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March 6, 2019

5 Kulturen, 5 Frauen, 1 Geschichte: Barbara Miller über „#FEMALE PLEASURE“

Kunigunde Weissenegger

„In #FEMALE PLEASURE geht es um die Anprangerung jeglicher Art von sexueller Gewalt gegen Frauen. Und um das Recht auf eine selbstbestimmte weibliche Sexualität. Weltweit.“
Wie und was denkt eine Frau, die „derartige“ Filme dreht? Barbara Miller, Jahrgang 1970, aus Winterthur in der Schweiz, ist Regisseurin und Dokumentarfilmerin (neben anderen „Forbidden Voices“, „Sex im Internet – Kinder schauen Pornos, Eltern schauen weg“, „Klitoris – die schöne Unbekannte“). Gewonnen hat ihr neuester Dok #FEMALE PLEASURE den Premio Zonta Club Locarno beim Locarno Film Festival 2018 sowie den Spezialpreis der Interreligiösen Jury beim DOK Leipzig 2018 und ist nominiert für den Schweizer Filmpreis 2019 sowie für The Women’s Empowerment Award beim Cinema for Peace Berlinale 2019.
Female Views zeigt den Dokumentarfilm am 8. März um 20:30 H im Filmclub in Bozen – inklusive Videobotschaft von Barbara Miller. 

Was ist deiner Meinung nach für eine Regisseurin ausschlaggebend, wenn sie ein Thema gut aufarbeiten will? 

Das Allerwichtigste ist für mich, mich mit Herz und Seele dem Thema zu verschreiben, ganz in die Materie einzutauchen und alles darüber zu recherchieren. Das geschieht bei mir, wenn ich fühle, dass ein Thema brennt, dass eine Ungerechtigkeit aufgedeckt, ein Tabu gebrochen werden, eine Veränderung stattfinden muss. Wenn ich spüre, dass ich als Regisseurin unbedingt einen Beitrag leisten muss, um einen Wandel im Umgang mit einem drängenden Problem zu bewirken. Meinem Film #FEMALE PLEASURE habe ich 5 Jahre meines Lebens gewidmet!

Für wen ist „Female Pleasure“ gedacht? Wer sollte ihn sich unbedingt ansehen?

Von den Zuschauerinnen und Zuschauern, die #FEMALE PLEASURE bereits gesehen haben, höre ich sehr oft: „Das ist ein Film, den müssen wirklich alle sehen!“ Ich glaube, der Film ist eine Bereicherung für alle Menschen.
Die 5 mutigen, positiven Protagonistinnen geben Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt Mut, sich als Frauen wertzuschätzen, die eigenen Bedürfnisse, auch im sexuellen Bereich, nicht zurückzustecken, sondern zu artikulieren, Spaß am Frausein, am eigenen Körper und an der eigenen Sexualität zu haben.
Den Männern wird durch den Film bewusst, was es auch heute, im 21. Jahrhundert, noch bedeutet, eine Frau zu sein und einen weiblichen Körper zu haben. Und es ermutigt Männer, den Frauen und Mädchen zur Seite zu stehen, sie zu unterstützen und für eine gleichberechtigtes, respektvolles und lustvolles Miteinander einzustehen. Denn nur gemeinsam ist ein gesellschaftlicher Wandel wirklich möglich, um die alten Strukturen, die uns heute oft unbewusst immer noch prägen, ein für alle Mal zu überwinden. Und das ist ein riesen Gewinn für Frauen und für Männer. 

Wie hast du die Protagonistinnen – Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner, Vithika Yadav –  ausgesucht? Was war dir bei der Auswahl wichtig? Engagement, Erlebnisse, Herkunft, …?

Für mich stand am Anfang die Frage, wie es Frauen heute, im 21. Jahrhundert, weltweit geht, vor allem in ihrem intimsten Bereich, der Sexualität und dem Umgang mit dem weiblichen Körper. Ich wollte auch herausfinden, weshalb Sexualität für die meisten Frauen weltweit immer noch viel mehr mit Pflicht anstatt mit Selbstbestimmung und Lust zu tun hat.
Auf der Suche nach den Ursachen bin ich bei den 5 Weltreligionen auf dieselbe Haltung gegenüber Frauen und dem weiblichen Körper gestoßen: Er sei sündhaft, bringe das Böse in die Welt und Frauen seien weniger wert, weil sie Frauen sind. Ich bin damit auf Strukturen und Mechanismen getroffen, die auch der heutigen Stellung der Frauen in der Welt zugrunde liegen und die auf der ganzen Welt erschreckend gleich sind!
Dies habe ich zur Grundlage meines Films genommen und nach je einer Frau aus einer der Weltreligionen oder Weltkulturen – die Grenzen sind heute ja verschwommen – gesucht. Es war mit wichtig, dass es mutige Frauen sind, die das Tabu des Schweigens über Sexualität und was es wirklich heißt, eine Frau zu sein und einen weiblichen Körper zu haben, zu brechen wagen. Ich suchte auch bewusst nach Frauen, die den Schritt an die Öffentlichkeit bereits gewagt haben, da sie sich dadurch der heftigen Reaktionen und auch der Gefahren, die durch einen solch mutigen Schritt ausgelöst werden können, bewusst waren.
Ich habe alle 5 Protagonistinnen sogleich getroffen und bei allen sofort gemerkt, dass wir weltweit vom gleichen Erleben als Frauen sprechen und für die selben, positiven Veränderungen kämpfen. Alle 5 haben sich auch gleich bei der ersten persönlichen Begegnung bereit erklärt, mitzumachen. 

