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July 21, 2015

Davide Bevilacqua über Kunst, Internet + seine GAP-Kuratorenresidenz

Anna Luther

Davide Bevilacqua, Künstler und für den Sommer 2015 Kurator des GAP Glurns Art Point, verrät uns das Neueste in der Kunstszene Europas: Das Projekt, eine Art Flashmob der Kunst im Internet, heißt “6pm your local time” und bricht lokale Grenzen auf. Jedes Kunstatelier mit Internet-Anschluss kann daran teilnehmen und so den Ausstellungsraum auch in die virtuelle Welt tragen. Doch bevor es Näheres dazu gibt, sprechen wir mit dem im Bereich Medien- und interaktive Kunst tätigen Künstler und Kurator über Ausstellungsräume im Abstrakten und dann ganz konkret in Glurns. Davide Bevilacqua verkreuzt Kunst, Wissenschaft und Technologie, in seinen Projekten untersucht er Prozesse und Beziehungen von Medien, elektronischen Geräten und Organischem. 

Was wäre der Ausstellungsraum deiner Träume?

Ich glaube, darauf gebe ich zwei Antworten: Als Kurator wäre für mich der beste Ausstellungsraum überkontrolliert, weiß und ohne Ecken. Der Raum ist kreisförmig und man spürt die Wände nicht, nur ein Objekt ist ausgestellt. Nur eine Person allein darf den Raum betreten, sodass seine Konzentration auf dem Ausstellungsobjekt liegt und es keinen Kontakt zum Rest der Welt gibt. Als Künstler hingegen gefallen mir Räumlichkeiten mit geschichtlichem Hintergrund; zwar weiß gestrichen, aber mit besonderer Architektur – es darf auch ruhig etwas abgefuckt sein, aber sauber. Im Mai durfte ich in einem solchen Raum ausstellen, das Ungewöhnliche daran war, dass meine Ausstellung als Ganzen aufgrund der Winkel nicht fotografiert werden konnte. Das fand ich lustig, denn so musste man herkommen, um sich die Ausstellung anzusehen. 

Wie würdest du das Internet in einem Satz beschreiben?

Das Internet ist unser neues Unterbewusstsein. 

Wie hängt die neue Ausstellungsreihe des GAP mit dem Internet zusammen?

Ein wichtiges Thema unserer Ausstellungsreihe sind die Beziehungen der Menschen durch virtuelle Medien wie Chat, E-Mail oder Skype. All diese Medien sind über das Internet verbunden, es ist die Schnittstelle solcher Kommunikationen. Wenn wir dieses Interview auf Skype führen würden, hätte es einen anderen Kontext und Moment: Wenn ich in Südafrika wäre und du in Amerika, könnten wir skypen, unsere Distanz wäre einerseits niedrig, andererseits liegt eine große geografische Distanz zwischen uns. Diese Kommunikation spielt sich nicht auf einer körperlichen Ebene ab. Eine zweite Eigenart des Internets ist die dort präsentierte Kreativität: Wenn du beispielsweise auf Instagram gehst, gibt es coole Fotos am Strand mit Sonnenuntergang, alle ähneln sich irgendwie sehr. Eine Künstlerin in unserer Ausstellungsreihe versucht deswegen eine neue Ebene von Kreativität durch dieses Medium zu finden. Andere Schwerpunkte sind künstliche Intelligenz, das Bewusstsein und das Internet als auch die Wiederverwertung und Weiterverarbeitung von Material, das ins Netz gestellt wurde.Davide Bevilacqua GAP Glurns Art PointWas gibt es bei der ersten Ausstellung am Mittwoch, 22. Juli 2015, mit dem Titel “Your unread messages will be deleted soon” zu sehen? 

Andreas Zingerle vom Kollektiv KairUs wird seine Arbeit mit Linda Kronman vorstellen. Ihr Thema sind Online-Betrüger, die Mails verschicken und Druck ausüben, um an Geld zu kommen, darauf spielt auch der Titel dieser Ausstellung an. Andreas und Linda begannen auf diese Mails zu antworten und entdeckten dabei eine ganze Welt: Mit Beginn der Kommunikation erzählen die Betrüger eine Geschichte und die beiden Kunstschaffenden analysierten durch diese E-Mail-Gespräche die Strategie dahinter. Aktivisten versuchen den Betrügern entgegenzuwirken, indem sie auf Websites die E-Mail-Adressen derselben veröffentlichen und ihre Passwörter hacken – damit handeln auch sie irgendwie illegal. Eine hier von Linda und Andreas ausgestellte Arbeit zeigt die Passwörter der E-Mail-Accounts der Betrüger, die sich alle um bestimmte Themen drehen, wie Gott oder Geld. In einer Performance werden die Betrüger live angerufen, um zu sehen, was passiert. 
Valentina Colella hingegen erschuf 2009 zehn verschiedene Charaktere, unter deren Namen sie chattete. Diese Charaktere fingen an eine Geschichte zu haben und wurden zu komplexen Persönlichkeiten. Bei der Ausstellung wird sie aus ihrem Archiv Teile der Konversationen zeigen. Ein interessanter Aspekt daran ist, dass es im Chat die Möglichkeit gibt, mit fremden Menschen, die einem nie wieder begegnen, über beschämende Dinge zu reden. Diese Arbeit wollte ich unbedingt dabei haben, denn der Chat ist eigentlich ein totes Medium. Chats mit anonymen Nicknames werden nicht mehr verwendet, alles läuft über Facebook.
Und auch vom derzeitigen GAP-Residenzkünstler Jens Höffken wird am Mittwoch eine Arbeit zu sehen sein.  

