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March 21, 2019

Zwischenzeiten: Warum Sheila Romen der UN vorerst den Rücken kehrt

Maria Oberrauch

Die Meranerin Sheila Romen lässt sich gerade in ihrer Heimatstadt blicken. Das kommt gelegentlich vor, seit vielen Jahren ist es aber vor allem die Ferne, die irgendwo immer nach ihr ruft. Nach Hochschulabschlüssen in München und Turin spielt sich Sheila Romens Leben zuerst in Brüssel, Genf und dann größtenteils in Afrika ab. Sie war mit dem Deutschen Entwicklungsdienst in Kigali, Ruanda, für das UN Integrated Office zuerst in Burundi und später für politische Angelegenheiten und Menschenrechte für die UN in Goma tätig. Zuletzt entwickelte sie u. a. Strategien für die UN Friedensmission im Kongo zum Schutz der Zivilbevölkerung. 

Dein Lebenslauf füllt einige Seiten und ist trotz vieler Stationen sehr linear. Wusstest du von Anfang an, was du machen willst und warum?

Mir gefällt die Idee, dass der Prozess der Weg ist, dass man sich ständig ändert und daher auch beruflich wandelt. Ich habe vielleicht das Glück, generell ein sehr interessierter Mensch zu sein, das hat mich zum Politikwissenschaftsstudium gebracht, wo ich mich zum ersten Mal mit den Vereinten Nationen beschäftigt und meine erste Masterarbeit zum Thema Völkermord geschrieben habe. Über die Frage, wie Menschen dazu kommen Massenverbrechen zu planen und auszuführen, bin ich zum Themenbereich Übergangsjustiz (transitional justice) und, in deren Verlängerung, zum peacekeeping gekommen, das mich vor 10 Jahren nach Ostafrika gebracht hat. Jede Erfahrung war ausschlaggebend für den nächsten Schritt, das ist wohl auch der rote Faden, der in meinem Werdegang zu erkennen ist.

Abgesehen von einem ordentlichen Batzen Know-how und Flexibilität ist wohl Charakterstärke gefragt, wenn man in so großen Organisationen kontinuierlich auf heiklem Terrain arbeitet …

Ich bin ein großer Fan von „reflektiven” Unterbrechungen: Wo es ging, habe ich versucht, zwischen Arbeitsverträgen oder Auslandseinsätzen mehrwöchige Pausen einzulegen, um mich zu erholen, aber auch, um neue Inputs aufzunehmen und mich neu zu orientieren. 2016 habe ich z. B. eine 5-monatige Auszeit von meinem Kongoeinsatz genommen, um an der Uni in München zum Thema Übergangsjustiz zu unterrichten. Ich bin davon überzeugt, dass gerade im Berufsfeld peacekeeping bzw. im humanitären Bereich die mentale Gesundheit oft zu kurz kommt. Ich habe Kollegen ans Burn-out verloren. Leider übernehmen Organisationen in diesen Berufsfeldern – und das gilt auch für NGOs – noch zu wenig Verantwortung dafür, wie es ihren Mitarbeiten eigentlich geht. Auf meine Gesundheit kann ich in dieser Berufssparte nicht verzichten und ich weiß, dass ich auf mich schauen muss. 

sheila_romen_kongo

Ein prägendes Ereignis deiner Laufbahn?

Im Kongo durfte ich miterleben, wie junge Aktivisten, die sich zur Gruppe LUCHA zusammengeschlossen hatten, trotz massiver Repressionsversuche seitens der Regierung auf die Straße gingen und zu nicht-gewalttätigem Widerstand aufgerufen haben. 18-Jährige haben sich mit Plakaten vor Gemeindehäuser gesetzt und wurden deshalb verhaftet. Ein Bekannter war für 1,5 Jahre in einem der berüchtigsten Gefängnisse in Kinshasa und selbst die Botschafter konnten nicht versprechen, dass er jemals wieder auf freien Fuß gesetzt werden würde. Und das, weil er sich für eine bessere Zukunft seines Landes eingesetzt hatte. Das hat mich unglaublich beeindruckt und gleichzeitig sehr klar zum Ausdruck gebracht: Die politische Situation im Kongo kann nur von Menschen wie Fred Bauma, Micheline Mwendike und Reagan El Miviri geändert werden. 

