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November 12, 2013

Foroba Yelen für Mali: Matteo Ferroni und seine mobilen Gemeinschaftsleuchten

Kunigunde Weissenegger

Er heißt Matteo Ferroni, stammt aus Perugia, ist Jahrgang 1973, Architekt und Video-Künstler. Ausserdem war er Gastprofessor am Royal College of Art sowie an der Universidad Nacional Autónoma de México und am l’École Supérieure d’Architecture de Bamako. Nach der Realisierung des Centro Teatrale von Luca Ronconi in Santa Cristina bei Gubbio in der Provinz Perugia zog er nach Bamako, der Hauptstadt von Mali. Bis hierher alles soweit nahezu unspektakulär, oder? Das sollte sich ab seinem Umzug in die Stadt am Niger im Westen Afrikas abrupt ändern: Dort entwarf und entwickelte Matteo Ferroni für entlegene Dorfgemeinschaften kollektive, mobile Leuchten

Diese von einer Dorfbewohnerin “Foroba Yelen” getauften Gemeinschaftsleuchten werden von Einheimischen – unter anderem aus recycelten Fahrrädern – selbst gebaut. Der Lampenschirm besteht aus geschmolzenen alten Getränkedosen; die einzigen Teile, die nicht aus Afrika kommen, sind die LEDs. Die Bewohnerinnen und Bewohner können die Lampe selbst herstellen und reparieren – dies garantiert Nachhaltigkeit und schafft Arbeitsplätze. Die Batterie wird über die Sonnenkollektoren in den Dörfern Malis aufgeladen.

Matteo Ferroni arbeitet für das Projekt unter anderem mit dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin zusammen. Neben den wunderschönen Leuchten selbst ist der faszinierende und hochinteressante Aspekt des Projektes insbesondere die gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimension, da diese nächtliche Beleuchtung Gemeinschaftsaktivitäten und wirtschaftliche Entwicklungen ermöglicht, die im Land bislang undenkbar waren.

Das Projekt wurde mit der Honorable Mention des “City of Barcelona FAD Awards” ausgezeichnet, gewann den ‘LAMP Lighing Solutions Award’ 2013 und war auch kürzlich Titelgeschichte der italienischen Zeitschrift “Valori”. Matteo Ferroni ist mit dem Projekt weltweit unterwegs und hat es unter anderem bereits über das Hub-Netzwerk in Mailand, Madrid, London, Wien vorgestellt. Nun kommt der Architekt im Rahmen der von Kuno Prey (Designfakultät) und Alessandro Narduzzo (Wirtschaftsfakultät) initiierten Vorlesungsreihe microstories of innovation and firms auf Einladung der Uni Bozen am 13. November 2013 auch nach Südtirol. Dort wird er von 15 bis 18 Uhr darüber sprechen. Wir haben ihm schon vorab per Mail einige Fragen gestellt. Matteo FerroniMatteo, wie kam es zur Idee für Foroba Yelen? 

Es fing alles damit an, dass ich mich näher mit ländlichen Dorfgemeinschaften in Mali auseinandersetzte, weil sie für mich eine einzigartige Möglichkeit waren, eine Gesellschaft kennenzulernen, die nicht die industrielle Revolution durchgemacht hatte – wo es also neben der Vermögens- und Dienstleistungswirtschaft nur die Landwirtschaft gibt. Bei der Untersuchung der geografischen und anthropologischen Gegebenheiten habe ich entdeckt, dass die Menschen aufgrund klimatischer und kultureller Umstände sowohl bei Tag als auch bei Nacht leben. Dies war der Ausgangspunkt meiner Überlegungen zum Thema Licht und auch Startpunkt der Entwicklung eines Objektes, das Produkt dieser menschlichen Geografie sein konnte, die ich zu dem Zeitpunkt gerade untersuchte und kennenlernte. 

Was war für dich bei der Entwicklung und Umsetzung des Projektes wichtig?

Während des gesamten Projektes hindurch war ich davon überzeugt, dass Licht eine kulturelle Gegebenheit ist und nicht eine technologische Herausforderung. Ich habe neben den materiellen auch sehr auf die symbolischen Gesichtspunkte geachtet, bis ich auf die Idee kam, den Schatten eines Baumes im Dunkeln mit Licht zu ersetzen. Die Dunkelheit spielte im Projekt immer eine tragende Rolle, denn sie ist ebenso wichtig wie das Licht und so wollte ich ein Objekt kreieren, das sich optimal in dieses Gleichgewicht von Nacht, Mond und elektrische Lampen integrieren sollte. Anstatt den Menschen und dem Land Neues aufzudrängen, habe ich definitiv versucht, die bestehende Kultur aufzuwerten.  Foroba Yelen by Matteo FerroniWas bedeutet Foroba Yelen?

