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March 20, 2015

Die Wahrheit oder Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, + den Nachteilen, sie zu sagen

Nadja Röggla

Die Komödie des Pariser Schriftstellers Florian Zeller, welche im Stadttheater Bozen aufgeführt wurde, präsentiert sich als ein gelungener Denkanstoß, über Doppelmoral, Monogamie und Männlichkeit.
Das Stück beginnt mit einem Gespräch, nach einem leidenschaftlichen Liebesspiel, zwischen Michel, amüsant gespielt von Thomas Hochkofler und Alice, dargestellt von Andrea Haller. Der Ort des Geschehens: ein Doppelbett. Das Problem: Alice ist die Frau von Paul, gekonnt umgesetzt vom Schweizer Alexandre Pelichet, dem besten Freund von Michel.

Seit sechs Monaten haben die beiden ein Verhältnis. Michels Frau Laurence, dargestellt von Brigitte Jaufenthaler, und Paul ahnen natürlich nichts davon. Alice geleitet von schlechtem Gewissen und Zweifeln, will gestehen. Michel ist dagegen. Das wäre egoistisch. Wo bleibe denn da die Diskretion und der Respekt für den Partner? “Die Lüge ist eine Tugend, wenn sie es erlaubt, das Leiden zu vermeiden,” unterstreicht er seine verzweifelten Versuche, Alice bei ihrem Vorhaben aufzuhalten.

Als Paul jedoch im nächsten Akt Michel von seiner Vermutung, dass Alice in betrügen würde, erzählt, gerät Michel ins Zweifeln. Solle er seinem besten Freund gestehen oder hat bereits Alice ihrem Mann die Wahrheit gesagt? 
Michel stellt Paul zur Rede, dieser erzählt im darauf, er wisse schon davon und wäre nicht sonderlich enttäuscht darüber, da er doch mit Michels Frau seit Jahren ein Techtelmechtel vorantreibe. Bei der Konfrontation mit seiner Frau Laurence, streitet diese jedoch alles ab.
Michel wird somit vom Betrüger zum Betrogenen, verstrickt in ein komplexes, unübersichtliches Lügenkomplott. Die sieben Akte sind ein Spiel zwischen Lüge und Wahrheit, ein ständiges Hin und Her, wobei das Publikum immer wieder auf die falsche Fährte gelockt wird.

Kurz bevor man am Ende des Stücks mit naiver Gutgläubigkeit überzeugt davon ist, dass nun endlich die Wahrheit auf dem Tisch sei, wendet sich das Ganze wieder.
Dann gehen die Scheinwerfer aus. Die Wahrheit wurde nicht gefunden. Aber eigentlich geht es gar nicht darum. Das Zentrale in Florian Zellers gelungener Komödie ist die Lüge.

Ist es wirklich so, dass ständige Ehrlichkeit einen Mangel an Respekt und Empathie bedeutet? Vor allem in Beziehungen, heißt es, müsse man immer ehrlich sein. Ist wirklich dies das romantische Rezept für die moderne Liebe?
Oder verhält sich das mit der Wahrheit vielleicht so, wie Michel zu Beginn des Stücks einmal sagt: “Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden. Und in gewisser Hinsicht wäre dies das Ende der Zivilisation.”

Die Vereinigten Bühnen Bozen zeigen “Die Wahrheit” bis 22.3.2014 im Stadttheater Bozen.

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