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March 26, 2017

Alles Auf Anfang:
Schauspielerin Anna Pircher

Carmen Alber

Während die meisten 17-jährigen noch die Schulbank drückten, begann Anna Pircher bereits ihr Studium an der Universität der Künste in Berlin, das sie 2014 erfolgreich abschloss. Die talentierte und äußerst unterhaltsame Schauspielerin ist mittlerweile 24 Jahre alt und war unter anderem bereits im Wintergarten Varieté in Berlin als Dorothy in „Der Zauberer von Oz“, an der Neukölner Oper im Rahmen des Musicals „Stimmen im Kopf“, sowie als Julia in „Romeo und Julie“ im Schloss Nymphenburg in München zu sehen. Anna Pircher ist derzeit festes Ensemblemitglied am Theater Krefeld und Mönchengladbach und in vielen Stücken zu sehen. 

Kannst du dich an deine erste Rolle erinnern? Wann und was hast du gespielt?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich am Anfang der dritten Klasse Grundschule zu Hause geweint habe, da der Besuch der Theatergruppe in der Musikschule erst ab der vierten Klasse möglich war. Als ich dann endlich das ersehnte Alter erreicht hatte, musste ich natürlich sofort dabei sein. Dort habe ich dann auch meine erste Rolle in einem Theaterstück gespielt: eine alte Frau in einem Weihnachtsstück. Wenn ich jetzt eine alte Frau verkörpern müsste, hätte ich größten Respekt vor dieser Rolle; ich würde mich intensiv damit auseinandersetzen, weil die Rolle sehr weit von mir entfernt ist. Obwohl sie damals in der Grundschule natürlich noch viel weiter von mir entfernt war, habe ich damals einfach locker und naiv drauflos gespielt. Das sind Qualitäten, die ich mir heute, natürlich mit viel mehr Erfahrung und Wissen, manchmal wieder mehr wünschen würde. 

Wie bist du zum Schauspielen gekommen?

Ich habe ab dem sechsten Lebensjahr in der Musikschule Klavier gespielt und gesungen, war später in der Theatergruppe und habe Kunstturnen, Leichtathletik und andere Sportarten gemacht. Ich habe auch schon als kleines Mädchen mit meinem großen Bruder vereinbart, dass wir Schauspieler werden. Als mein Bruder dann sein Medizinstudium begann, war mir klar, dass es sich wahrscheinlich um einen Kindheitstraum handelte. Eines Tages, ich glaube mein Bruder war gerade im dritten Studienjahr, bekam ich eine E-Mail: „Hallo kleine Schwester, hier ist der Link zur Schauspielschule, auf die wir dann gehen, wenn du mit der Schule und ich mit dem Medizinstudium fertig bin.“
Ich war damals gerade in der zweiten Klasse Oberschule und hatte am nächsten Tag Physiktest und absolut keine Lust auf Lernen. So kam mir jede Ablenkung und Ausrede sehr gelegen. Ich öffnete den Link und kam davon nicht mehr los. Schnell sah ich, dass es in dieser Schule, neben einer Schauspiel- auch eine Musicalausbildung gab.
Sehr jung und naiv wie ich war, dachte ich mir, da ich auch gerne singe und tanze, es wäre doch noch viel spannender diese drei Sachen gleichzeitig zu lernen. Ein sehr naiver Gedanke, aber so war es. Zirka ein Jahr später, als die nächsten Aufnahmeprüfungen stattfanden, war ich dabei und ganz überraschend und wider meiner Erwartungen ein paar Monate später in Berlin auf der Uni. Anna Pircher - Carmen Alber 02

Würdest du dich selbst als empathischen Menschen bezeichnen? 

Ja, ich würde mich selbst als sehr empathisch bezeichnen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich in Menschen sehr gut hineinschauen kann und mir Leute selten vormachen können, wie sie sind, sondern dass ich sehr schnell merke, wie jemand wirklich ist, auch wenn sich die Person oft anders zeigt und gibt.
Schon früher, als ich noch sehr klein war und im Kindergarten oder in der Schule jemand ausgeschlossen oder unfair behandelt wurde, hat mich das immer sehr beschäftigt und traurig gemacht, weil ich versucht habe, mich in die Person hineinzuversetzen. Ich habe aber eigentlich nie darüber nachgedacht, ob und wie sich diese Empathiefähigkeit auf mein Spielen einer Rolle auswirkt. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann ist das bestimmt eine Hilfe und ein Vorteil, weil man sich Gefühle besser vorstellen kann und sich auch in andere Gefühle, die einem persönlich eigentlich fremd wären, besser hineinversetzen kann.

Was war die schwierigste Rolle die du je spielen hast müssen? 

