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December 15, 2014

Erstaunlich unbeirrt: Carmen Tartarotti, Filmemacherin

Kunigunde Weissenegger
Am Mittwoch, 17.12.2014 ehren Female Views und Filmclub Bozen ab H 18.00 die große österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die am 20.12.2014 ihren 90. Geburtstag feiert, mit zwei Filmen der Latscher Filmemacherin Carmen Tartarotti, Zeichnungen des Grödner Malers Markus Vallazza zu ihrem Prosaband "Das Herzzerreißende der Dinge" sowie den Erinnerungen der Bücherwürmer-Leiterin Christine Vescoli an den Besuch der Schriftstellerin in Lana.

 

“Ich mag nicht sprechen und auf dieser Grundlage werden wir unseren Film aufbauen.” – “Das soll ein Film über das Schweigen werden.” – “Aber wie macht man das dann?” – so einige aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen von Friederike Mayröcker. Carmen Tartarotti ist mit viel Feingespür und Einfühlsamkeit genau dies gelungen: Ihr 90minütiger Dokumentarfilm “Das Schreiben und das Schweigen” porträtiert auf beeindruckende Weise die 84jährige Dichterin und ihre wundersame Schreibwelt.

“Ein  Film als Zusammendenken des Unzusammenhängenden, ein sensitives und sensibles Assoziationswunder, das der Kunst Friederike Mayröckers ein filmisches Äquivalent entgegen hält,” so die Jury, die Carmen Tartarotti dafür den Hessischen Filmpreis 2009 verliehen hat. Ein Interview mit der Latscher Regisseurin und Autorin über ihre behutsame und sorgfältige Art Filme zu machen, Friederike Mayröcker, weitere prägende Erlebnisse beim Arbeiten und die Zukunft.

Carmen Tartarotti, wie schaffst du es, dich in deinen Dokumentarfilmen den ProtagonistInnen und Persönlichkeiten zu nähern – ohne aufdringlich zu wirken? Worauf achtest du? Worauf legst du Wert? Was ist für dich beim Filmemachen wichtig?

Mein Interesse ist emphatischer Natur und gilt der Person als Ganzes. Ich lasse mich auf meine Protagonisten ein und schwimme stromlinienförmig mit. Und bringe viel Zeit mit, keine getaktete Zeit, sondern Lebenszeit. Bei der Annäherung geht es weniger um ein “Verfahren”, sondern um ein unendlich flexibles Sich-Einlassen. Ich zitiere den Filmemacher Andres Veiel: “Was mich wütend macht, ist, wenn Leute Filme machen und keine Neugierde haben auf die Menschen, die sie zeigen… wenn sie sich sozusagen mit dem Nachrichtenwert einer Person zufriedengeben, wenn sie Menschen zu Stichwortgebern ihrer eigenen Thesen machen.” Das kann ich absolut unterschreiben.

An welche Momente, die du bisher als Filmemacherin erlebt hast, erinnerst du dich? Was hat bleibende Eindrücke hinterlassen?

Ich erinnere mich besonders an sehr viel Arbeit, Krisen und Entbehrungen. Aber auch daran, wie erstaunlich unbeirrt ich immerzu war. Das Unbeirrtsein hat mich weiter gebracht und darüber freue ich mich. Es ist ja nicht mein Verdienst. Es war mir gegeben und hätte auch anders sein können.Friederike Mayröcker + Carmen TartarottiFriederike Mayröcker + Carmen Tartarotti (c) Carmen Tartarotti

Wie war die Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker?

Es gab keine normale Drehsituation. Es war ein einziges Herantasten. Wir hatten verabredet, dass ich zwei Mal die Woche zu ihr in die Wohnung komme und etwas aufnehme. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich sehr privilegiert war, denn heute empfängt Mayröcker kaum noch jemanden in ihrer Wohnung. Es war auch nicht ganz klar, wie lange dieses Filmemachen gehen würde und wohin wir damit gelangen würden. Wir haben uns fortbewegt von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, immer in kleinen Schritten, mit Miniergebnissen.
Man spürt im Film immer eine gewisse Verweigerungshaltung von Seiten der Dichterin, gleichzeitig aber auch die Bereitschaft, ihr zusehen zu dürfen, bei dem was sie macht und wie sie lebt.
Ich brauchte 5 Jahre um diesen Film zu machen: Das erste Jahr habe ich allein und ohne Budget an dem Projekt gearbeitet, erst nach und nach habe ich dann eine finanzielle Unterstützung erhalten. Und ich hatte Glück, dass der Kameramann Pio Corradi mich bei dem ungewissen Vorhaben begleitet hat. Ohne ihn hätte ich mich sehr unsicher gefühlt. Er kam mehrere Male mit dem Nachtzug nach Wien, nur um ein paar Stunden mit FM zu drehen.
Da wir immer nur kurz und über einen sehr langen Zeitraum hinweg drehen konnten, bestand mein Material aus weitgehend unzusammenhängenden Sprach-und Bilderfetzen. Mir war aber von Anfang an klar, dass der Film erst in der Montage anfangen würde zu existieren. Die Montage, bei der mich der Dramaturg Ferdinand Ludwig, auch ein langjähriger Vertrauter, begleitetet hat, brachte uns zur Verzweiflung, denn es gab kein Rezept, dessen wir uns hätten bedienen können. – Im Film kommt mehrmals die große Schere im Fenster der Änderungs-Schneiderei Aslan Gültekin vor. Sie kann als Metapher für das Auftrennen und neu Zusammensetzen gesehen werden. 

