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September 25, 2016

Verfechter der alternativen Musikszene: Patrick Faller aka Patze

Irina Angerer

Trotz des frühen Abends herrscht im Alten Schlachthof in Brixen bereits reges Treiben: Die Kellner flitzen eilig umher, damit auch alle ihr Bier bekommen, die Gäste wirken entspannt, unterhalten sich, lachen. Im Hintergrund lassen sich die weichen Töne von Bass und Gitarre vernehmen. Auch die Lichterkette, die sich über den gesamten Innenhof zieht, erstrahlt schon in ihrem vollen Glanz und beleuchtet glückliche Gesichter. Eines dieser Gesichter fällt durch zwei große Tunnel an den Ohren, kurzgeschorene Haare und ein breites Grinsen auf. Dieses Gesicht gehört zu Patze. Das ist der Spitzname des Jugendarbeiters und Eventorganisators Patrick Faller. Obwohl er gerade von der Arbeit kommt, wirkt er frisch und munter. Viele Gäste, die ihn erblicken, grüßen ihn – klar, denn er ist in Brixen bekannt wie sonst keiner. “Passt, fangen wir an,” verkündet er gut gelaunt und bestellt sich noch schnell ein großes Bier:

franzmagazine: Patze, wie siehst du persönlich die derzeitige Südtiroler Jugendszene und -kultur?

Die letzten Jahre fand ich sehr schlimm. Alles ist zu einem Einheitsbrei verschwommen: Jede Bar spielt die selbe Musik, in jeder Diskothek läuft der gleiche Scheiß – die Leute hören alle das selbe. Alle schauen gleich aus, ziehen das selbe an. Im vergangenen Jahr hat sich aber Vieles gebessert. Mittlerweile gibt es viele Veranstalter, die kleine Konzerte ohne Eintritt organisieren. Sie zeigen den Jungen, dass es auch etwas anderes gibt – abseits vom Kommerz. Live-Musik wird endlich wieder populärer, da der elektronische Markt langsam übersättigt ist.

Und wann hast du angefangen, dich aktiv für den Erhalt der Südtiroler Jugendszene einzusetzen?

Ich bin in Bozen zur Schule gegangen und dort auch das erste mal mit Konzerten in Berührung gekommen – die gab es in Brixen nicht. Schulkollegen haben mich oft ins Bunker und ins KuBo mitgenommen. Von der Mittelschule her kannte ich nur Bravohits. Mit der Zeit habe ich dann angefangen, vermehrt Live-Musik zu hören. Dort habe ich mir dann auch einige Connections aufgebaut. Da ich aus Brixen komme, haben mich Bozner Veranstalter gefragt, ob ich dort etwas Werbung für ihre Konzerte machen könnte. Das habe ich dann auch des öfteren gemacht, bis ich angefangen habe, selbst Konzerte zu organisieren. Das mache ich jetzt seit sieben Jahren.

Was war dein erster Event, den du organisiert hast?

Das erste Konzert habe ich zusammen mit der Band Prehate im Club Max in Brixen organisiert. Sie haben damals ihr erstes Album fertiggestellt und wollten es mit einem Konzert vorstellen. Obwohl die Veranstaltung an einem Mittwoch stattfand und am nächsten Tag kein Feiertag war, kamen um die 500 Leute. Das war ziemlich gut. Ab da habe ich angefangen Blut zu lecken und wollte das unbedingt weitermachen.

Gab es bei deiner Arbeit schon einmal Probleme mit der Bürokratie?

Bürokratische Probleme hatte ich eigentlich nie. Was aber ein Problem hierzulande ist, sind die Öffnungszeiten. Das ist in Österreich viel besser. Vor allem in Clubs ist man dort viel besser dran. Dort gibt es ein Open-End, das heißt, es kann viel länger gefeiert werden. Das ist auch der Grund, wieso so viele Leute aus Südtirol lieber in Innsbruck ausgehen. Eine andere Sache ist, dass alternative Events im Vergleich zu kommerziellen viel mehr unterdrückt werden. Begründung dafür: ‘Das könnte nicht jedem gefallen’. Aber okay, ist halt so.

