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December 30, 2014

Find what you love and let it kill you

Robin Vagale
Zwischen den Zeilen #01: Von lyrischen Platzproblemen und anderen menschlichen Befindlichkeiten.

Wir könnten noch ausgehen heute Abend. Die Nacht ist noch jung und klar. Die Nacht ist noch jung, doch wir sind alt. Während uns die Welt langsam auffrisst, liegen wir da. Zwischen angebrochenen Träumen und leeren Hoffnungsdosen, nicht verstandenen Gedanken und Augen ermüdenden Büchern. Auf kleinen Zetteln unsere Lieblingszitate und Filmsprüche an die Wand geklebt. Sie scheinen jeglichen Charme und Tiefe verloren zu haben, jetzt, da sie dort quasi ausgestellt hängen. Neben einem so öde wirkenden Spruch, den ich mit 17 schön fand, ein “Find what you love and let it kill you”. Ich glaube, ich habe gefunden, was ich liebte, doch hatte ich noch keine Lust zu sterben. Mein Herz pocht emsig an deine Schläfe. Unsere Pulsschläge leicht versetzt. 1 + 1 ergibt wohl doch nicht 1, sondern eher ein 1.2. Der Unterschied von nur einmal Rascheln des Vorhangs im Sommerwind. Der Unterschied von nicht schlafen können und nicht schlafen wollen. 

Wir könnten noch ausgehen heute Abend. Die Nacht ist noch jung, doch da liegen wir. Mein Kopf noch im Gestern, deiner im Morgen. Im Heute nur die 0.2 Pulsschläge dazwischen, 0.2 nicht gelebte Momente, 0.2 nicht geatmete Atemzüge. Und doch ein nicht gelebtes Leben. 

Ich drehe mich vier Mal um und die Nacht ist vorbei. Du drehst dich gar nicht um und die Nacht ist vorbei. Wir könnten etwas unternehmen am heutigen Tag. Wir könnten noch leben am heutigen Tag. So wie die anderen. Auf dem Stückchen balancieren, was bleibt. Was bleibt? Was bleibt in den 0.2 Pulsschlägen? Wir könnten ans Meer fahren, oder im Wald spazieren, gerade weil das nicht bleibt, und deshalb so schön ist. Wir könnten etwas gegen den Stumpfsinn tun. Stumpfsinn. Als hätte das Stumpfe einen Sinn. Als läge noch etwas Sinn im Stumpfen. Dabei ist es doch das Gegenteil von Sinn. Stumpf eben. Sinnlos. 

Doch was fehlt? 

Was fehlt, ist das Rascheln des Vorhangs im Sommerwind. Jetzt nur ein kurzes Zittern der Hände um halb 8. Draußen Schnee. Innen nichts. Und wir könnten noch ausgehen, der Tag ist frisch und klar. Doch uns ist kalt. Trotz des Stumpfsinns. Im Radio läuft eine Melodie, die vielleicht zu stumpf ist für den Begriff. Eher ein Entstehen der Töne. Meine Gedanken stumpf, mein Kopf stumpf, meine Worte stumpf. Ich versuche sie mit Kaffee zu schärfen. Leider ohne Erfolg. Du fragst, was wir heute vorhaben. Ich kann es dir nicht sagen. “Find what you love and let it kill you” – vielleicht habe ich doch nicht gefunden, was ich liebe und bin trotzdem tot. Was ist stumpf anderes als der Tod? Morgen ist dann wieder Silvester. War doch gestern erst. 

Foto: Robin Vagale

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