Music

September 26, 2017

“Vertonte Sehnsucht”: Enrosatura, die Band im Interview

Greta Stampfer

“Sich weigern zu sein, wie die anderen.” – Das steht auf der Facebook-Page von Enrosatura. Als ich sie an einem schwülen Vormittag in der Bozner Altstadt treffe, werde ich in dem Punkt definitiv nicht enttäuscht: Die vier Individuen, Thomas Neulichedl, Tobias Venzo, Maximilian Erler und Martine Mairhofer, stehen der selbst geschriebenen Definition in keiner Weise nach. Man merkt: Hier trifft sich nicht nur eine Band, hier treffen sich Freunde. Vier Freunde, die schon so einiges erlebt haben. Als “neuer Stern am Südtiroler Musikhimmel und das ohne den kleinsten Funken Übertreibung” vom Ost West Club gelobt, schließlich 2016 auf der Bühne mit den Dropkick Murphys beim Rock the Lahn Festival, sank der Stern allerdings. – Also nur eine Sternschnuppe am musikalischen Firmament? Das verneinen sie. Enrosatura gibt es nach Schreibblockaden und Lebenskrisen noch immer, versichern sie mir und erzählen, was los war. Ein Einblick in die Leiden einer jungen Band.

Um die Lieblingsfrage aller Bands gleich zu Anfang zu stellen: Wie beschreibt ihr euer Genre?

Maximilian: Was bisher veröffentlich wurde, lässt sich in die Rock- und Folk-Richtung einordnen. Allerdings haben wir schon lange nichts mehr veröffentlicht, weshalb die Lieder sicher anders aussehen würden als die bisherigen. Wir haben uns nie wirklich auf ein Genre festgelegt.

Warum gründet man nach der Schwemme von Folkbands, die über die ganze Welt einbrach, wieder eine Folk-Band? Oder geht es schlichtweg nicht anders?

Thomas: Ich finde die Frage schwierig. Es ging nie darum: Wie können wir neuen Sound auf den Markt bringen? Wie können wir uns jetzt strategisch gut positionieren? Ich habe Folk einfach extrem gern gehört, es ist die Musik, die zu mir am meisten spricht. Von der gesamten Philosophie, die hinter Folk steckt, war ich sehr begeistert und da manifestiert sich eben, dass die Texte und die Herangehensweise davon beeinflusst werden. Aber prinzipiell, vom Sound her, sind wir nicht reiner Folk: Wir spielen nicht nur akustisch und haben kein fixes Ensemble.

Tobi: Wir spielen füreinander und nicht für die Szene oder für irgendein bestimmtes Publikum. Jeder, der uns jemals live gesehen hat, merkt, dass es sich eigentlich um eine Jam-Session handelt: Die Songs, die Präsentation und der Sound sind immer ein bisschen anders.

Ist das kreative Ausleben auf der Bühne eure Philosophie?

Maximilian: Ja, denn wir können nicht jede Woche zusammen proben, wir sind örtlich stark eingegrenzt, weshalb sich unsere Vorstellung von den Liedern andauernd verändert.

Du hast es schon angesprochen: Du und Thomas seid in Wien. Tobias in Innsbruck und Martine in Südtirol. Wie funktioniert so etwas?

Tobias: Gar nicht.

Maximilian: Wir sind sehr spontan.

Martine: Wenn ein Auftritt ansteht, dann raufen wir uns zusammen.

Thomas: Wir haben nicht wirklich eine Routine und ich bezweifle auch, dass wir irgendwann eine Routine auf die Reihe bekommen. Wir sind keine Band, die sich jemals konstant promoten wird.

Thomas und Maximilian, ihr seid bei Dead Like Juliet, also eher in der Metal-Schiene. Steht Enrosatura für den Ausbruch?

Maximilian: Man schätzt die Abwechslung.

Thomas: Ich habe Gitarre gelernt, um Lieder zu schreiben. Dabei habe ich allerdings nie gesagt, dass ich jetzt ein Rock-Projekt gründen will, sondern mehr, dass ich irgend etwas kreieren will, und dann hat es eben diese Form angenommen. Es ist nicht wirklich ein Ausbruch, sondern eher eine spontane Eruption von Kreativität.

In eurer Beschreibung auf Facebook steht auch: “Enrosatura ist vertonte Sehnsucht.” Wonach?

Thomas: Sei es nach Reiselust oder auch Sehnsucht nach einem Ort, der nicht diese Welt ist. Die Sehnsucht nach einem Zustand, von dem man träumt, zum Beispiel die Unio Mystica, also das Einswerden mit der Natur oder dem Universum, auch beim Musikmachen. In solchen Momenten fühlt man sich dann plötzlich größer. Man verspürt mehr Befriedigung in seiner Existenz, es ist diese Sehnsucht nach diesem Zustand, die mich antreibt.Enrosatura2

2016 hattet ihr einen Auftritt beim Rock the Lahn, heuer stand nur einer an. Warum?