Wie war Südtirols Jugendszene eigentlich Anfang der 2000er, also zu deiner Jugendzeit, im Vergleich zu heute?

Früher waren die Leute einfach motivierter als heutzutage. Ich zum Beispiel bin damals auch unter der Woche in Bozen zu Konzerten gegangen. Die Lokale waren immer gefüllt. Da ich aber nicht in Bozen gewohnt habe, kam es auch schon öfters vor, dass ich für ein gutes Konzert einfach irgendwo geschlafen habe. Einmal sogar auf einem Ping-Pong-Tisch. Heute kann man nichts mehr unter der Woche organisieren, das ist unmöglich. Wenn das Datum nicht passt, kommt niemand von weiter weg zur Veranstaltung. Höchstens Leute über 25, die ein Auto haben. Mittlerweile kann ich aber behaupten, dass es langsam wieder bergauf geht. Es ist auch wieder viel mehr los, oft überschneiden sich Konzerttermine an einem Wochenende sogar.

Wie sieht es deiner Meinung nach eigentlich mit dem altbekannten Vorurteil „Jugendliche und Alkohol bzw. Drogen auf Festivals“ aus? Glaubst du, der Konsum ist in den letzten Jahren schlimmer geworden?

Nein, den Eindruck habe ich eigentlich nicht. Südtirol war immer schon ein Trinkerland. Das bezieht sich jetzt aber nicht nur auf Festivals, es wird auf jedem Dorffest auch getrunken. Dort sind genauso viele Jugendliche besoffen wie auf jedem Konzert, wenn nicht sogar schlimmer. Auch Drogen hat es immer schon gegeben. Der Konsum ist also, glaube ich, nicht gestiegen. Die DrogenkonsumentInnen sind höchstens etwas jünger geworden. Das könnte aber auch daran liegen, dass Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu Alkohol mehr haben. Als ich klein war, konnte man schon mit 16 Alkohol kaufen und konsumieren. Heute gibt es für unter 18jährige einfach nichts mehr. An Drogen kommt man einfach leichter ran, die gibt es an jeder Ecke ohne Alterskontrolle.

Viele Jugendliche verschwinden nach der Schule zu Ausbildungs- oder Arbeitszwecken ins Ausland. Glaubst du, dass es da einen Zusammenhang mit der Südtiroler  Jugend-  und Kulturszene gibt?

Viele Studenten, die ins Ausland studieren gehen, kommen nicht mehr zurück oder wenn, dann erst ab einem gewissen Alter. Im Ausland haben sie einfach ein besseres Partyleben als bei uns. Brixen zum Beispiel hat eigentlich auch viele Studenten – nur sieht man die nie. Wenn ich jetzt studieren gehen würde, dann würde ich nicht nach Brixen gehen. Hier würde ich den ganzen Tag einfach rumliegen, ab und an auf die Uni gehen und nebenher vielleicht arbeiten. In anderen Städten hat man viel mehr Möglichkeiten, viele kulturelle Sachen zu machen, die einen interessieren.

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Besonders im vergangen Jahr hat sich genau in Brixen einiges getan, wo um die drei neue Lokale eröffnet haben. Auch das alte Astra-Kino ist ein immer wieder aufkeimendes Gesprächsthema.

Wir hatten großes Glück, dass das Astra in den letzten eineinhalb Jahren benutzt werden konnte. Auch ich habe dort um die 15 Konzerte und Partys organisiert: entweder über meinen eigenen Verein, das Jugendzentrum, wo ich arbeite, oder selbst. Das alles ist super gelaufen. Ein Riesenvorteil vom Astra ist, dass der Laden etwas anarchistisch geführt ist. VeranstalterInnen sowie BesucherInnen fühlen sich dort freier als in einer herkömmlichen Bar. Es gibt keine richtigen KellnerInnen und im Normalfall auch keine Securities. Trotz allem wurden wir sogar schon angefeindet.

