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June 5, 2014

think more about 2014 – 2 von 2: Dieser verflixte Wandel

Greta Sparer
Vom 15. bis 17. Mai 2014 hat in Brixen "think more about" statt gefunden. Wir sind in die Tage der Nachhaltigkeit eingetaucht.

“Virtue itself of vice must pardon beg”, Shakespeare wusste es im Hamlet schon und heute ist es noch immer so: Die Tugend muss das Laster um Verzeihung bitten – wenn jemand etwas für die Umwelt tun will, muss er oder sie sich schon fast dafür entschuldigen, so der Bologneser Wirtschaftsprofessor Stefano Zamagni, Pionier der Gemeinwohl-Ökonomie in Italien. 

think more about 2014, es geht weiter: Zamagni schließt mit seiner Keynote den Kongresstag am 16. Mai in Neustift mit einer Portion Klartext ab: Die Idee des Homo Oeconomicus als profitmaximierenden Individualisten, mit der die Unis ihre Absolventen und Absolventinnen hinaus ins Berufsleben schicken, sei längst überholt. Ganz zu schweigen von dem großen Missverständnis, dem Adam Smiths 1776 erschienenes Pionierwerk zur liberalen Wirtschaftspolitik “The Wealth of Nations” zum Opfer fiel. Übersetzt und gedeutet wird es bis heute als “Ricchezza delle nazioni”, also als materieller Reichtum, dabei stehe “wealth” für ein viel breiteres Wohlstandsverständnis. Und auf die Frage, was er sich von Renzis Reformbestrebungen erwarte, sagt Zamagni: “Renzi sa che se non terrà la promessa andrà all’inferno.”

So viel zum Freitag. Am Samstag 17. Mai, dem Seminartag, waren die Thematiken wieder breit gefächert: vom systemischen Konsensieren über zukunftsfähige Businesspläne bis hin zum Erlernen von emotionaler und sozialer Kompetenz. Ich habe mich für “Euregio – Moderne Verwaltung trägt Verantwortung” eingetragen in der Hoffnung, Musterbeispiele grenzübergreifender Zusammenarbeit kennen zu lernen. Tatsächlich ging es vor allem um die Schwierigkeiten, den nachhaltigen Wandel in die Praxis umzusetzen. Das scheint wohl so ein allgegenwärtiges Phänomen zu sein. 
Etwa Thomas Steiner, der Nachhaltigkeitskoordinator von Niederösterreich, betont gleich zu Beginn seiner Präsentation, dass eine der größten Herausforderungen in seinem Job die sei, die Politik (die ihn beauftragt) und die Verwaltung davon zu überzeugen, die Maßnahmen, die er mit seinem Team entwickelt, umzusetzen oder zu unterstützen. Dieses Team besteht übrigens aus den Vertretungen der verschiedenen Verwaltungsabteilungen des Landes; eine sehr seltene Art der Zusammenarbeit für Ämter, die sich normalerweise nur um einen bestimmten, abgegrenzten Bereich kümmern müssen.

Ein bisschen leichter scheint es Green Events Tirol zu haben. Es handelt sich hier um ein Zertifikat, das an Veranstaltungen in Tirol vergeben wird, die nach dem Kriterienkatalog der Green Events Tirol als nachhaltig eingestuft werden. Veranstalter und Veranstalterinnen können sich auf der Webseite einfach durch den Katalog in Fragebogenform klicken und sich zunächst Tipps dafür holen, wie sie ihr Event umweltfreundlicher und sozial nachhaltiger gestalten können, und dann um die Zertifizierung ansuchen. Um diese zu erhalten, muss im Fragebogen eine bestimmte Punkteanzahl erreicht werden. Pluspunkte gibt es zum Beispiel für Müllreduktion, Bioverpflegung, barrierefreie Zugänge, Lärmschutz etc. 
So ähnlich, aber doch ganz anders definiert sich das, was sich in Südtirol ein Green Event nennen darf. Unter dem Auftrag der Landesumweltagentur erstellte das Ökoinstitut ebenfalls einen Fragenkatalog für die Zertifizierung als Green Event, die nun seit Oktober 2013 offiziell möglich ist. Etwas strikter und bürokratischer gehe es beim Südtiroler Label wohl zu. Auch noch anders ist vor allem die Rolle der sozialen Kriterien, die im Gegensatz zur Tiroler Variante hier eine kleinere spielen, die noch dazu schlicht unter den Schwerpunkt “weitere2 fällt. Sonja Abrate vom Ökoinstitut betont aber, dass sie sehr bemüht seien, dem Sozialen hier noch zu mehr Raum zu verhelfen. think more about 2014Seminar ”Euregio – Moderne Verwaltung trägt Verantwortung” – von links: Andreas Pichler – Ökoinstitut Südtirol, Matteo Bonazza – Accademia della Montagna in Trentino (Foto: think more about)

