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November 22, 2013

Kinki Texas – Hofmaler der Moderne

Kunigunde Weissenegger

Zum dritten Mal hat es ihn als Künstler nun schon nach Südtirol gezogen – wohl auch wegen der vielen Schlösser und Burgen. “Das ist jedes Mal toll, ich mein’, ich komm aus dem Flachland, für mich sind die Berge Highlights.” In St. Christina und Wolkenstein war er schon als kleines Kind mit seinen Eltern und hat da gar einige Kilometer zurück gelegt. ”Die Mischung aus einerseits italienischem Lebensstil und andererseits alle-verstehen-mich” findet er “super und “klasse”. Die Kombination und das Aufeinandertreffen von Romanischem und Deutschem und dass “sich die besten Sachen miteinander vermischen, gefällt mir gut”. – Der international bekannte und anerkannte Künstler fühlt nicht anders als andere Gäste unseres Landes. 

Eingeladen hat ihn auch dieses dritte Mal die Goethe Galerie in Bozen bis Samstag, 23. November 2013 sind die Arbeiten von Holger Meier, alias Kinki Texas, dort noch zu sehen. Ich traf mich mit ihm in der Galerie. Sympathisch, aufmerksam, zurückhaltend, jung. – Relativ jung – er ist Jahrgang 1969 und stammt aus Bremen, wo er auch heute lebt und arbeitet. Auf alle Fälle im Kopf jung. Auch wenn er sich heute die Nächte nicht mehr so um die Ohren schlägt: “Ich bin ja nun auch schon über 40, bei mir ist nicht mehr viel Rock ‘n‘ Roll”, meint er lachend. “Morgens bis 5 Uhr durchfeiern, das heißt für mich, dann drei Tage nicht mehr malen können. – Es hat alles seine Zeit, das ist klar – in den Kindergarten würde ich jetzt auch nicht mehr gehen.” Nun konzentriere er sich viel mehr auf die Malerei selbst, als ein gewisses Lebensgefühl zu gestalten. “Von daher finde ich meine Bilder jetzt besser.” Er zeigt mir einen Katalog mit früheren Arbeiten: “Das habe ich früher gemacht. Da ist auf alle Fälle eine Wildheit, eine Spontanität drinnen, die ich mir jetzt nicht mehr erlauben würde oder jetzt nicht mehr fühle. Dafür ist jetzt mehr Kultiviertheit zu finden.”  

prehistoric drawing - KinkiTexas 1995-1999prehistoric drawing – KinkiTexas 1995-1999 

Seit zehn Jahren stellt er nun nur mehr in Galerien aus. Ursprünglich kommt er aus der Off-Szene, aus dem Underground-Bereich und nicht aus dem Kunstbereich; wobei das künstlerische Arbeiten bei ihm in Phasen ablief und sich Kunstbereich mit Off-Bereich stetig abwechselten. An seine erste Ausstellung erinnert er sich genau: “Meine erste Ausstellung war in Bremen, wo ich herkomme. In einer Fabrikshalle, eine riesengroße Matratzenfabrik, die man zu einer Galerie gemacht hat, und da passten meine Bilder gut hin.” Ja, seine Bilder sind Gemälde, groß und riesig, und erreichen auch die 2 x 2 Meter, natürlich gibt es auch kleinere Arbeiten (41,7 x 29,5 cm): Collagen, Schicht für Schicht aufgetragen, unter Verwendung verschiedenster Materialien – wie auch der Nagellack der Freundin. 12 Bilder erarbeitet er pro Jahr, die Fertigstellung eines einzelnen kann auch bis zu zwei Jahre dauern.  

Kinki Texas stellte also für lange Zeit “off” aus. “Das Spektakulärste”, erinnert er sich, “war wahrscheinlich, dass eine Kuratorin aus Frankfurt in Texas eine verlassene Minenstadt mitten in der Wüste – mit leeren Swimmingpools und allem, was dazugehört – gekauft hat (sind relativ billig) und dort eine Ausstellung gemacht hat. Es kamen dann zwar kaum Leute, weil es ja mitten in der Wüste war, aber die Sache war toll.” Dann stellte er auch in Hamburg in alten, leerstehenden Fabrikshallen oder in Bremen in einem okkupierten, alten, leerstehenden Tunnel aus. “Ich kam aus diesem Umfeld – dem Ausläufer der Punk-Kultur, in der dritten Generation (mit Abitur und Studium an Kunsthochschulen).”