Mir fällt dazu keine bestimmte Rolle ein, aber wie ich so nachdenke, stelle ich fest, dass die Schwierigkeit eigentlich überhaupt nicht zwingend mit der Größe einer Rolle zu tun hat. Natürlich bringt eine große, tragende Rolle auch eine große Verantwortung mit sich, denn man hat einen dementsprechend höheren Beitrag zum Gelingen eines Abends zu leisten und das ist durchaus eine schwierige Aufgabe. Die größte Herausforderung, finde ich, ist aber, unabhängig von der Größe der Rolle, Charaktere zu verkörpern, die von einem selbst sehr weit entfernt liegen und zu denen man vorher noch keinen besonderen Bezug oder von denen man keine bestimmte Vorstellung hatte. In so einem Fall muss ich mich immer besonders mit einer Rolle auseinandersetzen und viel beobachten und herausfinden. Das kann oft auch zu besonderen Ergebnissen und Erfolgserlebnissen führen.
Die sehr verbreitete Aussage und Bewunderung „Der bzw. die hat aber viel Text auswendig gelernt“, kann ich nur belächeln. Auswendiglernen kann, mit mehr oder weniger Mühe, jeder, das ist keine Kunst, die Kunst und Schwierigkeit liegt darin, wie man etwas darstellt und wie man auch einer kleinen Rolle einen Charakter und eine Bedeutung verleiht. Anna Pircher - Carmen Alber 03

Wie fühlst du dich vor einer Vorstellung?

Wie ich mich vor einer Vorstellung fühle, das ist ganz unterschiedlich. Auf einer Premiere lastet immer ein größerer Druck als auf anderen Vorstellungen: Die Presse ist da, der Schauspieldirektor und andere SchauspielkollegInnen sind anwesend, und man hat natürlich auch noch nicht die Routine und Sicherheit, die man nach mehrmaligem Spielen derselben Vorstellung hat. Deshalb bin ich vor einer Premiere immer besonders aufgeregt und angespannt, das ist aber bislang auch immer gemischt mit großer Vorfreude, das neue Stück zum ersten Mal öffentlich zu präsentieren.
Da ich wöchentlich meist mehrere Vorstellungen spiele, bin ich eigentlich mittlerweile sehr ruhig und freue mich auf die Vorstellung. Erst kurz vor Betreten der Bühne verspüre ich den gewissen Adrenalinschub, der glaube ich, nur notwendig und hilfreich ist. 

Wirst du voraussichtlich nach Südtirol zurückkehren? 

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich mag meine Heimat sehr. In Südtirol leben meine Eltern, viele Verwandte und sehr viele Freunde, mit denen ich regen Kontakt pflege. Deshalb komme ich immer wieder gerne nach Hause, wenn ich ein paar Tage frei habe, und ich bin mir sicher, dass ich bestimmt auch in Zukunft nach Möglichkeit immer wieder nach Südtirol fahren werde.
Es gibt durchaus auch in Südtirol verschiedene Möglichkeiten, Theater zu spielen, zum Beispiel als freischaffender Schauspieler bzw. freischaffende Schauspielerin. Aber zur Zeit habe ich hier am Theater Krefeld Mönchengladbach die tolle Möglichkeit, Teil eines festen Schauspielensembles sein zu dürfen. Das heißt, dass ich einen Vertrag für eine gesamte Spielzeit (ca. Anfang September bis Mitte Juli) an einem Theater habe und dort in verschiedenen Stücken eingesetzt werde. Dabei habe ich die Möglichkeit, sehr viel und auch vielseitig spielen zu dürfen, da ich viele, ganz unterschiedliche Rollen und Charaktere verkörpern darf.
Aber ich weiß natürlich nicht, wie es weitergehen wird. Es ist üblich, dass man als junger Schauspieler bzw. junge Schauspielerin nach zirka vier Jahren das Theater wechselt, und ich kann natürlich noch nicht voraussagen, wo ich einen neuen Arbeitsplatz finde, wo zu gegebener Zeit gesucht wird, wo ein Vorsprechen positiv ausfällt usw., ob es mich irgendwann irgendwo festhält, vielleicht ja auch in Südtirol, oder ob ich weiterhin noch öfter Theater und somit Ort wechseln werde. 

Wen oder was hast du in deiner letzten Rolle gespielt?

Wir spielen hier verschieden Stücke parallel, das heißt, dass ich zur Zeit in verschiedenen Stücken mitspiele und somit mehrere Rollen verkörpere. Gestern, beispielsweise, habe ich die Sonja in „Schuld und Sühne“ von Dostojewski gespielt, vorgestern einen fanatischen Borussia-Mönchengladbach-Fan in der Musical-Revue „Wir sind Borussia“ und morgen spiele ich ein Bandmitglied von Ton Steine Scherben in der Show „Rio Reiser – König von Deutschland“. Im Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“, ein aus 16 kleinen Geschichten bestehendes Stück über Liebe und Freundschaft, spiele ich vier unterschiedliche, kleine Rollen, von einer hysterischen Putzfrau bis zu einer Grufti-Babysitterin. 
Es wird also nie langweilig, da die Stücke und somit die Charaktere sehr unterschiedlich sind und gerade diese Vielfalt macht mir großen Spaß.

Fotos: Carmen Alber

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