Apropos sich etwas abschauen können: Nach dem Vorarlberger und Tiroler Beispiel, veranstaltet das Ökoinstitut in Zusammenarbeit mit dem BLS den Wettbewerb Südtirol radelt zwischen 19. Mai und 19. September. 
Aber zurück zu den sozialen Faktoren, darauf pocht nämlich auch Matteo Bonazza, als er die Zertifizierung der Accademia della Montagna del Trentino vorstellt. Ihm reicht es nicht, die Barrierefreiheit ausschließlich als Angelegenheit der Sozialpolitik zu handhaben. Es sei der Tourismuspolitik zuzuschreiben, wenn sich die Gäste mit besonderen Bedürfnissen in ihrem Urlaubsland nicht gut empfangen und aufgehoben fühlen. 
Deshalb sollte im letzten Jahr, als die Nordic Ski Weltmeisterschaft im Fleimstal im Trentino anstand, ein Plan her, wie man das Event barrierefrei machen könnte. Da Menschen aber auch schlafen, essen und sich anderweitig unterhalten wollen, wurden die drei “Open”-Zertifizierungen entwickelt, die an Events, Infrastruktur und Sportanlagen vergeben werden. 
Neben dem Kenntlichmachen von Barrierefreiheit gehe es aber vor allem um die Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigung. Denn jemand, der gewisse Erfahrungen nie gemacht hat, merke zum Beispiel nicht, dass die Höhe des Rezeptionstisches beim Hotelempfang für eine stehende Person angenehm, für jemandem im Rollstuhl aber abweisend wirken kann.
Und dabei reichen manchmal schon ganz simple Maßnahmen, die nicht einmal viel kosten müssen. Und vor allem: “Non è complesso progettare un sito accessibilie. Ci vuole solo attenzione nel periodo di pianificazione”, so Bonazza. Zum Thema überregionale Zusammenarbeit meint er: Es wäre eine Ressourcenverschwendung, wenn jetzt Tirol und Südtirol ihre eigenen Zertifizierungen entwickeln würden und sich die ganze Arbeit, die man im Trentino schon hatte, erneut machen würden. Außerdem, wie schön wäre es, wenn sich Menschen mit Beeinträchtigung auf gewisse Standards verlassen könnten, egal, wo sie Urlaub machen.

Nun endlich zur Europaregion: Emanuel Aichner von der EVTZ (Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit) oder einfach Euregio Tirol-Südtirol-Trentino stellt den Tiroler Gemeindekatalog vor, einen Tiroler Beitrag zum Global Marshall Plan. Von diesem Katalog, vom Land Tirol seinen Gemeinden zur Verfügung gestellt, können sich letztere für verschiedene Veranstaltungen inspirieren lassen, um die Leute dort anzutreffen, wo sich ihr Leben abspielt, auf öffentlichen Plätzen etc., ohne sie in einen Seminarraum locken zu müssen. Mit für alle offenen und interaktiven Aktionen soll das Bewusstsein für soziale, ökologische und ökonomische Phänomene und Probleme gestärkt werden. Denn wer Bescheid weiß, kann auch seinen eigenen Handlungsspielraum besser wahrnehmen und Teil des Wandels werden. 

Was das mit der EVTZ zu tun hat? Soweit noch eher wenig, aber in Zukunft bald mehr, hofft Aichner, wenn beispielsweise die länderübergreifenden Initiativen gestartet werden. Aber auf der globalen Schiene des Marschall Plans sei der EVTZ bereits jetzt direkt involviert in der Entwicklungszusammenarbeit Tirol-Südtirol-Trentino mit der Partnerregion Uganda-Tansania. 
Und zum Abschluss noch zur Energie Gemeinde Naturns: Naturns hat so ziemlich alles, was man sich unter Energieeffizienz vorstellt: eigenen Strom über Photovoltaik (ca. 16 Prozent des Gesamtverbrauchs), Wärme aus Hackschnitzeln aus den eigenen Wäldern (ca. 68 Prozent), ein eigenes Energieteam, Energiesparmaßnahmen in öffentlichen Gebäuden unter Einbeziehung der Angestellten; es werden Veranstaltungen für Kinder abgehalten, um schon die Kleinsten auf spielerische Art zu erreichen und darüber auch die Eltern. Und es gibt einen autofreien Tag in der europäischen Mobilitätswoche. Und so einiges mehr, alles online nachzulesen. 

Das war mein “think more about” 2014. Das Fazit: Wir müssen mehr miteinander reden, und etwas zu verändern kann leichter sein, als man denkt, wenn man erst einmal anfängt zu denken. Ich freue mich schon auf “think more about” 2016!

Auf dem Foto ganz oben: Emanuel Aichner beim Betrachten der Euregio-Landia Wanderausstellung 

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