Der Musiker, Komponist, Performer und Psychologe Markus Reuter: ein Portrait

Am 28. Juni wird im Rahmen der Konzertreihe „zwischen_Raum“ im Early Bird in Innsbruck Markus Reuter zu hören sein, ein Multiinstrumentalist, Komponist, Performer und ganz nebenbei noch Diplompsychologe, der die Zuhörer mit seiner Touch Guitar verzaubern wird. Touch Guitar zu spielen ist bloß eines seiner Standbeine. Im Gespräch erzählt er uns, was es mit diesem speziellen Instrument auf sich hat, aber auch mit den anderen seiner Taten, wie etwa dem „Todmorden“…

Markus Reuter (c) Tore Kersten

Markus Reuter sagt, er sei schon sein ganzes Leben professioneller Musiker und Komponist – wobei er im Alter von etwa 24 wirklich professionell angefangen hat, sich um die Musik zu drehen. Doch Anzeichen, in welche Richtung sein Leben verlaufen würde, gab es schon sehr früh. 
Bereits mit drei Jahren begann seine musikalische Früherziehung, wobei er, wie er sagt, zwar nicht aus einer musikalischen Familie stamme, doch seine Eltern seine Musikalität stets gefördert hätten. Zwar habe er nicht frühzeitig schon irgendwelche „Wunderkind“-Symptome gezeigt (vielleicht mal bei ein paar Beatles-Songs mitgesungen, aber nicht mehr), doch spätestens ein Mike-Oldfield-Konzert, das er mit zehn besuchte, habe ihn geprägt. Und ein anderes Ereignis – nämlich als sein Vater schwer verunglückt ist, als er 9 Jahre alt war – sei richtungsweisend für ihn gewesen. Der Verlust des Vaters bedeutete für ihn, dass er früh alleine zu Recht kommen musste – und die Musik half ihm, das traumatische Ereignis zu kompensieren.

Im Nachhinein betrachtet, sagt Reuter, habe ihm dieser Verlust, so schwer er war, viel eröffnet. Er habe viel geschafft, viel an Material anhäufen können – und führe es irgendwo zurück auf die Traumageschichte, wobei er betont, nichts „schlimmes Schlimmes“ erlebt zu haben, sondern eben gewissermaßen gezwungen war, sich selbst zu beschäftigen – wofür Musik ein gutes Feld darstelle. Seit damals habe er viel ausprobiert, viel erforscht. Habe bald die generative Musik für sich entdeckt, das Experimentieren…

In seiner Jugend war Reuter immer hauptsächlich autodidaktisch unterwegs, zwar habe er Unterricht genommen, aber er musste nie viel üben, habe die Instrumente immer rasch beherrscht. Das änderte sich, als er mit 20 die Touch Guitar entdeckt habe, da sagte er sich: Wenn ich das machen will, dann muss ich es richtig machen und wirklich etwas dafür tun, und er betont, dass dieser „Tritt in den Arsch“ wichtig war.Als Reuter damit angefangen hat, gab es bezüglich der Touch Guitar und der Tapping Technik keine große Tradition. Zwar existierten ein paar Lehrer dafür, aber niemanden der gesagt hätte: so und so musst du das machen. Mittlerweile habe sich das geändert, nicht zuletzt durch ihn selbst. Er gibt nun bereits seit etwa 15 Jahren Workshops auf dem Instrument in Quintenstimmung, das sich, zumindest zum Teil, immer noch im Bereich „Exot“ aufhält. Er meint aber, das liege wohl auch daran, dass die zur Verfügung stehenden Instrumente dieses Exotentum zelebriert hätten – jemand sich gewissermaßen das Instrument nur kaufen hätte müssen, ohne es spielen zu können, und schon der Gedanke entstand: nun sei man wer. Um etwas künstlerisch Wertvolles zu schaffen, sei das zu wenig. Zur Unterhaltung: okay, aber… man merkt, dass Markus Reuter hohe Ansprüche hat. Wer das ebenso sieht, kann in einem seiner Workshops lernen, wie es funktioniert, mit je vier Fingern beider Hände eine Quinte abzudecken oder meisterhaft die Tonleiter in Richtung der Gravitation zu verfolgen. Dabei sieht er die Touch Guitar nicht als Solo-Instrument, sondern eher im Status eines Ensemble-Instruments, doch das mag auch daran liegen, dass es ihn reizt, stets mit jemandem zu spielen. Das reine Solo-Spiel zelebriere er nicht mal allein, dann gäbe es eine aufgenommene Referenzspur o. ä. und schon sei man auch mit sich selbst nicht mehr allein.Apropos Ensemble: Mit diesem Stichwort kommen wir zu einem weiteren, wohl ungleich größeren Bereich des musikalischen Schaffens Reuters: die Komposition. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang seine Ansicht zu Improvisation/Komposition. Er meint nämlich, alles sei Komponieren; Improvisieren in dem Sinn gäbe es nicht – zumindest nicht in der Musik. Was andere als Improvisation bezeichnen, nenne er lieber spontane Komposition, da sich das Gespielte ja immer an bekannten Mustern orientiere. Improvisieren sieht Reuter nur da gegeben, wo man in Situationen kommt, die man noch nie erlebt hat. Aber in der Musik sei das selten der Fall…
Das nicht spontane, sondern geplante Komponieren, erzählt Reuter, funktioniere seit etwa 2005 richtig gut. Seit damals seien seine Kompositionen als etwas Besonderes anerkannt und inzwischen habe er damit einigen Erfolg. Zuletzt wurde sein Stück „Todmorden 513“ vom Colorado Chamber Orchestra aufgeführt.Was hierbei wohl nicht nur mir als allererstes auffällt: der Name. Wie kommt man auf einen derartigen Titel? Reuter erklärt: Todmorden – so heißt einerseits tatsächlich ein Ort in England – und andererseits transportiert der Name sofort einen gewissen emotionalen Inhalt; mit Tod und Mord verbinden sich bei jedem Emotionen und Assoziationen. 513 hingegen gibt einen Hinweis auf die Konstruktion des Stückes. 513 Harmonien und Dreiklänge sind in kontinuierlicher Bewegung, in einer speziellen Kompositionstechnik arrangiert, die Reuter entworfen hat. Nicht nur Hörern, die von Brian Eno’s Arbeit fasziniert sind, sei das Stück ans Herz gelegt…

