Music

May 4, 2012

Matthias Lincke mit Doppelbock + Lauterburg 7 Mal in Südtirol. Der Wandergeiger im Interview

Kunigunde Weissenegger

Als Grenzgänger ist der Wandergeiger Matthias Lincke aus der Schweiz zur Zeit unterwegs durch Deutschland, Österreich und auch Südtirol. Vom 5. bis 9. Mai 2012 spielt er in der Trio-Formation DOPPELBOCK, mit Dide Marfurt und Simon Dettwiler, und gemeinsam mit der Jodlerin Christine Lauterburg sieben Mal auf Südtiroler Märkten, Dorfplätzen und in Lokalen auf. Wir haben ihn unterwegs abgefangen und ein bisschen ausgefragt:

Matthias Lincke, zur Zeit ziehen Sie als Grenzgänger durch das Land. Was bedeutet das? Welche Grenzen beschreiten bzw. überschreiten Sie? – Musikalisch, sprachlich, politisch, gedanklich und so weiter?

Nach zwei Jahren unterwegs als Giigämaa (Geigenmann) überschreite ich dieses Jahr die Schweizer Landesgrenze mit Grenzgängen nach Südtirol, Österreich und Deutschland.
Auch stilistisch hab ich mir dieses Jahr einige Grenzgänge vorgenommen, wie zum Beispiel im Projekt Stägriif, in welchem ich mit Musikern aus der Free Jazz Szene, wie der Name schon sagt, “aus dem Stegreif” musiziere.

Mit über 100 Konzerten und Stubeten (Schweizer Begriff für Treffs von Volksmusikanten, A.d.R.) in der Deutschschweiz und einem Repertoire, das sich stark auf Schweizer Geigenmusik konzentrierte, habe ich mich im Laufe der letzten zwei Jahre als „Giigämaa“ innerhalb fester Grenzen bewegt. Doch das eigentliche Ziel meiner Reise geht über die Pflege und Weiterentwicklung von Schweizer Kulturgut hinaus. Durch die Verkörperung der über weite Teile der Welt verbreiteten Gestalt des Wandergeigers möchte ich etwas über die Natur der Geigerei und die universalen Wirkungsweisen von Musik erfahren und vermitteln.
Grenzüberschreitungen gehören zur Natur des wandernden Musikanten. Und die Mission des „Giigämaa“ scheint mir seit jeher darin zu bestehen, immer wieder aufs Neue aufzuzeigen, dass Musik keine Grenzen kennt.

Seit ich mit der Geigerei meinen Lebensunterhalt bestreite, gerate ich regelmässig in Situationen, die erst dadurch mit Sinn erfüllt werden, dass Grenzen überwunden werden. Dies sind Altersgrenzen, stilistische Grenzen, Sprachgrenzen, Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen oder Kulturszenen. Die Wahrnehmung solcher Grenzen führt oft zu Hemmungen, Blockaden, Verlegenheiten. Erst, wenn jemand, sei es der Künstler selber oder auch eine andere Person, die vom Kontext gesetzten Grenzen überschreitet, kann etwas „passieren“. Oft sind es Fehler, Störungen, Missgeschicke, manchmal auch bewusst eingesetzte Provokationen und Kunstgriffe oder die oft zitierte „Flucht nach vorne“, welche das Eis zu brechen vermögen. Dann ereignet sich Unvorhergesehenes: Die Situation wird zum „Ereignis“!

Was bedeutet Ihnen die Musik?

Freiheit. Musik enthebt mich dem Alltag. Ausserdem ist sie für mich ein Medium, durch das ganz essentielles Wissen über das Wesen der Dinge vermittelt werden kann.

Was fasziniert Sie in Zeiten wie diesen an der Arbeit mit traditioneller Musik?

