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March 27, 2012

Claire Fontaine in Eile

Maximilian Lösch

Es war eine große Verantwortung über eine Ausstellung zu berichten, wie konnte man in einem Artikel dem Werk und dem Leben, und dem ganzen Kosmos eines Künstlerkollektives gerecht werden, ohne es eingehend zu studieren, sich mit ihm auseinandersetzen, interviewen und so weiter und doch bleibt die Essenz vielleicht verschleiert. Es ist, glaube ich, niemals möglich jemanden oder etwas wirklich zu kennen, bis ins intimste des Bewusstseins vorzudringen, die Welt entschwindet, genau dann, wenn man glaubt man hat sie gefangen.

Wie konnte ich nun über diese Ausstellung des Künstlerkollektivs Claire Fontaine – M-A-C-C-H-I-N-A-Z-I-O-N-I berichten? Da ich die Objektivität einer exakten Sprache für ein Hirngespinst frustrierter Positivisten halte, bleibt mir als Instrument für die Berichterstattung eigentlich nur noch meine Wahrnehmung. Ich konnte darüber berichten, was mir diese Ausstellung sagte, was sie in mir auslöste, mir, in der Stimmung, in der ich mich gerade befand, mit meiner Vergangenheit und Zukunft.

Ich kam also in die Redaktion, sprach mich kurz mit Kunigunde ab und machte mich schleunigst auf den Weg zum Museion. Ich hatte nur noch 40 Minuten Zeit, als ich dort ankam, mich als Redakteur von Franz vorstellte und in den 4. Stock fuhr, wo sich die Ausstellung M-A-C-C-H-I-N-A-Z-I-O-N-I von Claire Fontaine ausbreitete… Irgendwie war meine Aufgabe zur Aussichtsperson durchgedrungen und dies machte mich anscheinend unglaublich interessant… Sie umkreiste mich anfangs wie ein Raubtier, ihre Aufmerksamkeit fühlte sich fast unangenehm an, ich konnte mich nicht so wirklich auf die Ausstellungsstücke konzentrieren, doch dann sprach ich sie an, sie war eigentlich nur neugierig und so nahm ich sie bei meinen kurzen Besuch mit und sprach mit ihr über die verschiedenen Werke. Ein Grundsatz der spontanen Arbeit: Observe and interact!

Die Werke:
Eine Italienkarte aus Streichhölzern, eine explosive Affäre, ein Funken und alles wäre in Flammen aufgegangen, ich roch den Geruch von Schwefel und Schießpulver in der Luft und sah die brennenden Paläste und die schreienden Soldaten eines längst vergangenen, zukünftigen(?) Bürgerkriegs.

Mehrere Neonschriften sandten ihre stille Botschaft in den Äther, es war wirklich wenig Inhalt im Ausstellungsraum und unglaublich viel Platz, um der Imagination freien Lauf zu lassen. Leere, Leere, kreisende Stille und Buchstaben aus Licht.

Zwei lange Reihen von Büchern, Attrappen, alle gleich und alle anders, Differenz und Wiederholung von Gilles Deleuze in deutscher und italienischer Sprache wuchsen aus zwei entgegengesetzten Wänden in den Raum hinein, und waren zusammen Darstellung und Bedeutung.

Ein weißer Raum, weißer Hintergrund, eine Videoprojektion, ein Herr, stehend, der einen anschaut, etwas genervt, gelangweilt… Ich musste grinsen, als ich auf der Bank saß und den Mann betrachtete, von außen gesehen war es eine wirklich komische Szene.

Dann stand da eine Maschine, wo durch eine Pumpe Wasser in ein Ausgangsgefäß gelangte, sobald dies voll war, begann es über verschiedene Ebenen wieder nach unten zu fließen, ich hatte nicht genug Zeit mich eingehend damit zu beschäftigen, die Aufseherin meinte es wäre eine Darstellung der heutigen Wirtschaft, ein geschlossenes System oder das Kanalisieren der eigenen Instinkte in verschiedenen Aktivitäten. Ich mochte das Geräusch vom fließenden Wasser, eine Bedeutung entschwand mir jedoch, vielleicht gab es auch keine.

Die Umkehrung des Himmels lag etwas weiter rechts auf dem Boden (die Form, die den Himmel im chinesischen System beschreibt ist der Kreis, hier jedoch waren blaue Judomatten zu einem Viereck zusammengefügt), ein blaues Territorium, ein Schwimmbad der Imagination, ich wollte mich hinein stürzen und mich in diesem Blau auflösen, dann hörte ich Kampfesschreie und sah Judokas sich auf den Matten messen… Ohne Schuhe wird es mir erlaubt die Matten zu betreten, ich rolle mich herum und verliere mich in einem Augenblick im Spiel.

Weiter hinten stand das erste Ausstellungsstück, das ich gesehen hatte, als ich den Aufzug verließ, ein paar metallische Kugeln, welche über einem Miniatur-Tennisspielfeld hingen mit dem Titel Networking und darunter der Schriftzug der Lehman Brothers. Die Kugeln, die irgendwie elektrisch, magnetisch (?) in Bewegung gehalten wurden, stießen andauernd aneinander, simulierten ein Tennismatch der besonderen Art und drehten die Bedeutung des Wortes Networking komplett um. Ich fand es ein sehr ironisches Statement.

Konsumkritsch, oder besser der Konsum völlig ins Absurde verzerrt, war das nächste Stück: Ein üblicher Gaszähler, wie er in jedem Keller an der Wand hing, zählte mit seinen drehenden Zahlen die Menge der Luft, die durch einen Staubsauger in Bewegung geriet. Der Staubsauger ging immer wieder an und aus und imitierte den absurden Rhythmus unseres Verbrauchs.

Das letzte Stück, das ich betrachtete, während schon das Licht ausging und die Rollos sich automatisch senkten, sagte mir gar nichts, vielleicht sollte es auch so sein, es hieß ja schließlich Passpartout.

Es war etwas hektisch, dennoch glaube ich, kann ich die Ausstellung jenen empfehlen, denen etwas wirklich Zeitgenössisches etwas sagt, wenn man einen Draht dazu hat, oder sich auch nur persönlich herausfordern will und man mal was macht, was man sonst nie tut! Jedenfalls hat mir dieser tumulthafte Besuch gut getan.

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