Was fällt dir ein, wenn du daran zurück denkst?

Dass ich aus der Arbeit gestärkt hervorgegangen bin. Ich hatte das Gefühl, ein großes Abenteuer überstanden zu haben. Und ich habe gelernt, dass man für jedes Werk einen ganz speziellen Schlüssel schmieden muss, der auf dem Markt der Formate nicht zu finden ist. Ein Filmemachen in Abhängigkeit von irgendwelchen Erwartungshaltungen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Es interessieren mich nur noch singuläre Produkte. Und ich bin auch nicht interessiert daran, dass meine Filme jede Marktritze ausfüllen und in sämtlichen Kanälen der Medienindustrie Verbreitung finden.

Was ist Friederike Mayröcker für ein Mensch? Wie hast du sie erlebt?

Der Film „Das Schweigen und das Schreiben“ hat ja gerade deshalb solange gebraucht, weil ich einen anderen Weg als den des Kommentars beschritten habe. Ich wollte die Dichterin Friederike Mayröcker erlebbar machen. Insofern sollte man nicht auf eine nie gehörte Antwort hoffen, sondern sich den Film anschauen.

Was gefällt dir an ihr?

Mir gefällt sehr vieles an ihr. Zum Beispiel die Einfachheit, in der sie spricht: Sie lässt einem viel Raum, eigene Gedanken zu entfalten. Besonders gefällt mir ihre Stimme. Diese weiche, entspannte Stimme, mit einem leicht schleppenden und somnambulen Tonfall, sehr melodisch, doch im Gesamteindruck eher monoton. Eine seltene Mischung. Man kann sehr viel heraus hören aus ihrer Stimme, feinste Regungen.Zu dir: Welche Frage wurde dir in Interviews noch nie gestellt, wäre aber deiner Meinung nach wichtig? 

DIE Frage gibt es nicht. Es kommt ganz darauf an, wie sich der Fragende einem nähert, mit welchem Interesse. Mal blüht man auf, mal macht man zu. – Die meisten Gedanken schießen einem sowieso beim Arbeiten durch den Kopf, kleine Erkenntnisse in stillen Momenten, die man nie wieder rekonstruieren kann. Wenn man so ungeübt im Sprechen ist, wie ich, lassen sie sich kaum in die Öffentlichkeit tragen. 

Was würdest du zur Idee eines Dokumentarfilms oder Buchs über dich sagen?

Fände ich total abwegig! Meine Person eignet sich nicht für einen Dokumentarfilm und schon gar nicht für ein Buch. Es wäre mir durch und durch peinlich. 

Woran arbeitest du gerade? Was kommt als Nächstes? Was bringt 2015?

2015 werde ich mich hauptsächlich der Verwertung meines neuen Films “Wir können nicht den hellen Himmel träumen” widmen (für den sie den Preis für den besten Dokumentarfilm des Festivals der Neue Heimatfilm in Freistadt und den Publikumspreis der Bozner Filmtage 2014 überreicht bekam – Anm. d. Red.). Ich habe eine Auswertung vor, die der Art und Besonderheit des Films gerecht wird und die ihn mit der nämlichen Sorgfalt bewirbt und begleitet, in der er entstanden ist. Die Hessische Filmförderung hat mein “impegnatives” Verleihkonzept bewilligt und nun werde ich schauen, wohin es mich trägt.Friederike Mayröcker + Markus Vallazza, Alte Schmiede, Wien, 21.1.2009 (c) FolioFriederike Mayröcker + Markus Vallazza, Alte Schmiede, Wien, 21.1.2009 (c) Folio

DAS PROGRAMM AM 17.12.2014

18.00 Uhr – Filmclub Café (Eintritt frei)
Begrüßung der Gäste durch Dorothea Vieider und Sara Iovino
Hommage an Friederike Mayröcker von Christine Vescoli
1 Häufchen Blume 1 Häufchen Schuh“, Filmportrait von Carmen Tartarotti in Zusammenarbeit mit Bodo Hell, D/A 1990, Länge: 45 Minuten, Filmpreis der Stadt München: LiteraVision
Zeichnungen von Markus Vallazza
Erinnerungen von Christine Vescoli

20.00 Uhr – Saal 3
Das Schreiben und das Schweigen“, Dokumentarfilm von Carmen Tartarotti, D/IT/A 2009, Länge: 90 Minuten, ausgezeichnet mit dem Hessischen Filmpreis, vornominiert für den Deutschen Filmpreis, Einführung von Ina Tartler und Carmen Tartarotti
Anschließend Buffet mit Häppchen und Getränken

Foto oben: Carmen Tartarotti + Friederike Mayröcker (c) Carmen Tartarotti

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