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December 7, 2016

Söhne der Wälder: „Schwarze Seelen” von Gioacchino Criaco

Verena Spechtenhauser

Titel: Schwarze Seelen 

AutorIn: Gioacchino Criaco

Darum geht’s: Um das kalabrische Bergdorf Africo, „wo selbst die Sprache keine Zukunft hat“, wie FAZ-Italien-Korrespondent Jörg Bremer in seiner Besprechung so treffend schreibt. Es geht um Luciano, Luigi und den namenlosen Ich-Erzähler, Kinder armer Ziegenhirten und stolze „Söhne der Wälder“, die sich dafür entscheiden, sich der Herrschaft lokaler Ndrangheta-Paten zu entziehen, um im reichen Norden Italiens ihr Glück zu finden und erst viele Jahre später zu erkennen, dass sie eigentlich immer “Anime Nere”, Todgeweihte, waren. 

Lieblingszitat: Bevor wir es wussten, ahnten wir, wer der Böse war, in den Dörfern gab es jede Menge Waisen wie Luciano.

Riecht… nach dem Wind aus Africo, nach der Ausweglosigkeit des Mezzogiorno.

Schön: Die Geschichten und Sagen aus dem Aspromonte, erzählt vom alten Ziegenhirten Bino. Interessant, die Insider-Perspektive des Autors.

Weniger schön: Der sehr emotionslose Schreibstiel, der ohne Frage sehr gut zur Geschichte und den Protagonisten des Buches passt, bei mir jedoch dazu führte, dass die Konzentration des öfteren nachließ und mir so beim Lesen manchmal der Zusammenhang entging.

Unbedingt lesen, wenn… man ein Faible für das finstere Italien besitzt. 

Gut für… spannende Lesemomente auf langen Zugreisen im guten alten Pendolino der Trenitalia, am Besten auf der Strecke Bolzano–Lecce.

Resümierend: Der Folio-Verlag mit Sitz in Bozen und Wien hat sich in den letzten Jahren unter anderem auch mit der Übersetzung italienischer Kriminalromane ins Deutsche einen Namen gemacht und so dazu beigetragen, dass Schriftsteller wie Carlo Lucarelli, Carlo Bonini, Gianrico Carofiglio oder Gino Chiellino auch im deutschsprachigen Raum ihr Publikum finden. Besonders erfolgreich, die Politthriller von Giancarlo de Cataldo, welche mehrere Monate lang auf der renommierten KrimiZeit-Bestenliste vertreten waren. In die Liste dieser Romane reiht sich auch „Schwarze Seelen“, dessen Originalausgabe 2008 unter dem Titel „Anime Nere“ im Verlag Rubbettino erschienen ist. Interessant für die LeserInnen ist sicherlich auch die Biografie von Giocchino Criaco, auf deren Hintergrund das Buch doch deutlich anders wahrgenommen wird: Der Mailänder Anwalt wurde in den 1960er Jahren in Africo geboren, sein Vater Domenico verstarb 1993 während einer Blutfehde, sein Bruder Pietro Criaco zählte bis zu seiner Verhaftung zu einem der meistgesuchten Kriminellen Italiens. 

Für mich ist Schwarze Seelen viel mehr als ein „simpler“ Mafia-, sondern vor allem auch ein Coming-of-Age-Roman. Ein trotz seines bewegten Inhaltes doch ruhiges, fast schon dokumentarisch gehaltenes Buch, dessen Geschichte und Protagonisten selbst mich jedoch nicht zu hundert Prozent für sich gewinnen konnten. Gleichwohl hat die Lektüre in mir aber die Neugier geweckt, mehr über den Süden und seine Geschichte und Gegenwart zu erfahren.

Seitenzahl, Verlag, Jahr, Preis: 233 Seiten, Folio Verlag Wien/Bozen, 2016, 21,70 Euro, ISBN: 978-3-85256-684-9, gebunden, Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. 

Infos: Wer sich mit weiterführender Literatur rund um das Leben der Menschen im kalabrischen Aspromonte beschäftigen möchte, dem sei das Buch von Corrado Alvaro: „Gente in Aspromonte“, Garzanti Libri dringend ans Herz gelegt. 2014 wurde „Anime nere“ von Francesco Munzi erfolgreich verfilmt. Drehort war Africo selbst. Empfehlenswert ist auch der Original-Soundtrack zum Film von Giuliano Taviani und Leo Rosi. Mehr über Autor und Buch (unter anderem ein interessantes Dossier) gibt’s auf der Website des Verlages

Foto: franzmagazine 

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