Die Frau, ein Dämon, immer schon. Was muss geschehen? Der weibliche Körper gehört vielen, bloß nicht seiner Ernährerin und Hüterin. – Wie kann ein Wandel stattfinden? Inwiefern kann das Thema z. B. jüngere Generationen beeinflussen?

Ich denke, der erste, wichtigste Schritt ist, dass wir uns auch bei uns bewusst werden, dass noch sehr viel im Argen liegt und dass auch wir Frauen und Mädchen aus einer sogenannten modernen, oft eher säkularen Gesellschaft, immer noch von diesen Jahrtausende alten, abwertenden Ansichten über Frauen und den weiblichen Körper betroffen sind. Das widerspiegelt sich auch an vielen Orten in unserem täglichen Leben wieder.
Auch bei uns ist sexuelle Gewalt immer noch ein Tabuthema. 80–85 % aller Vergewaltigungen werden nicht angezeigt. Weil sie im familiären Umfeld oder im Freundes- und Bekanntenkreis geschehen. Weil Frauen auch bei uns das Gefühl in sich tragen, ich muss mich dafür schämen (nicht der Täter) und wahrscheinlich trage ich Mitschuld. Und weil die Gesellschaft und die Gerichte immer noch nach eben diesen Jahrtausende alten Ideen funktionieren und sich danach richten. Die Frau trägt die Schuld und Verantwortung daran: Wie warst Du angezogen? Wie hast Du Dich verhalten? Du warst sicher leichtsinnig? Warst Du betrunken? 
Zudem führen nur 7–10% aller angezeigten Vergewaltigungen zu einer Verurteilung des Täters! Und meist zu einem sehr milden Urteil. Es herrscht also ein eigentlicher Täterschutz. Für die schwere Traumatisierung und Verletzung eines Menschen. Das ist ein Skandal und muss dringend geändert werden!
Ich denke gerade bei der jüngeren Generation spielt die Mainstream-Internet-Pornografie eine riesen Rolle in ihrer Entwicklung. Kids kommen damit heute ab 11–12 Jahren bereits in Kontakt und niemand spricht mit ihnen darüber und relativiert die Bilder, die sie sehen.
Die Frau ist in den Mainstream-Pornos reines Objekt, mit dem man alles – aber auch wirklich alles – machen kann. Sexualität wird mit Gewalt und Erniedrigung der Frauen vermischt und es wird so dargestellt, als ob Frauen das auch noch absolut toll finden! Küssen, Zärtlichkeit oder die Klitoris existieren nicht, auch der weibliche Orgasmus hat keine Bedeutung, nur die männliche Befriedigung, der männliche Orgasmus zählen.
Eine selbstbestimmte, weibliche Sexualität existiert nicht in den Mainstream-Pornos und wird so auch nicht als Modell vorgelebt und kann von Jugendlichen nicht gesehen und gelernt werden. Unsere Gesellschaften haben eine große Verantwortung, dass den Jugendlichen eine richtige Einordnung dieser Bilder gelingt und sie trotzdem – vor allem auch die Mädchen, die durch die Mainstream-Pornografie unter einem enormen Druck stehen – lernen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu entdecken und sie auch zu artikulieren.
Das gilt natürlich gleichermaßen auch für erwachsene Frauen. Die Somalisch-Britische Protagonistin Leyla Hussein spricht von einem Chor von vorgespielten Orgasmen, der durch die Welt klingt: Auch heute denken Frauen immer noch, dass sie noch schöner, noch besser, noch netter, noch angepasster sein müssen, um anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Viele wagen es deshalb auch in der Sexualität nicht zu sagen, was sie möchten, was sie brauchen und was sie sich wünschen.
Ich möchte mit #FEMALE PLEASURE alle Mädchen und Frauen weltweit Mut machen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren, für ihre Wünsche einzustehen und uns selbst so zu akzeptieren und zu lieben, wie wir sind. 

Welche Reaktionen löst der Film aus? 

Der Film ist auf ein riesiges Zuschauerinteresse gestoßen. In der Schweiz, in Deutschland und Österreich ist er seit Mitte November 2018 in den Kinos und läuft immer noch! 50.000 Menschen haben ihn allein in der Schweiz bereits gesehen, bald 200.000 in den deutschsprachigen Ländern. Und die Reaktionen sind begeistert.
Das, was sich die Protagonistinnen und alle Beteiligten mit diesem Film gewünscht haben zu erreichen, scheint einzutreffen: Es wird viel offen über das Frausein, selbstbestimmte weibliche Sexualität und die weibliche Lust gesprochen.
Im Zug der Öffentlichkeit, die #FEMALE PLEASURE für diese Themen schafft, wurde Leyla Hussein, die gegen Genitalverstümmelung kämpft, für den 7. März 2019 an die Downing Street zum Treffen mit der Premierministerin Theresa May eingeladen. Endlich ist ihr Anliegen, die Genitalverstümmelung weltweit ein für alle Mal zu stoppen, auf höchster Ebene angekommen!
Durch #FEMALE PLEASURE wurde zudem der Erzbischof von Wien, Kardinal Schönborn, auf die Geschichte der ehemaligen Nonne Doris Wagner, die Missbrauch in der katholischen Kirche erlebt hat, aufmerksam und hat sich als erster hoher Würdenträger bereit erklärt, sie zu einem offenen Gespräch zu treffen. Und Papst Franziskus konnte nicht länger negieren, dass auch Nonnen in der Katholischen Kirche von Missbrauch betroffen sind. Eine Tatsache, die er bis jetzt immer kategorisch verneint hatte!
Veränderungen sind also möglich. Packen wie sie gemeinsam an!

© Mons Veneris Films GmbH, Photo by Jason Ashwood

Foto: (1) © Mons Veneris Films GmbH; (2) © Mons Veneris Films GmbH, Photo by Jason Ashwood

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