 Quanah Parker - Kinki Texas 2013Quanah Parker – Kinki Texas 2013

Seit 1987 zeigt Kinki Texas seine Arbeiten in verschiedenen Einzel- und Kollektivausstellungen; seit 1994 arbeitet er mit digitalen Techniken und seit 1999 hat er sich auf dreidimensionale Animation, Videoinstallationen und Musikvideos spezialisiert. 2005 hat er an der philosophischen Fakultät der Universität Bremen promoviert. Warum nun Kinki Texas, will ich von ihm wissen? – Der Name gehe eigentlich auf ein Missverständnis zurück: “Die einfach Erklärung ist: Ich habe den Namen bekommen. Ich habe früher meinen Ausstellungen nämlich immer Namen gegeben – wie Platten auch ihre Namen haben. Ich war gerade in einer Off-Phase, wo es für mich ganz wichtig war, die Personifizierung der Kunst völlig abzulehnen: Das war nicht hoch gedacht, sondern ich habe meine Bilder nicht unterschrieben, ich habe meinen Namen nicht genannt. Es kam nur darauf an, dass ich gute Bilder hatte und das war’s. Es kam nicht darauf an, dass man in Galerien ausstellt, sondern das konnte auf der Straße passieren, in Räumen, in Tunneln und natürlich in Underground-Galerien. Dort nannte ich einmal eine Ausstellung ‘Kinki Texas Graffitis’, was so viel wie ‘anrüchige Cowboy-Wandbilder’ heißt. Dann kamen die von der Zeitung – Frankfurter Rundschau und TAZ – und sie verstanden, es handle sich um die Graffitis von Kinki Texas. – Weil ich ja sowieso  dieses Entpersonifizierte wollte, also mich nicht in den Vordergrund rücken, fand ich es schön, dass auf einmal eine Kunstgestalt da war. Jetzt ist es einfach mein Markenname. Man kann mich schon Kinki nennen, aber ich sehe eher das Ganze als Kinki Texas.”

Maximus Thrax - Kinki Texas 2013Maximus Thrax – Kinki Texas 2013

Wir schlendern weiter durch die Galerie. Ich will von ihm wissen, was er auf die Leinwand bringe. “Wenn ich einen Gedanken habe, lasse ich ihn in der Sprache. Alles was mir wichtig ist und was ich mitteilen will, mache ich immer in Worten. Das liegt auch an meinem Studium, ich habe nicht Kunst studiert. Ich habe Geisteswissenschaft studiert, von daher gehe ich davon aus, dass man keine klare Aussage in Bildern treffen kann.” Damit fallen viele Dinge, die er auf die Leinwand bringen könnte, raus: Sachen, die ihn beschäftigten, zum Beispiel politisch, kommen in keiner Weise in seine Bilder hinein, “bestenfalls als Abfall,” fügt er hinzu. “Wenn ich einen Gedanken habe, wenn ich mich mit etwas beschäftige, politisch beispielsweise, dann ist es mir nicht wichtig, das so zu sehen, wie ich es mir gerade am Schönsten und Besten vorstelle, sondern wie es wirklich ist, also objektiv – ich gehe davon aus, dass es so etwas gibt. In den Bildern geht es nur nach meiner Subjektivität, nach meinem Geschmack.” Insofern kann es schon manchmal passieren, dass, wenn er sich mit einem Thema beschäftige, beim Arbeiten etwas wiederkomme, aber dann nicht so, wie es sich in der Welt darstelle, sondern was er daraus mache, darin habe er dann gestalterische, inhaltliche Freiheit.  Wir bleiben vor ‘Maximus Thrax’ stehen: “So einen gab’s noch nicht. – Das sind Überlagerungen von mehreren Motiven; wobei es mir in keiner Weise darauf ankommt, auf den Punkt zu kommen; ich halte das Ganze gern in der Schwebe. Wenn ich mich hingegen mit einem Thema beschäftige, will ich auf den Punkt kommen. Dann will ich es klar vor mir oder im Geiste haben.” 

