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February 8, 2016

Der weibliche Körper als Kampfzone: “Gestures – Woman in Action” im Kunsthaus Meran

Christine Kofler
Die am Freitag, 5.2.2016 in Meran eröffnete Schau "Gestures – Woman in Action" versammelt Arbeiten der radikalsten Protagonistinnen der weiblichen Performance-Kunst und Body-Art. Während der erste Teil der Ausstellung frühe feministische Performances ab Mitte der 60er-Jahre dokumentiert, zeigt der zweite Teil Fotografien und Videos von Aktionskünstlerinnen der Gegenwart.

Ausgangspunkt der Schau ist die bekannten Performance “Cut Piece”, die 1965 von Yoko Ono realisiert wurde. Dabei stand die Interaktion zwischen Publikum und Künstlerin im Vordergund. Indem die TeilnehmerInnen der Performance dazu aufgefordert wurden, die Kleidung der Künstlerin zu zerschneiden, sollte sich die Distanz zwischen Kunst und BetrachterIn auflösen. Weitere Fotografien im ersten Stock des Meraner Kunsthauses dokumentieren Performances von Yoko Ono und John Lennon, Yayoi Kusama und Valie Export und fallen in eine Zeit, in der das Festhalten der Aktionen Dokumentiationszwecken galt und in der die Fotografien und Videos noch keine eigenständigen Kunstwerke waren, die anschließend kommerzialisiert wurden. So war die Performance-Kunst eine neue Sprache jenseits des bereits bestehenden Kunstmarktes. Erst in den 80er-Jahren vollzog sich der Übergang von der reinen Dokumentation hin zu Fotos und Videos, die als eigenständige Werke am Kunstmarkt gehandelt wurden.Yoko Ono, Cut Piece. 1964. Performed by Yoko Ono, Carnegie Recital Hall, New York_© Minoru Niizuma. Courtesy Lenono Photo Archive, New YorkYoko Ono, Cut Piece. 1964. Performed by Yoko Ono, Carnegie Recital Hall, New York © Minoru Niizuma. Courtesy Lenono Photo Archive, New York

In der Ausstellung vertretene Künstlerinnen wie Gina Pane, Ana Mendieta und Orlan, überschritten den Gedanken des “Körpers als Medium” und loteten die Grenzen des Erträglichen weiter aus. Der weibliche Körper wurde in den 70er-Jahren zum Werkzeug des gesellschaftlichen Kampfes um die Rolle der Frau. Radikale Performances mit Selbstverletzungen und -kasteiungen versinnbildlichten Schmerz und Ausschluss. Gina Pane, Azione sentimentale, 1973@ Gina Pane by Siae 2016Gina Pane, Azione sentimentale, 1973 @ Gina Pane by Siae 2016

So ist die großformatige Fotografie der französischen Künstlerin Orlan kaum zu ertragen: Sie dokumentiert einen der vielen chirurgischen Eingriffe, denen sich die Künstlerin unterzog. Die Operations-Performance trägt den Titel “The Reincarnation of Saint Orlan” und ist Teil ihrer Erkundung des post-organischen Körpers und einer radikalen Kritik am gängigen weiblichen Schönheitsideal. Die aktuellste Arbeit, die in der Ausstellung gezeigt wird, ist jene der guatemaltekischen Body-Art-Künstlerin Regina José Galindo, die mit der ganzen Verletzlichkeit ihres nackten Körpers die Grausamkeiten und Brutalität des, inzwischen verurteilten, Diktators Montt anprangert. Orlan__The_second_mouth__7th_surgery-performance_titled_Omnipresence__New_York__1993Orlan, The second mouth, 7th surgery-performance, titled Omnipresence; New York, 1993   

Faltenlose Mater dolorosa. Auch die  Pionierin der Performance-Kunst, Marina Abramović, ist mit mehreren Arbeiten vertreten. Ein Video zeigt die bekannte Performance “Imponderabilia”, die im Jahr 1977 im Museo d’Arte Moderna di Bologna stattfand. Die BesucherInnen mussten sich am Eingang zwischen der nackten Künstlerin und ihrem, ebenso nackten, damaligen Lebensgefährten Ulay hindurchzwängen. Eindrucksvoll auch die großformatige Fotografie der Performance “Balkan Baroque”, die 1997 auf der Biennale von Venedig stattfand: Marina Abramović sitzt auf einem Berg von Rinderknochen und schrubbt das Blut von den tierischen Überresten. Dass der weibliche Körper noch immer, vielleicht mehr denn je, Kampfzone ist und gesellschaftlicher Kontrolle unterliegt, verdeutlicht nicht zuletzt das heute fast faltenlose Gesicht der inzwischen 70-jährigen, weltbekannten Künstlerin Abramović. Marina_Abramovic___Ulay__Impoderabilia__1977_02Marina Abramovic + Ulay, Impoderabilia, 1977 

“Gestures – Woman in Action”, die letzte Schau des langjährigen Kurators Valerio Dehò,  ist bis zum 10. April 2016 im Kunsthaus Meran zu sehen. 

Titelfoto: Regina José Galindo, Piedra, 2013, Sao Paolo, Brazil; glossy print on forex; 90 x 135 cm

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