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March 6, 2012

Literatur darf nicht verstauben. Ein Interview mit Gunther Niedermair

Wolfgang Nöckler

Wir sprechen heute mit Gunther Niedermair, dem Leiter des Brunecker Jugend- und Kulturzentrums UFO, über die seit über einem Jahrzehnt sehr erfolgreich abgehaltenen Literaturnächte, welche an vier Dienstagabenden im Februar und März ein vielfältiges literarisches Programm bieten.

Bereits zum 12. Mal steigen heuer im UFO die Literaturnächte. Zuerst zur Geschichte: Wie ist die Idee zu der Reihe entstanden? Wie hat sich das Ganze entwickelt? Was war die anfängliche Erwartung?

Das erste Literaturfestival haben wir zur Eröffnung des Jugend- und Kulturzentrums UFO organisiert. Mit einem Jugendzentrum verbindet man Konzerte, Partys, Rumhängen und Action. Manche meinen sogar, dass die Jugendkultur das Ende der Schriftkultur bedeutet. Dort sind andere Formen und Moden gefragt, auch um sich vor der Erwachsenenkultur abzugrenzen. Literatur ist also etwas der Anderen, der „Alten“ und es wird schon in der Schule genug davon reingestopft. Also Finger weg, sonst kommt man als Jugendarbeiter selbst noch in Gefahr, zur anderen Seite gezählt zu werden. Und so waren viele skeptisch, ob literarische Veranstaltungen überhaupt angenommen werden. Mir war es aber von Anfang an ein Anliegen, im UFO viele Ausdrucksformen und Generationen miteinander in Verbindung zu bringen. Wir wollten Literatur in einem besonderen Rahmen vermitteln, wo sich die Jugendlichen ebenso wohl fühlen wie die Erwachsenen. Inzwischen sind die Literaturnächte nicht mehr aus dem kulturellen Leben Brunecks weg zu denken.

Warum an Dienstagen?

Gute Frage – das hat sich so ergeben und inzwischen ist allen klar, dass der Dienstag der Literatur gehört. Wichtig ist jedenfalls der Rhythmus: vier mal hintereinander Literatur. Dadurch bekommen wir eine größere Aufmerksamkeit des Publikums und der Medien.

Wie aus dem Programm und an den Abenden ersichtlich arbeiten viele Leute mit, um die Literatur in Bruneck zum Leben zu erwecken. Wer sind all diese Menschen? Wer sind die Lenker hinter den Kulissen?

Vor acht Jahren haben wir die Stadtbibliothek zur Zusammenarbeit eingeladen. Seither organisieren wir die Literaturnächte zu dritt, die Projektgruppe setzt sich aus Sonja Hartner, Michaela Grüner und mir zusammen. Vor ein paar Jahren ist auch die Musikschule dazu gekommen und gibt somit dem Ganzen noch eine musikalische Dimension. Unsere drei Einrichtungen ergänzen sich bestens. Bei der Planung und Umsetzung bringt jeder seine Erfahrung und seinen Blickwinkel ein. Somit wird die Qualität der Veranstaltung ständig weiter entwickelt, daraus haben sich auch schon gemeinsame CD-Produktionen entwickelt.

Ich bin ja der Meinung, die Literaturtage im UFO – und hier vor allem das Literaturfest/ival/e – genießen ein selten großes Zuschauerinteresse. Hattet ihr erwartet, dass die Resonanz so ausfallen würde, wie sie es tut?

Das große Zuschauerinteresse bestätigt unser Konzept, das eigentlich sehr einfach ist. Wir verstehen Literatur im weitesten Sinn. Hier trifft hohe auf schräge Literatur. In einer lockeren Atmosphäre wird die Welt der Literatur erlebbar. Es verbinden sich verschiedene Kulturformen: Literatur und Rockmusik, Literatur und Tanz, Literatur, Projektionen und szenische Darstellung oder alles zusammen. Der Saal wird zu einem Caféhaus mit vielen kleinen Tischen, an denen man gemütlich sitzen und ein Glas Wein trinken kann. Auch sonst kommt das Kulinarische nicht zu kurz. Es ist ein Fest.

