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September 10, 2018

Die GoPro-Taube

Text Nadine Pardatscher

Lamas tragen Hüte und Tauben tragen Kameras. Würdest du mir glauben, dass Tauben GoPros tragen? Nein, das würdest du nicht glauben. Stimmt auch nicht. Als Symbol des Friedens tragen sie Hochzeitswünsche in den Himmel und Brieftauben bringen Briefe … Liebesbriefe zum Beispiel. Mutter Natur sei es Dank, dass diese Vögel mit einem intelligent integrierten GPS-System ausgestattet sind und problemlos in der Luft verkehren. Den schwerelosen Nachrichtentransfer machten sich bereits die alten Ägypter zu Nutze und verkündeten so via Himmel die Krönung des Pharaos Ramses II. In Griechenland hingegen dienten die Tauben eine Zeit lang als Sportreporter, indem sie von den Siegern der Olympischen Spiele einen Teil des Zielbandes um den Fuß gebunden bekamen und zurück in die Heimat des Athleten geschickt wurden. Unwissentlich wurden sie auch Briefträger von Informationen und Post über und auf Kriegsschauplätzen. Später erst wurden sie von modernen Telekommunikationsmitteln verdrängt und der Hype um die Brieftaube schwand abrupt. 

Öffentlich verurteilt als Ratten der Lüfte, Körnerfresser oder Krankheitsübertrager mit überdurchschnittlichen Virenim- und -export machen sie scheinbar viel Dreck und mensch wird aufgefordert, sie bitte nicht zu füttern. Aber ich sehe was, was du nicht siehst, was du höchstwahrscheinlich noch nicht gesehen hast und was du noch viel höchstwahrscheinlicher auch gar nicht mehr (live) sehen wirst. Während Red Bull Flügel verleiht, verlieh Julius G. Neubronner seinen Tauben eine Kamera, um den Leuten auf der Erde Aufnahmen ihrer Welt von oben und die Flugstrecke der Tauben zu offenbaren – aus der Vogelperspektive eben. Vor rund über hundert Jahren wurde das Gefieder zum Liebhaberobjekt des Pioniers der Amateurfotografie. Der gelernte deutsche Apotheker war sicherlich ein lustiger Vogel – er hat ein Design einer Kamera patentiert und diese den Tieren auf die Brust und den Rücken geschnürt.

GoPro Taube1

Die Erfindung der Taubenpost – Vorreiter des unbemannten Luftfahrzeuges der Drohne – wurde zwei Mal mit Gold ausgezeichnet. Auf der Internationalen Luftschiffer-Ausstellung in Paris wird der Hobbyornithologe, Fotograf und Erfinder Julius G. Neubronner für die Methode und Aufnahmeresultate geehrt. Die Fotografie, die nicht nur der Demonstration vom weit verzweigten Luft-und Wegenetz der Tiere diente, fasste zeitweise auch in der Freizeit- oder Wissenschaftsdokumentation Fuß.

Die Galerie Foto Forum nutzt die Gelegenheit und kramt im Stadtarchiv Kronberg, um die einzigartige Brieftaubenfotografie in der Ausstellung „The Pigeon Photographer – Julius Neubronner & his Pigeons“ zu zeigen [Vernissage am 11.9.2018, H 19:00, Ausstellung bis 13.10.2018, kuratiert von Nicolò Degiorgis und Audrey Salomon]. Wichtiger Tipp für jene, die es persönlich nicht in die Galerie schaffen und sich die Schwarzweißfotografie dennoch nicht entgehen lassen wollen: Es gibt auch das Buch zur gleichnamigen Ausstellung von den Kuratoren Nicolò Degiorgis und Audrey Solomon.

Fotos: Stadtarchiv Kronberg 

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