Fundamental für das Wachsen, sich als Musiker entwickeln und seinen Sound finden, sagt Reuter, sei seiner Meinung nach auch das Reisen, das in Bewegung bleiben. Er verstehe es schwer, wenn Menschen davon sprechen, dass es eben so schwierig sei, da oder dorthin zu fahren, um sich Musiker anzusehen oder – hören, die man bewundert bzw. mit Leuten in Kontakt zu kommen, mit denen man sich eine Kooperation vorstellen könnte. Das gehöre dazu. Er selbst sei sehr viel unterwegs und es gehe auch gar nicht anders. Gute Musikerfreunde seien auf der Welt verteilt, in Italien ebenso wie in England oder Amerika. Zahlreiche Formationen und Kooperationen hätten sich so ergeben (z. B. Stick Man, Crimson ProjeKCt). 
Und überhaupt müsse man Menschen erstmal außerhalb der Musik kennen lernen. Es funktioniere nicht, wenn man auch von jemandem weiß: der ist ein super Musiker, mit dem würd’ ich gern mal was machen – dann zusammen zu kommen und sofort einen Jam veranstalten zu wollen. Dazu müsse man die Menschen erst als Menschen kennen lernen, dann könne man auch einschätzen, wie und wo man sich als Musiker treffen und gegenseitig befruchten kann. 

Die (vorerst vierteilige) Early-Bird-Konzertreihe zwischen_Raum, kuratiert von Markus Stegmayr, bietet vier Konzerte zwischen neuer Musik und frei improvisiertem (oder eben: spontan komponiertem) Jazz und wird im Rahmen des Reuter-Konzerts wohl zu einem Spontanevent avancieren. Neben ihm wird auch ein Gitarrentrio, The Friendly Guitar Trio, zu hören sein. Je nach Stimmung, je nach Laune wird sich zeigen, was letztlich dargeboten wird. Reuter selbst weiß noch gar nicht, was genau er dort spielen wird, was er – eventuell – mit dem Trio spontan komponieren wird, doch in jedem Fall lohnt es sich, sich überraschen zu lassen.

Auf meine Frage, welchen Zulauf er sich im Early Bird erwartet meinte er, das spiele für ihn eigentlich gar keine so große Rolle. Hin und wieder spiele er vor tausenden Leuten und hin und wieder sei auch bloß eine Handvoll Zuhörer da, für ihn bestehe seine Kunst nicht darin, für ein Publikum Musik zu machen, sondern „mein Ding zu machen“ – und er habe im Übrigen schon öfters erlebt, dass Musik der Art, wie er sie mache, „heilt“ und damit einen ganz unterschiedlichen Umgang nach sich ziehe. Viele lassen sich darauf ein, aber einige sagen sich: nein, das ist nichts für mich, da gehe ich lieber. Prinzipiell sei das Publikum sowieso frei zu reagieren, wie es will; es störe ihn nicht weiter – und wenn nur einer da sitzt, den er mit seiner Musik erreicht; es sei denn, jemand aus den Zuhörerreihen verhalte sich ihm gegenüber wirklich arschlochhaft. Das störe ihn dann doch.

www.markusreuter.com

Foto: Tore Kersten

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