Tornatore kann’s – La migliore offerta

07.01.2013
Tornatore kann’s – La migliore offerta

„La migliore offerta“ spielt in einer mitteleuropäischen Stadt. Es könnte Wien sein, Budapest oder Genf. Bozen wäre zu klein. Hier gibt es keine Auktionshäuser. Unser Merkantilgebäude ist aber doch kurz zu sehen. Auktionshäuser sind das Milieu, in dem Tornatore seine Geschichte ansiedelt. Es geht um das merkantile Credo unserer Gesellschaft, um Angebot und Nachfrage, um Ehrlichkeit, um die Echtheit von Fälschungen, um Kunst, alte Männer und um Liebe. Italien lässt grüßen. Der von Fellini hoch gelobte Tornatore (Nuovo Cinema Paradiso, Baaría) bietet feinstes Erzählkino. Ein älterer Mann, Virgil Oldman (hervorragend gespielt von Geoffrey Rush), ist erfolgreicher Auktionator, vermögend, distinguiert, allein stehend, mit ausgeprägten Ticks und mit zwei Vorlieben: jener für wertvolle Frauenporträts und jener für historische Roboter (Scorseses Hugo Cabret ist nicht fern). Seine Berührungsängste versteckt Oldman hinter Handschuhen. Wunderbar aufgereiht prangt eine beachtliche Kollektion davon im weitläufigen Kleiderschrank. Hinter der Handschuhwand versteckt sich eine Panzertür und dahinter eine wertvolle Sammlung von Frauenporträts. Seine Frauen. Um die Sammlung zu vervollständigen, macht der Ehrenmann schräge Geschäfte. Sein Freund Billy Whistler (Donald Sutherland) hilft dabei. Als Oldman den Auftrag bekommt, das Inventar einer Villa zu versteigern, beginnt ein Abenteuer, das den alten Mann auf die Spur der Liebe und auf die Spur eines historischen Androiden führt, der immer die Wahrheit gesagt haben soll. Das Metallmännchen nimmt Zahnrad um Zahnrad Gestalt an. Robert, ein junger Bastler, hilft dabei. Auch die Liebe nimmt Gestalt an. Die junge Claire hilft dabei. Über zwei Stunden lang erzählt Tornatore bildstark die Geschichte dieses Old Man, der agoraphobiekranken Claire und des sympathischen Ratgebers Robert. Die drei wachsen zu einer Ersatzfamilie zusammen. Aber die Bilder erzählen etwas ganz Anderes, und das ist das Besondere an dem Film. In „La migliore offerta“ geht es eben auch um Fälschungen. Lange habe ich dem Film genauso gutgläubig zugeschaut wie Virgil Oldman dem Leben. Giuseppe Tornatore bietet schönes, ausgezeichnet gespieltes Erzählkino mit einprägsamen Bildern, Musik von Ennio Morricone, elegant versteckter Gesellschaftskritik und einem perfiden doppelten Boden.

La migliore offerta (I, 2012), 124 Min., Regie: Giuseppe Tornatore. Mit Geoffrey Rush, Donald Sutherland. Bewertung: Bildstarkes, doppelbödiges Erzählkino.

Erschienen in der Südtiroler Tageszeitung vom 5./6. Januar 2013.

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