1000 Pawnees are not enough - Kinki Texas 20131000 Pawnees are not enough – Kinki Texas 2013

Die gesamte Ausstellung in Goethe Galerie heißt ‘1000 Ponies are not enough’ – ’1000 Ponies sind nicht genug’. – ‘1000 Pawnees are not enough‘ heißt das anlässlich der Ausstellung erschienene Buch: “Der Titel der Ausstellung ist eine Abweichung von meinem neuen Katalog, der mit der Ausstellung seine Release-Party bekommen hat: Pawnee ist ein Indianerstamm. – Beim Lesen des Titels stellt sich für mich die Frage: Wofür sind 1000 Pawnees nicht genug? Der Titel des Katalogs könnte auch ein Buchtitel sein. Und die Antwort würde man dann im Buch finden bzw. im Katalog. Ich mag den Zustand, wenn jemand mein Buch noch nicht kennt und zunächst liest ’1000 Pawnees are not enough’ und dann beim Durchblättern die Antwort entdeckt. – Wir bewegen uns hier auf mehreren Ebenen: Für mich ist bei ’1000 Ponies sind nicht genug’ natürlich auch Selbstironie, denn ich male ja immer Pferde, Reiterstandbilder. Von Freunden höre ich deshalb auch manchmal: ‘schon wieder ein Pferd’. Darauf kann natürlich ’1000 Ponies sind nicht genug’ ein Statement sein. Aber bei ’1000 Pawnees are not enough’ könnte man beispielsweise ableiten, dass 1000 Pawnees nicht reichen, um 100 Cheyenne einzufangen – man muss wissen, dass die Pawnees im Dienste der Kavallerie standen und gegen andere Indianer kämpften. Das wäre meine Assoziation. Aber es steht allen frei, selbst zu denken.”

Ein perfekter Opfertod - Kinki Texas 2012Ein perfekter Opfertod – Kinki Texas 2012

An sich wolle Kinki seine Bilder nicht erklären, er unterhalte sich gerne darüber, was er sieht, was das Publikum sieht und “vielleicht findet man eine gemeinsame Geschichte”. – “Ich habe nicht den Anspruch, dass hinter jedem Bild ein klarer Text dekodiert wird. Wie schon gesagt, wenn ich eine klare Aussage treffen wollte, würde ich es in einer Sprache tun.” Vielmehr reizt den Maler bei seinen Bildern jenen Moment des Ableitens, des Interpretierens, der gerne in der Waage bleiben kann, wie er meint. Im Gespräch, in ungezwungenen Unterhaltungen, interessiert es ihn, was Leute darin erkennen. “Es kommt auf die Unterhaltung an, ich höre ebenso gute und interessante Sachen wie auch langweilige oder anmaßende. – Manche Leute sehen darin einen gewissen Humor und andere denken sich, was für eine schlimme Kindheit ich gehabt haben muss.” – “Hast du?”, frage ich. Er entschlossen: “Nein, habe ich nicht.”Und weiter: “Solche personifizierten Ableitungen mag ich zum Beispiel nicht. Meistens sind es aber nette Unterhaltungen, aber ich habe auch schon doofe Sachen erlebt, aber selten. – Dass manche zum Beispiel denken, das sei mein psychologischer Standpunkt und dann an meiner Seele rumdoktern. Das nervt mich. Das kommt aber sehr, sehr selten vor; außerdem weiche ich dem auch aus. Wenn mir aber jemand sagt, er sehe da einen Insektenkopf darin, dann habe ich damit kein Problem, sondern kann mich darauf einlassen. – Das soll Maximinus Thrax sein, ein römischer Soldatenkaiser; wenn mir nun ein Historiker zu ihm noch etwas erzählen könnte, würde ich das super finden,” meint Holger Meier begeistert. 

Und was hat es mit dem Kinki Texas Space auf sich? “Der Kinki Texas Space ist ein fiktiver Raum, in dem diese Gestalten leben und existieren.” Die Gestalten sind befremdlich, bizarr, skurril, heldenhaft, verwirren, kurzweilen. “Meine Bilder sind eine Art höfische Malerei, bloß in die Moderne versetzt.” Historische Malerei habe ihn schon immer beschäftigt und dessen Motive kommen in seiner Malerei immer wieder vor, nicht historisch genau, sondern aufgebrochen, selbst interpretiert, bewusst verfälscht. – Sein umfangreiches Geschichtswissen ist verblüffend. Er finde sie faszinierender als zeitgenössische. Deshalb würde er seine Bilder am liebsten in Schlössern oder Burgen sehen: “Höfische Malerei hängt an Höfen. Mit Fabrikshallen sei er durch, das sei schön gewesen, aber jetzt male er Ritter und Schlachten. “Das würde mir sehr gut gefallen. – Hier in Südtirol gibt es ja genug Burgen,” schmunzelt er zum Abschied. 

Alle Bilder (c) Kinki Texas – Bild ganz oben: Bunkerhill – Kinki Texas 2013

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