Inwiefern?

Es sind tatsächlich schon Leute hergekommen, die gemeint haben: ‘Ihr nehmt den Bars die Leute weg.’ – Das ist aber nicht der Fall. Es wird dort Musik gespielt, die Bars normal nicht spielen würden. Zu unseren Veranstaltungen sind bis jetzt hauptsächlich Leute gekommen, die man an einem Wochenende ansonsten nie oder zumindest nur selten sieht. 

Momentan wird es aber nicht vermietet. Wie geht es weiter?

Soweit ich informiert bin, wird im November diesen Jahres mit dem Umbau begonnen. Der erstreckt sich über’s gesamte 2017 und soll bis Frühling 2018 dann abgeschlossen sein. Es soll ein Jugendkulturzentrum werden, also so ähnlich bleiben wie es war – nur schöner. Junge Kulturschaffende können dort dann Partys oder Konzerte organisieren oder aber auch Filmvorführungen.

Zusätzlich zu deiner Arbeit als Jugendarbeiter organisierst du vor allem Musik-Events. Wie hast du es eigentlich geschafft, ein so großes Line-Up für das diesjährige Brixner Altstadtfest auf die Beine zu stellen?

Dass ich so etwas Großes zusammengebracht habe, habe ich vor allem Philipp Gummerer, dem Brixner Gemeinderat für Jugend, zu verdanken. Er hat von irgend jemandem den Tipp bekommen, dass ich der geeignete Ansprechpartner für die Bühne wäre. Ich sollte etwas machen, was den Jungen gefällt – einfach ein cooles Line-Up zusammenstellen. Die Youthstage war die einzige Bühne beim Altstadtfest, die alle drei Tage bespielt wurde. Am Ende gelang es mir ein großes Line-Up mit 22 Bands und 2–3 DJs zusammenzustellen. Die Bands waren hauptsächlich alternativ, nur zwei Coverbands waren dabei. Wir haben ein sehr gutes Feedback für die Stage erhalten, nur ein betrunkener Nazi hat sich einmal beschwert. [lacht]

In anderen Städten Südtirols sieht es da schon anders aus. Vor allem die Landeshauptstadt scheint etwas stillzustehen. Irgendwelche Tipps, wie man die Jugendszene in Bozen in Schwung bringen könnte?

Seit die Halle 28 weg ist, gibt es nichts mehr. Man kann nichts Großes mehr organisieren. Bozen fehlt es einfach an Locations, etwas, wo nicht nur Kommerz-Zeugs stattfindet. Etwas, wo man auch mal eine Goa- oder Reggae-Fete organisieren kann. Zwar gibt es noch die Black Box in Leifers und das Point in Neumarkt, aber diese Lokale sind vielen oft zu weit entfernt. Außerdem gibt es in Bozen oft auch Probleme mit der Bürokratie, wie es bei dem kürzlich abgesagten Event Lumber Room im Schloss Maretsch der Fall war. Da wurde den Veranstaltern die Location kurz vor dem Event gecancelt und es gab auch keinen Alternativvorschlag der Gemeinde. Mit diesem Verhalten vertreibt man auch den letzten, der in Bozen etwas zu machen versucht.

Noch kurz zum Schluss: Wo siehst du Südtirols alternative Musik- und Kulturszene in 15 Jahren?

Das ist schwer zu sagen. Prinzipiell denke ich, dass es besser wird. Ein positives Beispiel ist da der Weekender Club in Innsbruck: Dort gibt es mehrmals in der Woche Konzerte, die alle sehr gut besucht sind. Das zeigt einfach, dass man relativ undergroundige und antikommerzielle Sachen machen kann und es gut funktioniert. So etwas ist in Südtirol zur Zeit noch nicht denkbar. Da wir im Vergleich zum Ausland aber so oder so Jahre hinterher hinken, gehe ich mal davon aus, dass wir in 15 Jahren auf dem Level sind, wo Innsbruck jetzt ist. [lacht]

Fotos: Irina Angerer/franzmagazine

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