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October 8, 2018

Ich bin mein ganzes Leben lang gereist: Ulla Lohmann @ IMS Bergfestival

Verena Spechtenhauser

Welche Fragen stelle ich einer Frau, die sich mehrmals im Jahr in aktive Vulkankrater abseilt, die ein Jahr lang zu Fuß, mit dem Rad, kletternd und auf Skiern die Dolomiten durchquert hat, die einen Stammeshäuptling aus Papua-Neuguinea ihren Adoptivvater nennen durfte und als Koch für ein Team des National Geographic im Südpazifik tätig war? Ulla Lohmann, Expeditionsfotografin und -filmerin unter anderem für GEO, National Geographic, BBC, ARD, ZDF, Servus TV, Terra Mater und Red Bull Media House ist heute Abend um 20 H zu Gast beim IMS Bergfestival im Forum in Brixen. Was ich sie vorab für franz gefragt habe und was sie mir geantwortet hat, lest ihr hier.

Woran arbeitest du aktuell?

Aktuell arbeite ich an “Abenteuer Europa“, ein Projekt bei dem wir in 470 Tagen 47 Berge in 47 Ländern besteigen werden. Wir, das heißt mein Mann, der Alpinist, Filmemacher und Produzent Sebastian Hofmann und unser 3 Monate alter Sohn Manuk. Für die Besteigungen haben wir uns den jeweils höchsten Berg jedes europäischen Landes vorgenommen. Mit unserer Aktion möchten wir gerne auf den Klimawandel aufmerksam machen und zum Nachdenken über das Thema Nachhaltigkeit anregen. Unterstützt wird dieses Abenteuer übrigens von den Vereinten Nationen.

Was kommt danach? Was war davor?

Das Projekt “Abenteuer Europa” geht noch bis Ende nächsten Jahres, danach werde ich mich wieder meinem Langzeitprojekt über Mumien in Papua Neuguinea beschäftigen. Sehr gerne würde ich auch zum Mount Erebus reisen, ein aktiver Vulkan mitten im ewigen Eis der Antarktis. Im Januar haben wir außerdem eine Filmproduktion für das BBC, bei dem wir uns in einen aktiven Vulkan abseilen werden.
Vor “Abenteuer Europa” haben wir unter anderem einen Kinofilm für die deutsche Kinderwissenssendung “Checker Tobi” zum Thema Wasser gedreht, der im Januar in die Kinos kommen wird. Im Kinofilm mache ich auch eine Reise zu einem aktiven Vulkan zusammen mit Checker Tobi. Außerdem kommen bei ARTE zwei Filme über meine Arbeit mit den Urvölkern raus, bei denen mein Mann die Kameraführung gemacht hat. Und wir waren heuer auch auf Reisen in Vanuatu.

Dein erste Reise? Wann + wo?

Die allererste Erinnerung, die ich ans Reisen habe ist ein Urlaub mit meinen Eltern nach Dänemark. Ich muss da ungefähr eineinhalb Jahre alt gewesen sein und ich erinnere mich noch gut wie ich am Strand saß und Feuerquallen gegessen habe. Eigentlich bin ich mein ganzes Leben lang gereist und auch schon von klein auf ohne meine Eltern: Mit 13 war ich 3 Monate lang in Japan und auf einem Schüleraustausch in Amerika. Mit 15 war ich bei den Olympischen spielen in Barcelona. Die Reise, die mich am meisten geprägt hat, war meine erste Weltreise, die ich mit 18 Jahren gemacht habe. Ich habe damals den Jugend forscht Bundessieg gewonnen und mit dem Preisgeld habe ich mir die Reise finanziert. Dabei habe ich den Pazifik kennen und lieben und auch Segeln gelernt. Diese Weltreise hat mich sehr nachhaltig geprägt, daraufhin habe ich dann auch in Australien studiert.

(c) Ulla Lohmann_IMS_Children on Matupit Island, East New Britain Province, Papua New Guinea. They have never known their island other then covered in Ash._IMS

Dolomiten oder Südsee? Warum?

Ich bin auf die Südsee spezialisiert und habe in Australien Umweltmanagement studiert. Als ich wieder nach Deutschland gezogen bin, habe ich mich – auch aus ökologischen Gründen – dagegen entschieden, ständig in die Südsee zu reisen. Es gibt auch hier in Deutschland und Europa so vieles zu entdecken, dass man gar nicht so richtig kennt. Darum haben Basti und ich irgendwann beschlossen, die Umgebung vor unserer Haustür zu erforschen und zu Fuss durch die Dolomiten zu laufen, vom niedrigsten bis zum höchsten Punkt. Ich könnte mich jetzt nicht zwischen Berg und Meer entscheiden. Es gibt in der Südsee aktive Vulkane und tolle Menschen. Aber gute Freunde haben wir auch hier gefunden. Also lautet die Antwort: ganz klar beides! Und wir haben zum Glück auch beides. Wir haben ja auch 4 Jahre in Südtirol gelebt, also sind die Dolomiten ein Stück weit für uns auch Heimat.

