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September 20, 2018

Kuka – der Outcast-Kauz in der Kunst

Nadine Pardatscher

Um Mardi Gras zu besuchen, muss man, Mann und Frau, nicht unbedingt nach New Orleans fahren. Die kleine Provinzstadt Bozen tut’s auch. Ich bin mit meinem Fahrrad unterwegs – das schon eine ganze Weile und bin nicht wirklich so von dem spätsommerlichen Herbst erfreut wie manch anderer. Es ist Mittag, es ist heiß und ich bin verschwitzt. Deswegen rolle ich die 5 % Gefälle Andreas-Hofer-Straße hinunter und bemühe mich gegen den inneren Schweinehund anzukämpfen, der nach einer kleinen Pause schreit, grunzt und bellt. Die idyllische Vorstellung im Garten vom Batzenhäusl zu hocken und, wie es sich für einen Biergartengast gehört, Bier zu trinken, darf ich gar nicht länger weiterführen und desillusioniere meine Idee. Stattdessen versuche ich so konzentriert wie möglich, mich nicht anzustrengen, nicht zu treten und ignoriere fleißig die provokative Hitze, die mir der Asphalt entgegen strahlt. Wie ein Tour-de-France-Finisher nach dem Ende der 21. Etappe freue ich mich, als ich schließlich die Hausnummer 4 entdecke, vom Fahrrad springe und eine Dankesrede in den Himmel empor schreibe. Mein Fahrrad, dem ich die Erschöpfung deutlich weniger ansehe als mir selbst, parke ich zwischen toten Bäumen und frage mich nicht weiter, wieso die Zone diese hölzernen Totems bevorzugt und sich so rigoros gegen einen CO-2-Austausch entschieden hat. Das Haus mit der Nummer 4 hat hundert und ein Fenster, ist spärlich besetzt mit Balkonen und in einer Farbe gestrichen, die sich durch den gedanklichen Mix der drei Grundfarben, dem Hinzufügen neuer Schattierungen, Hell- und Dunkeltonabstufungen, Erhöhung des Kontrastes und Abnahme der Farbsättigung leider immer noch nicht definieren lässt. Mein Versuch einer gelungenen Hausmauerbeschreibung misslingt und interessiert wohl auch nur jene, die selbst den hartnäckigen Virus der Journalisten-Krankheit in sich tragen und meinen, alles hinterfragen zu müssen. Was für mich draußen an Farbe fehlt, machen aber die bunten Geschichten in dem Buchladen wett … weil die inneren Werte zählen! Wie an der Vitrine angekündigt, finde ich parterre im Herzstück des Gebäudes libri, Bücher, magazines, graphic novels und DVDs in allen Größen und Seitenzahlen. 

kuka museum

Es ist einer dieser Bücherläden, in dem mein Verlangen nach Lesen und Stöbern plötzlich Überhand nimmt und meinen vorher noch dringend zu erledigenden Rückruf überfällig erscheinen lässt. Eine Flut an Büchern … zwischen Marktschreiern und Unbekanntem. Mardi Gras ist aber nicht nur eine Heimat und Bleibe von Autorenwerken, sondern auch Plattform, Gastgeber, Bretterbodenbühne und Gebäude für das, was selbst keine Wände hat. Das wandlose Museum heißt Kuka – quasi ein Kompromiss zwischen dem eigentlichen Namen des Gründervaters Lukas und dem Artikulationsversuch seines Namens aus dem Munde eines kleinen Mädchens. Sollte Kultur ein Gedächtnis haben, so bin ich mir ziemlich sicher, dass sie Lukas Zanotti gedenken wird, der das bewahrt, was andere vor Bewahrung schützen wollen. Etwas zwischen Südtiroler naiver Kunst, Art Brut, Outsider Art und Bäuerlicher Naive. Dabei stelle ich mir seine Beziehung zur Kunst ein bisschen so vor, wie eine schöne, gute Freundschaft, die man hegt und pflegt – eine, um die man sich kümmert, weil sie ansonsten Kummer bereiten würde. Lukas Zanotti interagiert mit KünstlerInnen, selbst mit jenen, die bereits verstorben sind, indem er ihre kreativen Prozesse am Leben hält. Ihm gelingt es, eine Brücke zwischen den Ufern Mensch und Kunstwerk zu schlagen und den darunter liegenden, reissenden Fluss – den Mainstream – unbeachtet vorbei rauschen zu lassen. Im Kuka Museum spielen sich Geschicke und Geschichten jener Menschen ab, die wohl ganz weit oben auf der Sprosse der Leiter von verwaister Kunst stehen müssten.

Die nächsten organisierten Zusammenkünfte sind Substanz eines Sammelsuriums von künstlerischen und gesellschaftlichen Grenzbereichen sowie Autodidakten. Es sind die insgesamt vier Meetings, innerhalb der nächsten zwei Jahreszeiten, die ihr euch unbedingt rot im Kalender anstreichen und freihalten solltet, und gerne zahlreich vorbeikommen könnt.  Was mich betrifft – ich schaue mich noch einmal kurz um, ehe ich den Buchladen verlasse, und weiß, jetzt ist es Zeit für den Rückruf. 

Fotos: Kuka Museum

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