Wir sind globalisiert und amerikanisiert. Wir schöpfen aus einer unendlichen Fülle an verfügbaren Formen. An irgendeinem Punkt habe ich beschlossen, anstatt mich selber neu zu erfinden, meinen Weg zurückzuverfolgen. Und ich habe begonnen Lebensstationen, wie meine Kindheit im Appenzellerland oder mein Aufwachsen in Salzburg, wo ich auch geboren bin, musikalisch aufzuarbeiten. In meinem diesjährigen Grenzgang nach Österreich, zum Beispiel, spiegelt sich der Umzug meiner Familie in die Schweiz wieder, als ich sieben Jahre alt war.

Wie erfindet man traditionelle Musik neu? Wie überwinden Sie die Grenzen von traditioneller Musik zur experimentellen, neuen Musik?

Mich freut es, traditionelle Musik zelebrieren. Dazu braucht es einen grundlegenden Respekt vor den überlieferten Formen. Weit verbreitet in der sogenannten “Neuen Volksmusik” ist der Ansatz, volksmusikalische Formen mit neuen Gewändern zu versehen oder sie wie in einem Zerrspiegel “schief” darzustellen. Ich finde es spannender die alten Formen zu entkleiden und das “Gerippe” tanzen zu lassen. An diesem Punkt entsteht die Brücke zu experimentellen Musikformen wie von selber. Gerade experimentelle Musiker sind gewohnt, mit den “Knochen” zu spielen. Da muss nicht alles so perfekt abgerundet und gepolstert sein.

Sie haben bereits mit vielen verschiedenen Musikerinnen und Musikern zusammen gearbeitet. Wer fehlt Ihnen noch? Warum?

Es würde mich freuen eines Tages auch Konzerte mit meiner Frau und unseren Kindern zu machen. Wir sind auf bestem Wege dazu!
Auch sonst gehe ich als “Giigämaa” davon aus, dass sich Begegnungen aus Ort und Weg ergeben.
Da ich mein Projekt, wie oben beschrieben, als “Heimweg” erlebe, würde ich mich besonders über weitere Begegnungen mit Musikern aus dem Appenzeller und Salzburger Land freuen.
Stilistisch interessiert mich zur Zeit ganz besonders die Verbindung von traditioneller und “freier” Musik im Rahmen meines Projektes “Stägriif”. Da liegt noch manche spannende Begegnung am Weg!

Apropos Zusammenarbeit: Am 4. und 5. Mai findet in Bozen MuseRuole, Festival für experimentelle, weibliche Musik, statt. Könnten Sie sich auch eine Zusammenarbeit in diese Richtung vorstellen?

Ja, das wäre spannend!

Sie selbst spielen von 5. bis 9. Mai sieben Mal in Südtirol auf. Worauf können wir gespannt sein? Was bringen Sie uns mit?

Tja, wie immer, habe ich einfach meine Geige dabei! Gespannt sein können Sie aber auch auf meine Weggefährten: Mit Christine Lauterburg ist die wohl einflussreichste Schweizer Jodlerin mit von der Partie. Dide Marfurt ist mit seinem Multi-Instrumentarium einer der “farbigsten” Volksmusikanten der Schweiz. Und Simon Dettwiler ist ein Innovator des Schwyzerörgeli mit einem grossen Wissen über die Schweizer Tradition. Unsere lustige Truppe ist ein “Panoptikum” der Schweizer Volksmusik.

Die 7 Tour-Daten in Südtirol + 1 in der Schweiz:

Sa., 05. Mai, 10.00 Uhr, Bauernmarkt St,. Martin/Passeier
Sa., 05. Mai, 20.30 Uhr, Dürersaal, Klausen
So., 06. Mai,  9.45 Uhr, Dorfplatz Gufidaun
So., 06. Mai, 21.00 Uhr, Hotel Aurora, Meran
Mo., 07. Mai, 19.00 Uhr, Ansitz Plawenn, Club of Mult, Plawenn/Mals
Di., 08. Mai, 20.00 Uhr, Gasthof Kreuz, Riffian
Mi., 09. Mai, 20.00 Uhr, Gasthof Krone, Laas
Do., 10. Mai, 20.00 Uhr, Kulturburg, Fuldera, Val Müstair, Schweiz (20 Minuten von Glurns)

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