GAP ist am Mittwoch Teil der europaweiten Veranstaltung “6pm your local time”. Was ist das? 

Die Veranstaltung “6pm your local time” wurde von einer Kunstinstitution aus Brescia organisiert. Ein Netzwerk von ungefähr zweihundert bis dreihundert Institutionen, Galerien, Museen oder was auch immer wurde geschaffen. Wir werden am selben Tag um dieselbe Uhrzeit – eben 18:00 Uhr nachmittags – eine Veranstaltung eröffnen und live über Instagram und Twitter streamen. Über eine Software in Brescia werden alle Fotos und Videos mit demselben Hashtag #6pmeu auf dieser Website gesammelt. Es wird fortwährend gepostet und alles in Brescia, am Hauptveranstaltungsort, gezeigt werden. Das ist super-verrückt und wir sind Teil davon.  

Davide Bevilaqua wurde 1989 in San Daniele del Friuli (Udine) geboren und wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Luca, der heute in Kopenhagen studiert, auf. Er studierte Bildende und Darstellende Künste als Bachelor in Venedig und beschäftige sich dort mit verschiedenen Arten von Kunst, vor allem aber mit Theater. Nach einiger Zeit als Kellner in Berlin zog es ihn nach Linz in Oberösterreich, um dort seinen Master in Interaktiver Kunst zu machen. Seit zwei Jahren spricht er ständig Deutsch, davor verständigte er sich vor allem auf Englisch. Von Juli bis August 2015 betreut er GAP Glurns Art Point im oberen Vinschgau als Kurator. 

Das Sommerprogramm des GAP, kuratiert von Davide Bevilaqua:
ÖFFNUNGSZEITEN zu GAP Atelierhaus, Ausstellungen, Initiativen: Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonntag: 17 bis 19 Uhr + Samstag: 15 bis 19 Uhr; jeden Freitag, 19 Uhr: offener GAP Stammtisch zu den Themen Kunst und Kultur
17. Juli 2015, 20–22 h: Glurnser Kulturnacht 2015: Konzert mit Wirtshausstimmung; Ausstellung: Jens Hoffken. Präsentation des GAP Sommerprogramms 2015 – DETAILLIERTE PROJEKTBESCHREIBUNGEN SIEHE NÄCHSTE SEITE
22. Juli 2015, 17 h: Vernissage “Your unread messages will be deleted soon”. Die Veranstaltung ist Teil der Initiative 6pmyourlocaltime.com 
8. August 2015, 19 h: Vernissage “Mindworks”
22. August 2015, 19 h: Vernissage “Me and the medium” 
26. August 2015: Präsentation “Smart Cities” – Ergebnisse des Workshops der Uni Bz “Hack my town”

September 2015: Fotoausstellung “Fotografische Entdeckungsreise durch Glurns 
Laufende Projekte: Deaddrop – Aram Bartholl; Biblitecha; GAP Wiki.
Beteiligte KünstlerInnen GAP Sommer 2015: Andreas Zingerle (KairUs), Valentina Colella, Nina Mengin, Veronika Krenn, Francesco Nordio, Lorenzo Commisso und Rachele Burgato (COLORA).
Digitale Werkzeuge für analoge Gesellschaften: Online und offline, digitales und analoges Leben stehen sich als Gegensätze gegenüber, sie beeinflussen sich gegenseitig weniger oder mehr, häufig jedoch werden sie immer noch als getrennte Welten und unterschiedliche Realitäten betrachtet. Online-Gesellschaften sind auch anders organisiert und entwickeln gänzlich andere Dynamiken im Unterschied zum echten Leben. Ohne Zweifel beeinflussen sich jedoch beide gegenseitig und bringen auch beteiligte AkteurInnen und Strukturen zum interagieren. Hat es also Sinn, weiterhin von der Dichotomie des Online- und Offline-Lebens zu sprechen? Ist eine konstruktive Synthese zwischen beiden möglich? Wie sind digitale Werkzeuge zu verwenden, um eine analoge Gesellschaft zu unterstützen? Wie sind wir imstande, eine Kombination aus digitaler und analoger Gemeinschaft zu schaffen und sie in die Alltäglichkeit zu integrieren ohne sich zu sehr auf die Technologie zu konzentrieren?

Fotos: franzmagazine/Anna Luther

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