Music

January 7, 2019

Der Regisseur in deinem Kopf: Nico Platter

Florian Rabatscher

Und da saß ich nun bei einem Piano-Konzert. Unvorstellbar. Doch irgendwie passend für einen Sonntagabend, nach zwei Tagen Trubel, sinnlosen Small-Talks und vernebelten Erinnerungen. Ich muss zugeben, besonders begeistert war ich nicht von der Vorstellung, irgendeinem Pianisten beim Rumdudeln zu lauschen. Eine Vorstellung, die mich nicht begeistern konnte. Lieber wäre ich da doch zuhause geblieben und hätte stundenlang der Waschmaschine beim Schleudern zugeschaut. Drauf geschissen, das kann ich auch ein anderes Mal erledigen. Raus in die klirrende Kälte und ab ins Sudwerk in Bozen. Denn dort stellte Mitte Dezember 2018 ein etwas anderer Pianist sein Können unter Beweis. 

Der Algunder Nico Platter bat zur Audienz und überzeugte mich schlussendlich doch zu einem anderen Denken über dieses klassische Instrument. Denn was er aus diesem Riesenkasten von Flügel rausholte, grenzte schon an Magie. Er stellt zurzeit sein Konzeptalbum „Dreaming Of Dreams“ vor, das innerhalb von einem Jahr komponiert, in einem Stück eingespielt und von Nartan Records in Meran produziert wurde. Man könnte jetzt meinen, ich spreche hier von einem alten Haudegen der klassischen Musik. Aber dieser Musiker ist erst 23 Jahre alt, was man in seinem Sound deutlich spürt. Denn er benutzt zudem auch diverse Effektpedale und verleiht dem Ganzen dadurch einen Hauch Elektronik. Sehr interessant das Ganze. Auch interessant, dass man Musiker aus diesem Genre immer mit „der Grandiose“ oder „der Einzigartige“ vorstellt. Anscheinend gehört das zum guten Ton. Der junge Mozart wurde sicher auch so angepriesen und was bei ihm noch zum guten Ton gehörte, war ein Fetisch für … – darauf will ich jetzt lieber nicht genauer eingehen. Googelt einfach mal das Wort „Koprophilie“ in Zusammenhang mit Mozert und ihr werdet verstehen, warum. Entzückend, aber ich schweife ab.

Genau wie bei den Klängen von Nico Platter, die einen gleich in eine Traumwelt versetzen. Ohne überhaupt zu wissen, worum es in den Liedern eigentlich geht, spielen sich im Kopf die verschiedensten Filme ab. Zum einen klingen sie wie der Soundtrack eines Fantasyfilms der 80er Jahre – aufgrund der Effektgeräte, denke ich. Lieder, die genauso gut aus der Feder von Giorgio Moroder stammen könnten. Bei anderen wiederum fühlt man sich wie die Feder aus der Anfangsszene von Forrest Gump: Man denkt, wirklich zu fliegen und die Musik trägt einen sanft durch den Raum, um dann vor den Füßen des Künstlers zu landen.nico platter Ein wirklich genialer Abend, nicht nur wegen Nico Platter, denn genau neben mir saß noch ein anderer genialer Kopf der Musik: Der grandiose und einzigartige Mr. Coon. Ja, auch er bekommt die ganze Palette von Titeln verliehen, obwohl er kein klassischer Musiker ist. Zwei so außergewöhnliche Musiker in einem Raum, es zischte und brutzelte deutlich hörbar in der Luft. Aber da fiel mir auf, dass das nur meine Cola war, welche die Zitrone darin zersetzte. Ja, so still war es während des Konzertes, aber der Sound wirkte trotzdem kraftvoll. Zum Glück wurde kein Schüttelbrot als Snack gereicht. Gütiger Gott! Stellt euch bloß den Höllenlärm vor.

Alles in allem hat mich das ganze Schauspiel überzeugt. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass mich ein Piano so fesseln könnte, ohne mich in den Schlaf zu versetzen. Das einzig Komische war, als zum Schluss noch Nico-Platter-T-Shirts angepriesen wurden. T-Shirts von einem Pianisten? Echt jetzt? Aber naja, man lernt nie aus. Jedenfalls: Die großen Gefühle kamen wirklich rüber. Man hatte ständig das Gefühl, dass die Leute jeden Moment tränenüberströmt zu Standing Ovations ansetzen würden. Wie man es immer in diesen kitschigen Samstagabendshows sieht. Ja, das wäre noch die Krönung gewesen, aber es spielte sich alles nur in meinem Kopf ab. Genau wie es der Albumtitel verspricht. Somit kann ich euch versichern, auch wenn ihr alleine zuhause sitzt und die CD einlegt, werdet ihr Zeuge davon, wozu euer Kopf fähig ist. Die Welten, die ihr euch in diesem Moment erschafft, kann kein Fernseher dieser Welt erzeugen. Also, schmeißt die Glotze zum Fenster raus und schafft euch stattdessen ein Exemplar von „Dreaming Of Dreams“ an. Ihr werdet es nicht bereuen. 

Foto: Daniel Eggert

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