Apropos Zuschauerinteresse: Fließt dieses in die Planungen der nächsten Literaturnächte mit ein? Kommen Menschen auf euch zu und sagen: Ladet den oder die Autor/in mal ein – oder wie wär´s mal damit…? Oder wie kann man sich die Konzeptionen für die Veranstaltung vorstellen?

Ja, immer wieder machen uns Zuschauer Vorschläge. Wir reflektieren diese mit und entscheiden dann, was ins Gesamtkonzept passt. Wir orientieren uns immer an einem roten Faden bzw. an einer Idee. Letztes Jahr wurde es mit Stefan Slupetzky und mit Christoph Dostal kriminell und heuer sind viele starke Frauen im Programm. Beim Festival läuft es so, dass die Teilnahme öffentlich ausgeschrieben wird. Jeder kann sich mit Texten bewerben. Es freut mich, dass sich auch heuer wieder viele Autorinnen und Autoren gemeldet haben. Die Auswahl fiel uns entsprechend schwer.

Was ist dir persönlich in all den Jahren besonders in Erinnerung geblieben? Ausschläge nach oben oder unten?

Bei den Literaturnächten lernt man immer interessante Menschen kennen, sei es auf der Bühne als auch im Publikum. Ein bisschen stolz sind wir darauf, dass heuer mit Alissa Walser bereits die zweite Ingeborg-Bachmann Preisträgerin ins UFO kommt.

Wie lange wird es die Literaturnächte in Bruneck geben? Wird das Konzept, so wie es ist, beibehalten – es scheint ja ganz gut zu funktionieren – oder habt ihr für die Zukunft andere Pläne?

Wir reflektieren jedes Jahr, was wir ändern und was wir beibehalten möchten. Von Anfang an hat Reinhold Giovanett die Texte eigens für das Literaturfestival in der Literaturzeitschrift UHURA veröffentlicht. Wenn man die verschiedenen Sondernummern durchblättert, ergibt das inzwischen eine bemerkenswerte Dokumentation mit Texten von über 100 verschiedenen Autorinnen und Autoren.

Alle Abende der Reihe sind für die Besucher kostenlos. Sicher ein Teil des Erfolges, oder? Hat das aber auch negative Folgen – oder anders gefragt: Das Prinzip, keinen Eintritt für die Veranstaltungen zu verlangen – verlangt das auch Abstriche von euch? Könnt ihr zum Beispiel bestimmte Gäste, die in ihren Honorarvorstellungen andere Sphären bewohnen, nicht einladen? Beziehungsweise, wie siehst du das?

„Was nichts kostet, ist nichts wert“. Das hat uns Wladimir Kaminer vorgeworfen. Na ja – man muss es sich leisten können und es braucht starke Sponsoren im Hintergrund. Aber die Frage bleibt natürlich, wie lange wir es noch so machen können. Obwohl ich hinter dieser Entscheidung stehe. Wir wollen den Zugang zu Literatur vor allem auch für junge Leute sehr niederschwellig gestalten. Warum sollen immer nur die VIPs bei freiem Eintritt kulturelle Veranstaltungen besuchen?

Wie siehst du – auch unabhängig von den Literaturnächten – die Südtiroler Literaturszene?

Die Südtiroler Literatur ist hochwertig und vielfältig. Auch jungen Menschen macht Literatur zunehmend Spaß. Da spielen neue Formate wie Poetry Slam und Hip Hop eine große Rolle. Da wird die Lesung zu einem Event, dessen Wortgefechte und Locations an Pop-Konzerte erinnern. Manchmal erlebe ich die Literaturszene, beziehungsweise überhaupt die Kulturszene, aber als ziemlich elitär und abgehoben und da wollen wir mit viel Kreativität gegen halten.

Was möchtest du zu den Literaturnächten noch sagen?

Literatur darf nicht verstaubt rüber kommen. Überlassen wir die Kraft der Sprache nicht den Leuten, die damit Menschen manipulieren und uns für dumm verkaufen wollen. Es gibt keinen Grund für Kulturpessimismus! Wir sollten uns einfach mehr getrauen und über unsere eigenen Grenzen springen. Literatur ist spannend und fordert die Zuhörer auf, selber zu entscheiden, was Trash oder Kunst ist oder beides zusammen.

Das Programm gibt’s hier: franzmagazine.com/2012/02/21/ufo-bruneck-bietet-literatur-zur-prime-time

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