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November 15, 2018

Was heißt hier Identität? Ein Gespräch mit Maxi Obexer zur SAAV-Tagung

Verena Spechtenhauser

Am Samstag, den 17. November findet in der Conference Hall der EURAC die Tagung “Was heißt hier Identität?”, organisiert von der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung (SAAV) statt. Die Konferenz erforscht politische, theoretische und künstlerische Positionen und möchte in Form von Vorträgen, Diskussionen, Lecture Performances und Lesungen eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit führen. Mit dabei sind AutorInnen, KünstlerInnen und TheoretikerInnen der Gegenwart, ein besonderer Fokus liegt auf den Erfahrungen und der Geschichte Ex-Jugoslawiens. Wir haben uns vorab mit der freien Autorin Maxi Obexer unterhalten, die zusammen mit Stefano Zangrando die Tagung leiten und moderieren wird.

Der SAAV hat sich mit “Was heißt hier Identität?” kein einfaches Thema ausgesucht. Wie eng ist die Verflechtung von Kunst und Politik wirklich?

Es gibt eine gegenwärtige Tendenz zu autoritären Herrschaftsansprüchen, wie wir wissen. Als Kulturschaffende sind wir dazu aufgerufen, zu handeln und zu denken. Mit der Veranstaltung möchten wir demokratische und geschichtliche Bewusstseinsprozesse im Rahmen literarischer, historischer und theoretischer Auseinandersetzungen anbieten. Kunst, Literatur, Architektur, Musik sind mit dem Identitätsbegriff eng verzahnt, auf verschiedenster Weise und in verschiedensten Funktionen, beabsichtigt oder instrumentalisiert. Spätestens daran zeigt sich auch die enge Verflechtung von Kunst und Politik. 

Was genau wird uns beim Kongress erwarten? Welche Themen werdet ihr anschneiden?

Die Themen greifen wir nach dem Gesichtspunkt der Relevanz auf. Seit bald hundert Jahren ist Südtirol bei Italien: in einem Gefüge von Minderheit und Mehrheit; in Bezug auf die Minderheit wird eine „kulturelle“ Identität beschworen, streng im Gegensatz zur „nationalen“ Identität der Italiener. Wir fragen unter anderem, wie sehr solche Begriffe einander festlegen, wie sehr sie in Abgrenzung zueinander stehen, wie sehr sie die Verbindungen und die Beziehungen untereinander leugnen, das gemeinsame Feld. Wie sehr führen sie also in die Falle? Wie klein und gezähmt hält uns der Bezug auf eine „Identität“?  

Der Schwerpunkt liegt bei Ex-Jugoslawien. Warum?

Ex-Jugoslawien, das als Vielvölkerkonstrukt der EU nicht unähnlich ist, wurde von nationalistischen Kräften und Interessen auseinandergerissen; wir wissen, welche Folgen das hatte, niemand hätte sich gedacht, dass nach dem 2. Weltkrieg, nach dem Holocaust, so schnell wieder ein Völkermord und ein Krieg in Europa möglich wären. Heute nimmt das Auseinander-Dividieren über den Begriff der Identität noch immer kein Ende. Die eingeladenen Autoren, Künstler und die weltweit beachtete serbische Initiative „Krokodil“ gibt Auskunft darüber – und über ihr künstlerisches, literarisches und politisches Dagegenhalten. 

Maxi Obexer_Nane Diehl_Was heisst hier Identität?

Gibt es Paralellen zu Südtirol? 

Die Parallelen gibt es natürlich zu einem Land wie Südtirol, abgesehen davon, dass die Länder Ex-Jugoslawiens ja nicht weit von Südtirol liegen; daneben gibt es aber auch viele Bezüge  zu Fragen, die Europa betreffen.

Wie wird sich der Begriff der Identität in Zukunft verändern?

Neuerdings wird das Konzept der Identität von Rechtspopulisten in die Hand genommen, doch nicht, um eine Vielfalt von Minderheiten sichtbar zu machen, wie es ehemals das linke Bestreben war, sondern um Abgrenzungen vorzunehmen; spätestens seit es die identitäre Bewegung gibt, sollten wir den Identitätsbegriff also sehr kritisch hinterfragen. Im Sine von: „Wer Identität sät, wird Identitäre ernten“ – wie es neulich in einem Radiobeitrag hieß. Im Mai gibt es Europa-Wahlen – wir wollen auch danach fragen, ob es nicht über die nationalen oder kulturellen Identitäten hinaus längst ein europäisches Selbstverständnis gibt, gerade in Südtirol. 

Hast du Buchempfehlungen zum Thema?

Sehr zu empfehlen ist das Buch von Francois Jullien: „Es gibt keine kulturelle Identität“ aus dem Suhrkamp Verlag sowie  Edouard Glissand: „Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielfalt”, erschienen beim Verlag Das Wunderhorn.

Das detaillierte Programm zur Tagung findet ihr hier

Fotos: (1) SAAV; (2) Nane Diehl

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