel Inspiration für RIER holst du dir aus deiner Kindheit?

Meine Kindheit ist eher der Ausgangspunkt für den Kontakt mit der Natur: aufgewachsen in den Bergen, der Unterschied zwischen Stadt und der natürlichen Umgebung. Aus meiner Jugend, mit meinen Langzeitfreunden, kenne ich die Spannung zwischen Stadtleben und dem Leben in der Natur.

Warum hast du gerade den Lodenstoff zum zentralen Material deiner Kollektion gemacht?

Der Lodenstoff ist sozusagen ein Tiroler Emblem, ein Symbol, das die Evolution der letzten Jahrhunderte mitgemacht hat. Traditionell und heute auch innovativ, finde ich das Material immer noch relevant und, ich glaube, es sollte in jeder Garderobe vorkommen. Bei der Firma Moessmer aus Bruneck, mit welcher ich für meine Kollektionen zusammenarbeite, finde ich nicht nur den Loden, sondern auch den klassischen Walker und eine Neuentwicklung, das Loden-Fleece. Eine Art Pile, den wir alle in grellen Farben und rein synthetisch kennen. Bei RIER ist dieser aus 100 % Naturfaser und somit ganz einfach, nachhaltig.

Andreas Steiner_RIER

Welches ist dein Lieblingsstück aus der traditionellen Südtiroler Tracht?

Es gibt so viele Lieblingsstücke. Jedes hat Bestandteile, die ich mag und die in die Kollektionen einfließen werden.

Du hast schon mit vielen bekannten Designern zusammengearbeitet. Kannst du uns eine Anekdote erzählen?

Lieber nicht, dafür schätze ich mein Privatleben zu sehr und respektiere auch jenes der anderen. Ich finde, dies ist ein echter Luxus, den wir heute noch genießen können. Ich kann aber sagen, dass ich meinen früheren Arbeitgebern viel Respekt entgegenbringe. Frau Prada ist eine sehr intelligente und besondere Person, speziell in unserem Bereich. Meine Jahre dort waren sehr prägend für mich, sowie auch die Zusammenarbeit mit Nicolas Ghesquière & Natacha Ramsay-Levi bei Louis Vuitton.

Kannst du uns einen Ausblick auf deine nächste Kollektion geben?

In die nächste Kollektion werden wir neue Elemente einfließen lassen, die Heritage Classics & Tyrolean Punk fortführen werden. Vom 18. bis 30. Juni 2019 wird die Spring/Summer-Kollektion 2020 in unserem Showroom in Paris zu sehen sein.

 

Alle Fotos: Roland Beaufre: (1–3) Tirolern Punk; (4) Preview  Spring/Summer 2020

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