Wo hattest du das Gefühl dennoch etwas bewirken zu können? 

Mit der Friedensmission konnte ich viel erreichen – die UN ist und bleibt für mich eine der wichtigsten internationalen Bemühungen, in diesem Chaos der nationalen Fehlentscheidungen damage control zu leisten und sich aktiv für wichtige Werte einzusetzen. Aber irgendwann in Goma war meine Zeit gekommen, ich musste selbst zurück nach Europa, v. a. als die Nachrichten mit den Flüchtlingsströmen, dem Lega-Sieg in Italien und dem Zerfall Europas nicht mehr aufhörten. Ich bin zurückgekommen, um mich hier aktiver einzubringen.  

Aktuell pendelst du zwischen Berlin und Südtirol. Vorerst oder endgültig? 

Es ist gerade wunderbar, wieder in Europa zu sein. Ich habe mich für die Doppelformel Meran-Berlin entschieden, weil ich nach all den Jahren im Ausland den kulturellen und dynamischen Input einer Großstadt brauche. Berlin ist eine wunderbare base. Gleichzeitig möchte ich aber endlich mehr Zeit mit Freunden und Familie in Südtirol verbringen. Ich habe mir ein bis drei Jahre gegeben für diese “Zwischenzeit”, denke aber, dass ich schon dieses Jahr in den internationalen Bereich zurückkehren werde – hoffentlich zuerst eher kurzfristig …sheila_romen_gelb

In Meran wirst du diese Woche im Rahmen der Anti-Rassismus-Aktionswochen gemeinsam mit Barbara Gamper, Fouzia Wamaitha Kinyanjui und Ivo Passler den Workshop GET UP STAND UP! leiten …

Genau. Ich freue mich ungemein darauf. Die vergangenen Wochen und Monate, in denen wir uns gemeinsam zu den Themen, die wir im Workshop besprechen werden – Intersektionalität, White Allyship, Rassismus, Verantwortung, Klimawandel etc. – ausgetauscht haben, waren sehr bereichernd. Diese Themen sprechen vieles an, das mich spätestens seit meiner Zeit in Ostafrika umtreibt und beschäftigt: Wie hängt unser Handeln mit den Missständen andernorts zusammen? Was können und müssen wir tun, um unsere Verantwortung zu akzeptieren und unser Handeln umzustellen? Für mich ist diese Workshop-Serie auch die logische Weiterentwicklung dessen, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. 

Was versprichst du dir von der Veranstaltung und was von der nächsten Generation?

Wir haben uns vorgenommen, vor allem junge Menschen damit anzusprechen, die dieses Jahr zum ersten Mal bei den EU-Wahlen wählen können: In einem allgemein politisch düsteren Moment möchten wir uns konstruktiv mit Jugendlichen austauschen, weil wir wissen, dass viele von ihnen empört sind: Der Fridays For Future Schülerstreik vergangene Woche in Bozen hat uns genau das gezeigt. Empörung ist großartig! Doch man darf dabei nicht vergessen, dass Politik immer noch in großen, oft undurchschaubaren Institutionen gemacht wird. Wenn wir Entscheidungen denjenigen überlassen, die Europa von innen zerstören wollen, haben auch wir verloren. GET UP STAND UP! bringt so vieles zusammen, woran ich in den letzten Jahren gedacht habe. Die junge Generation beeindruckt mich, sie stellt sich über die Sprachgrenze und spricht flexibel zwei bis drei Sprachen. Auch wenn wir in Südtirol sehr beschützt und abgeschirmt sind von globalen Dynamiken, sehen die Jugendlichen die internationalen Zusammenhänge und sind bereit, ihr eigenes Verhalten zu ändern und anzupassen. Das macht Hoffnung. 

Fotos: Sheila Romen

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