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February 1, 2019

Juri Nesterov: Wir haben alle den selben Sternenhimmel

Maria Oberrauch

Wo Intimität und Professionalität zusammenfinden kann aus fotografischer Sicht etwas gelingen. Das Festhalten eines Momentes, einer Stimmung, ist im Spontanen wie Inszenierten das A u O der Fotografie. Juri Nesterov beschreibt den gelungenen Abzug, den er in den Händen hält, als Elektrisieren. Auf die richtige Ladung kommt es an. Auf das, was ohne Worte genügt. 

„Wenn ich in den Sucher der Kamera schaue, passiert etwas Unerklärliches: Tausende von Bildern erscheinen in meiner Erinnerung. Schon gesehen. Tausende von Melodien spielen in meinem Herzen. Schon gehört. Es dauert nur einen flüchtigen Moment. Später versuche ich es mit Worten zu erklären. Wahrscheinlich wird die Welt um mich herum zu einem Spiegelbild meines inneren Zustands. Ich sehe die Inszenierung, in der Passanten ihre Plätze einnehmen. Theater, in dem Menschen zufällig ein erstaunliches und banales Spiel spielen. Mit dem Titel „Leben“. Nach einer Weile, wenn ich meine Abzüge betrachte, habe ich das Gefühl, dass die Fotos elektrisiert sind. Meistens höre ich die Frage: Wo wurde dieses Bild aufgenommen“ oder „Welche Art von Kamera? Welches Objektiv?“ Ich möchte wirklich antworten: „in der Welt der Menschen mit ihren Gedanken, Enttäuschungen und Hoffnungen.“  mitterhofer_nesterov_sw2

Juri Nesterov wurde in Krasnyj Lutsch geboren, das damals in Sowjetrussland, inzwischen aber im Konfliktgebiet der Ostukraine liegt. Vieles dort liegt nach der Bombardierung in Trümmern, unter anderem ein Museum, das einige von Nesterovs Fotografien beherbergte. Sein Werk zeigt ukrainisches Tagesgeschehen in fokussierten Momenten und Abdeckfolien. Es spiegelt die Geschichte dieses Landes in den Augen seiner Bewohner. Raketen hängen vom Himmel herab. Sitzbänke und Rückenansichten sind über die Seiten gestreut. Plastikpop ist in erster Linie verstaubt. Juri Nesterov lebt in Kiev und sagt: „Schau in die Welt, wir haben alle denselben Sternenhimmel.“ 

Als Fotograf ist Juri Nesterov Experte im Hinschauen. Wer sich seine Worte zu Herzen nehmen möchte, sollte im Kunstraum Café Mitterhofer in Innichen vorbeischauen. Dort sind von 2.2. (am 2.2. ab 19 Uhr Vernissage) bis 29.3.2019 seine Fotografien ausgestellt. Den Horizont erweitern, nennt man so was auch. Konrad Adenauer („Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont“) fände das bestimmt gut. 

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Fotos: Juri Nesterov

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