Music

February 18, 2019

“Grün im Mund” und “weicher Stein”: Eduard Demetz’ Kompositionen der Sinnlichkeit

Maria Oberrauch
Unvorstellbar, irgendwie, kommt mir das Komponieren vor. Die richtigen Sätze zu finden erscheint mir manchmal schon so schwer, aber eine Melodie zu schaffen und noch eine und noch eine und sie dann stimmig zu kombinieren und für unterschiedlichste Instrumente und in unterschiedlichsten Intensitäten ...?

Der Lebenslauf von Eduard Demetz liest sich auf seiner Homepage einwandfrei, nur so viel: Am Salzburger Mozarteum lernt man damals wie heute von renommierten Künstlern und sein Können wurde mehrfach ausgezeichnet. Demetz schreibt in erster Linie Werke für Kammerorchester, Klavier und diverse Bläserbesetzungen, seine Musik wurde von namhaften Solisten und internationalen Ensembles von Sofia bis New York gespielt. Er komponierte für Film- und Theaterproduktionen, lehrt am Konservatorium in Bozen und ist Vizepräsident des Transart Festivals. Die Meraner Musikwochen widmeten ihm im Jahr 2005 einen Komponistenschwerpunkt. Eduard Demetz ist mittlerweile Konstante, doch gleich auch immer wieder Neuentdeckung in der Südtiroler Musiklandschaft, denn er hat keine Scheu mit seinen Ideen eigene Wege zu gehen. Er komponiert nicht nur für Instrumente, er komponiert für alle Sinne und nutzt die Umwelt nicht einzig als Raum sondern als Teil des Werks: Er komponiert für die Berge und für die ladinische Sprache. Er komponiert für ein spezielles Gefühl im Mund, für Migranten und für die eine Stimme.

Am 23. Februar ab 11 H findet im Casón Hirschprunn von Alois Lageder die diesjährige VIn-O-Ton-Matinée statt. Eduard Demetz wurde für die Ausgabe 2019 mit einer Neukomposition beauftragt, interpretieren wird das 19-minütige Stück der international erfolgreiche Gadertaler Bariton Andrè Schuen mit dem Pianisten Daniel Heide.

e_demetz_portrait

Was ist und warum Kammermusik?

Ich bin nicht so der epische Typ, das Komponieren von langen, orchestralen Musikstücken liegt mir fern. Die Kammermusik ist der Vollkornbereich der Instrumentalmusik. Sie ist auch im Kleinen reichhaltig, sie vereint die essentiellen Elemente der Komposition und es lässt sich allerhand damit anstellen …

War der Weg in die Musik für dich schon immer klar?  Warum und wie? Was trägt ein Komponistenleben?

Mein Vater hat komponiert, Notenblätter lagen bei uns herum, leere und beschriebene, Musik war eine Selbstverständlichkeit. Das war es, wohin ich wollte. Wir haben uns von Anfang an gegenseitig musikalisch ausgetestet, spielerisch, aber doch auf einer ernst zu nehmenden Ebene. Nach dem Klavierstudium am Mozarteum habe ich zeitweise Musiksendungen für die ladinische Rai entwickelt, irgendwann wurde mir klar, dass ich mehr Zeit und Luft zum Komponieren brauchte, und konzentrierte mich ausschließlich darauf. Ich hatte ein paar gute Aufträge und wurde dann glücklicherweise früh ans Konservatorium in Bozen berufen. Das Unterrichten ist ein guter Ausgleich zur Abgeschiedenheit des Komponierens. 

Wie viel Musik von außen dringt in dein Leben? Hast du einen Spotify-Account?

Ich höre sehr wenig Musik. Früher hat man sich eine Schallplatte gekauft und sie auf und ab gespielt, wieder und wieder bis zur vollen Verinnerlichung. Heute stapeln sich bei mir die CDs und die meisten hab ich noch nicht einmal gehört. Der Reiz ist nicht mehr da. Übersättigung nimmt die Motivation, das ist bei fast allem so. Aber ich bringe meinen Studenten bei, wie sie einen Kontrapunkt im Stil des 16. Jahrhunderts setzen. Der Moment des Gelingens ist immer etwas Besonders. Das macht dann die Liebe zur Werkstatt, zur Beschäftigung mit Musik über die eigene Arbeit hinaus aus. 