Thomas: 2016 war alles neu und frisch. Wir haben etwas veröffentlicht und wir wurden öfters eingeladen, unser Name schien oft auf und es kamen Anfragen. Aber nachdem wir uns nicht wirklich die Mühe machten, alle möglichen Veranstalter anzuschreiben, kam die Flaute. Sollte sich wieder etwas ergeben, sind wir auch gerne dabei. Was auch irgendwie in das Konzept von Enrosatura passt.

Also ist das Konzept Spontanität?

Maximilian: Konzept würde ich es nicht wirklich nennen …

Existiert ein Konzept?

Thomas: Das Konzept ist das Erforschen der eigenen Kreativität oder des eigenen Schaffenswillen. Ich habe mich lange nicht bereit gefühlt, etwas zu geben. Ich hatte das Gefühl, dass ich nichts zu sagen habe, dass ich anderen Menschen nichts schenken kann.

Was heißt das konkret? Wie sieht es im Moment aus?

Maximilian: Wir sind mit Dead Like Juliet gerade stark eingespannt. Tour und Studio stehen an und danach sind Thomas und ich wieder in Wien. Aber die Lust ist wieder da und die Schreibblockade ist auch ein wenig gelöst.

Thomas: Frustrierend war die Zeit, in der ich dem gerecht werden wollte, was andere von mir erwarteten, nachdem die Reaktionen auf die erste EP doch gut waren. Man macht sich dann Gedanken, warum man überhaupt Musik machen soll, wenn man dabei keine Befriedigung verspürt. Die Selbtszweifel und die Erwartungen der anderen stehen dann im Widerspruch: Kann ich ihnen gerecht werden und will ich ihnen überhaupt gerecht werden?

Maximilian und Tobias, ihr seid eigentlich im Jazz verankert. Ist Enrosatura sozusagen der seichte Ausgleich, wo man sich zurücklehnen kann?

Tobias: Für mich nicht. Die Songs mögen simpler sein, jedoch sind bestimmte Mikropassagen sehr pointiert und vom Timing her auch schwierig. Außerdem sind Thomas und Maximilian wirklich gute Musiker, weshalb es extrem interessant ist, mit ihnen zu spielen; schlichtweg, weil man ins Farbenreiche der Musik eingehen kann. Die Begrenztheit öffnet wahnsinnig viele Türen.

Maximilian: Außerdem steckt die Idee der Improvisation in unserer Musik.

Enrosatura3

Martine, du bist ja erst seit Kurzem dabei. Was heißt es für dich, in das eingeschworene Trio Thomas/Maximilian/Tobias einzutreten?

Martine: Ich wollte schon von Beginn an unbedingt Teil von Enrosatura werden. Wir haben uns dann zum Jammen verabredet, danach fragte mich Thomas, ob ich denn ein Konzert spielen möchte, und ich habe zugesagt.

Thomas: Tine ist nach einem Konzert zu mir gekommen und meinte, dass sie gerne mit mir Musik machen möchte. Was Tine dann mitbrachte, war Initiative und Motivation. Sie kam her und sagte einfach: “Ich will mit euch spielen!”

Maximilian: Sie treibt uns an und bringt uns immer wieder auf den richtigen Weg zurück. Und zwischemenschlich und musikalisch passt es sowieso.

Thomas: Ähnlich war es mit Tobi. Die Vibes müssen einfach passen.

Wenn die Vibes passen, kann sozusagen jeder mitspielen …?

Tobias: Auf alle Fälle.

Maximilian: Wenn dabei musikalisch und menschlich etwas Gutes entsteht, dann sicher.

Können wir jetzt auf ein 12-köpfiges Enrosatura-Orchester hoffen?

Thomas: Es wäre definitiv ein Traum sagen zu können: Wir haben ein Ensemble und bei den unterschiedlichen Liedern holen wir uns verschiedene Leute …

Ein Aufruf?

Maximilian: Ich hätte gerne ein Saxophon.

Thomas: Ich bin auf der Suche nach jemanden, der Ziehorgel spielen kann.

Tobias: Also kommen wir jetzt doch wieder auf die Folk-Schiene … Aber ich glaube, dass sich das auch in deinem Songwriting wieder spiegelt, Thomas. Die Sachen, die du schreibst, lesen sich fast wie eine Orchesterpartitur, denn es wird viel mit Farben gearbeitet. Das, was wir dann spielen, ist dann der Ursprung dieses Farbenspiels, aus dem noch viel wachsen kann.

Fotos: franzmagazine

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