Foroba Yelen bedeutet gemeinschaftliches Licht. In den Geschichts- und Anthropologiebüchern habe ich die Tradition des Objektes gefunden, das heißt ein Objekt, das von allen verwahrt wird, aber niemandem gehört – wie beispielsweise die Gerätschaften für die Landwirtschaft oder Jagd. Heutzutage ist diese Tradition gänzlich verschwunden; oberflächlich betrachtet ist eine ähnliche Denkweise noch im Öffentlichen Gut und in den Konsumgütern zu erkennen. Tatsächlich habe ich dort bei vertiefter Recherche jedoch versteckte Anzeichen dieser Tradition in gemeinschaftlichen Strukturen gefunden – wie beispielsweise Mühlen, Gärten oder Schulen, die alle mit Maschinen, Objekten und Dienstleistungen funktionieren, die der Gemeinschaft gehören. Das hat mich davon überzeugt, dieses alte Brauchtum wieder aufleben zu lassen und ein gemeinschaftliches Objekt zu schaffen – in diesem Fall eine Lampe. A priori sind für mich Innovation und Veränderung niemals die einzigen Ziele; im Gegenteil: ich denke, dass man oft (vielleicht auch immer), um Antworten zu finden, zurück blicken muss.  Foroba Yelen by Matteo FerroniHättest du dir jemals gedacht, dass dein Prototyp dein Leben und das Leben vieler Menschen in Mali so sehr verändern würde? 

Ehrlich gesagt: Ja, weil es eine große Veränderung bedeutet, einen Lichtbaum in die Nacht zu stellen. Was ich mir aber nicht vorstellen konnte, war, dass die Veränderung so rasch eintreten würde. Ich dachte, dass es vielleicht Jahre dafür bräuchte, bis das Objekt in den Alltag und die Gewohnheiten der Menschen Einzug hielte – wenn es überhaupt “überlebt” hätte. Ich hätte mir nie gedacht, dass sie beispielsweise die Küken nachts impfen würden, weil sie bemerkt haben, dass Hühner bei starkem Licht nicht abhauen und es leichter ist, sie zu einfangen. Was ich aber eindeutig feststellen kann, ist, dass dieses Licht, wie der Schatten eines Baumes, Menschen zusammen bringt und dass dank dieser Lampe manche Aktivitäten eine neue Bedeutung bekommen. 

Nie gedacht habe ich mir, welche Vorteile das Projekt mir bringen würde – all die Preise und Konferenzen weltweit. Ehrlich gesagt, stehe ich tief in der Schuld dieser Menschen, weil sie mich aufgenommen haben und mir gestattet haben, autonom eine Arbeit zu verrichten ohne sich einzumischen. Ohnedies möchte ich hinzufügen und betonen, dass ich niemandem geholfen habe, sondern nur gewissenhaft meine Arbeit verrichtet habe, und ich lehne vollständig die Ansicht ab, dass Afrika meine oder unsere Hilfe nötig hätte.  

Hier kann ich fein meine letzte Frage anschließen: Was bedeutet es für dich Architekt zu sein?

Auf diese Frage habe ich nie dieselbe Antwort : ) – Vielleicht weil es unterschiedliche Arten gibt, Architekt zu sein – alle berechtigt, je nach Zeitpunkt. Im Allgemeinen denke ich, dass Architektur-Machen eine große Verantwortung bedeutet, weil man unübersehbare Zeichen oder eben auch irreversible Fehler hinterlässt. Deshalb ist sicherlich, besonders als junger Architekt, viel Demut notwendig, bis Erfahrung uns mehr Weisheit bringt. Genau deshalb müssen wir zurück blicken, um von der Weisheit jener zu profitieren, die vor uns gelebt haben. Ich bin voll und ganz davon überzeugt, dass es ein Beruf ist, wo Originalität weniger Wichtigkeit hat als Gewohnheit.  

Mehr über Matteo Ferroni und sein Projekt Foroba Yelen gibt’s hier: www.eland.org

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