Wie kann man sich das Komponieren vorstellen?

Am Anfang eines Projekts steht immer eine Phase der Stille, der völligen Leere. Ein paar Tage ohne Ablenkungen sind in dieser Zeit sehr wichtig, dann entstehen Ideen, Skizzen, Grafiken. Ab einem gewissen Punkt ist es mir dann ohne weiteres möglich, von einem anderen Kontext in die Komposition hinein zu springen und diese weiter zu entwickeln. 

Und danach? 

Musik ist stets das Zusammenspiel mehrerer Akteure,  es ist schön und spannend zu erleben, was Dirigent und Musiker aus meinen Kompositionen machen. Denn ich kann das Notenblatt mit Noten, Anweisungen und Ideen beschreiben, aber es entsteht immer auch etwas Neues. In der Probenzeit passiert auf zwischenmenschlicher und instrumentaler Ebene wahnsinnig viel. Im gegenseitigen Austesten und Zusammenfinden der Musiker entwickelt sich eine eigene Dynamik und die Kompositionen bekommen Beine: Durch die Aufführung gehen sie dann letztendlich ihren eigenen Weg, denn Stimmungen sind immer individuell und was im Kopf des Zuhörers passiert, kann man nicht komponieren. 

Für die Vin-O-Ton Matinée des Weingutes Lageder hast du eine neue Komposition entwickelt. Das Stück heißt “Vërt tla bocia” …

Vin-O-Ton ist inzwischen ein wohl bekanntes Format in Südtirol. Ich habe für dieses Projekt sieben Gedichte von Roberta Dapunt zu einem Zyklus vereint und vertont. Robertas Sprache ist eine Bildersprache, die Themen sind universal. “Vërt tla bocia” bedeutet “Grün im Mund”und stammt aus ihrem Gedicht “Über die Sprache”.  Die ausgewählten Texte handeln von der Sprache, dem Du und der Mutter und das jeweils auf verschiedenen Ebenen. Die Musik ist manchmal ein Vor-, manchmal ein Nachbereiten des Textes, aber sie geht auch ihren eigenen Weg und setzt sich energetisch ab. In “Della carne e della lingua” geht es z. B. um die Aneignung von Sprache und ihre Formgebung mittels Körperteilen. Die Laute im Körper werden also größer und so finden sie ihren Spiegel in der musikalischen Umsetzung.

Wäre das eine Empfehlung für den Einsteiger? Welcher Klang wird die Hallen füllen?

Ich finde schon. Ich arbeite unter anderem mit einem zwischen die Tasten geklemmten Radiergummi, dieser dämpft und hemmt einen Ton. Oder Münzen zwischen den Seiten, die stoppen den Klang und verhindern sein freies Schwingen. Ich beziehe den Stahlrahmen des Flügels mit ein, ich möchte auf die stumme Zurückgezogenheit der “Mutter” im Text reagieren können und gleich auf die Bitte ihres Kindes, doch wenigstens die Hälfte ihres Wissens, die Hälfte ihrer Gebete weiter zu geben. 
Singen wird “vërt tla bocia” der Gadertaler Bariton André Schuen, im Grunde kann auch nur er sie so singen, denn ich habe entlang der ladinischen Worte komponiert, die Roberta Dapunt speziell für das Projekt aus dem Italienischen übersetzt hat. 

Welche Projekte sind in Aussicht?

Ende Juli 2019 wird im Rahmen von Transart das Projekt “Sasmujel” aufgeführt, übersetzt bedeutet das “weicher Stein”. Ich habe im Langkofelmassiv einen Nachhall von sechs Sekunden gemessen und werde eine Komposition für 20 Blechbläser entwickeln, wobei der Echo-Effekt in die Struktur des Stückes mit einfließen wird. Die Aufführung dort oben wird mit einer Installation von Hubert Kostner und einer Tanzperformance kombiniert. Hubert Kostner wird der Fesselung des Menschen durch die Berge eine eigene Fesselung des Berges entgegensetzen; die Kletterseile mit denen er arbeiten will, werden auch Teil der Tanzperformance sein. Musizieren wird das Ensemble Windkraft. Die Idee steht, die Noten dazu müssen aber erst geschrieben werden …

Fotos: Eduard Demetz (c) Heinz Innerhofer

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