Dein Hauptcharakterzug?

Meine Leidenschaft. Also Leiden und Schaffen gehört ja irgendwie zusammen. Und ich finde es unglaublich inspirierend für etwas richtig zu brennen. Wenn ich dieses innere Feuer nicht hätte, dann fände ich es sehr schwierig, meine Projekte so lange durchzuziehen, soviel zu investieren und mich persönlich so stark zu engagieren. Und ja auch meine Neugier. Ich bin unglaublich neugierig auf andere Menschen, fremde Welten und das Leben als solches.

Was inspiriert dich, was törnt dich ab?

Meine Inspiration kommt aus der Natur. Ich möchte mich als Mensch ganz klein mitten in der großen Natur fühlen. Und dieses Gefühl ein unwichtiges Staubkorn in diesem großen Ganzen zu sein, die Mächtigkeit der Natur um mich herum wahrzunehmen und das dann mit anderen Menschen teilen zu können, sie zum Nachdenken anzuregen in der Hoffnung, dass auch sie die Natur schützen, das inspiriert mich. Menschen die gedankenlos vor sich hinleben, ohne das Leben selbst zu genießen und die nicht den Mut aufbringen, selbst etwas zu verändern, törnen mich ganz eindeutig ab. 

Wie entspannst du?

Entspanne ich überhaupt irgendwann? Ich glaube zum Entspannen mach ich Fotos. Für mich ist das Erholsamste, wenn ich endlich richtig arbeiten kann, wenn ich draußen in der Natur bin, wenn der Vulkan aktiv ist und die Bedingungen stimmen. Dann fühle ich mich richtig befreit. Die Vorbereitung, die ganzen E-Mails, die Recherche, die Nachbereitung (also Fotos aussuchen, Filmschnitt und und und) das ist eben Büroarbeit und nicht wirklich meins. Die wenige Zeit, die wir zuhause verbringen, nutzen wir zum Klettern in den Bergen hier in Bayern rund um den Starnberger See – und ja, auch das ist entspannend.  

(c) Ulla Lohmann Ambrym Volcano complex in Vanutu

Ein Lieblingsmensch? Vorbild? Jemand, den du tipptopp findest? 

Mein kleiner Sohn Manuk, den wir nach einem indonesischen Vulkan benannt haben. Er war mit seinen 3 Monaten schon in 17 Ländern unterwegs, hat 8 Berggipfel hinter sich, 5 Flüge und 5 Meere. Er entdeckt jeden Tag die Welt aus seiner Sicht und nimmt unglaublich viel auf. Seine Neugierde, mit der er jeden Tag in die Welt hineinblickt und alles Neue sieht und bestaunt, nehme ich für mich als Vorbild. 

Lieber Buch, Film, Theater oder Musik? Eine Empfehlung?

Ich lese unglaublich viel, mein absolutes Lieblingsbuch ist das Kinderbuch “Momo” von Michael Ende. Außerdem höre ich sehr viel und gerne Heavy Metal und Sonntag Morgen das Sonntagsfrühstück auf Südtirol 1.

Lust auf Veränderung? In welche Richtung?

Wieder mehr Zeit zum Klettern wäre toll! Ich habe im Juni unseren Sohn Manuk bekommen und hatte danach 6 Wochen Kletterpause. Während der Schwangerschaft bin ich zwar noch geklettert, aber irgendwann war mir einfach der Bauch im Weg. Also ja, wenn ich etwas verändern möchte, dann das. Ansonsten bin ich sehr zufrieden.

Ein (Reise-)Geheimtipp? 

Ich mag Vanuatu unglaublich gerne. Das ist ein Inselstaat im Südpazifik, auf dem es noch wenig Tourismus gibt, aber sehr viel zu entdecken. So zum Beispiel aktive Vulkane oder Urvölker, die wirklich noch abseits der Zivilisation leben. Auf der Insel Ambrym, die zu Vanuatu gehört, findet man meines Erachtens auf kleinstem Raum die vielfältigste Landschaft, es gibt Vulkane mit Lavaseen und Basti und ich haben das große Glück, dass wir zwei Mal im Jahr Ökotourismusreisen dorthin anbieten können. 

Ulla Lohmann_IMS_KatharinaTill

Dein Motto?

Don’t dream it! Do it!

Ein Gruß?

Ich habe das große Glück meine Träume leben zu können und ich wünsche mir auch für euch, dass ihr eure Träume leben könnt!

Fotos: (1) Felix Rahm; (2 + 3) Ulla Lohmann; (4) Katharina Till

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