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August 12, 2018

Binnen-I: Fünf Frauen auf der Suche nach den Abgründen unserer Gesellschaft

Eva Rottensteiner

Feucht und kühl ist es dort unten, einige Stufen unter der Erde. Schon beim Hinuntergehen schlägt mir ein leicht muffiger Kellergeruch entgegen. Natürliches Licht gibt es eigentlich keines, bis auf die zwei kleinen Fensterschächte, durch die gleißendes Sonnenlicht fließt. Doch das scheint die Frauen nicht zu stören. Sie hüpfen munter auf der Bühne herum, manchmal singen sie, manchmal liegen sie, manchmal flüstern sie und manchmal schluchzen sie. Ich befinde mich mitten in einer Probe des Theaterkollektivs Binnen-I. Und nein, es sind keine altbackenen, bissigen Feministinnen mit einer Tüte voller Männerhass im Gepäck, falls einigen beim Lesen des Namens „Binnen I“ der Gedanke kommen sollte … Damit verbindet das Kollektiv eher ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern und ein „Gleich-viel-wert-sein“. Noch viel wichtiger an ihrem Namen ist ihnen das „Wer binnen I“ und das „Ich“ als Nährboden für ihre Arbeit.

Binnen I 5

Der historische Kapuzinerkeller in Klausen, in welchem wir uns befinden, wirkt wie ein Kontrast zum jungen, erfrischenden Gemüse, das auf der Bühne ihre erlernten und teils selbst interpretierten Texte zum Besten gibt. Allein ihre Anwesenheit lässt die grauen, alten Wände bunter wirken und die 5 Frauen werfen eine Geschichte in den Raum, welche aktueller kaum sein könnte. Es geht um Sex, selbstgekochte Drogen und um den Pragmatismus der heutigen Generation. Mit dem Stück „Und jetzt die Welt“ von Sybille Berg möchten sie den Geist der Zeit erfassen und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Was sie auf die Bühne bringen möchten, sind keine Rollen, sondern eher eine „Figur, welche die Gedanken ausspricht vom Hier und Jetzt“, versucht mir Vicky zu erklären. Es geht nicht um die Situation, sondern eher den Gedanken an sich. Es soll auf die Leute wirken, jedoch ohne jegliche Befindlichkeiten oder Wertungen. „Es ist einfach nur ein offener Gedanke ohne Haltung, ohne dass man es schon irgendwie wertet“, so Marlies. „Dann kommt es so, dass es jeder für sich bewerten kann. Wir wollen es nur mal so hinstellen“, fügt Alexa hinzu.

Binnen I 3

Doch wer sind die Mitglieder oder soll ich besser sagen: die „Mitgliederinnen“, dieses Kollektivs? Nun, da gibt es Katharina Gschnell, die rothaarige aus Kurtatsch, die nach ihrer Ausbildung an der Schauspielschule Innsbruck mit Bühnenreifeprüfung in Wien auf so mancher Bühne gestanden ist, Marlies Untersteiner aus Meransen, die Ausbildungsluft an der Europäischen Theaterschule Bruneck schnupperte, Lehrerin werden wollte, bevor sie sich zu unser aller Glück dann doch noch schnell umentschieden und zum Theater zurückgefunden hat. Dann ist da noch Viktoria Obermarzoner aus Vahrn, Mitbegründerin des Rotierenden Theaters und ausgebildete Schauspielerin, die eigentlich zum Theater gekommen ist, weil der Schwimmkurs voll war. Dort ist sie dann geblieben und nach etlichen Bühnenerfahrungen in das Kollektiv geflutscht. Petra Rohregger, diplomierte Schauspielerin, hatte einen etwas anderen Weg, der sie von Bruneck bis nach Singapur und wieder zurück, hinein in die Wirtschaft und wieder hinaus geführt hat, bis sie schließlich im Theater angekommen war. Und zu guter Letzt ist da noch Alexa Brunner aus Deutschnofen, Absolventin der Europäischen Theaterschule Bruneck und Bühnenreifeprüfung in Wien, der am Rande einer Identitätskrise auffiel dass ihr einziger Weg zum Glück wohl über eine Bühne verlaufen muss. Das sind die 5, die im Mai 2017 den Schritt ins Neue wagten und schließlich das Kollektiv Binnen-I auf die Beine stellten. „Es ist die Idee entstanden, dass wir gerne einmal etwas Unabhängiges produzieren möchten. Wir fanden uns alle 5 in der gleichen Situation wieder und hatten das Bedürfnis etwas zu machen, was uns am Herzen liegt, und Stücke, die wir aussagekräftig finden. Deshalb haben wir uns mit unserer Vorstellung von Theater gut zusammen gefunden“, erzählt Katharina über die Anfänge des Kollektivs.

Binnen I 1

Mit ihren Stücken möchte Binnen-I alle ansprechen – von der Hauser Herta bis hin zum Herrn-von-und-zu-Bozner-Futzi, egal ob 86-jähriger Seppl oder 20-jährige Marie. „… die menschlichen Grundfragen sind in jeder Generation fast dieselben oder zumindest ähnlich. Im durchnittlichen Lebensstandard stellt sich jeder denselben Fragen, auch wenn sich vielleicht die Außenbedingungen ändern und wir in einer viel technologischeren Zeit leben. Die Zweifel an sich, in Partnerschaften und am Leben hat jeder, auch wenn sie anders ausgelebt werden“, erklärt Katharina. Durch ihre Stücke möchten sie der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Manchmal dient das Kollektiv nicht nur als Spiegel, sondern auch als Matratze, insbesondere für die Mitglieder. Denn Schauspieler sind Einzelkämpfer in ihrem Beruf. Vor allem Schauspielerinnen haben es im Showbiz nicht so einfach. Die 5 Powergirls möchten dem Konkurrenzkampf und der Eigenbrötelei nun den Garaus machen. Miteinander statt gegeneinander, Austausch statt Misstrauen. Und das ist auch notwendig in einer Theater- (und Film-)Welt, in der die Machtgefüge noch so gestaltet sind, dass Männer es leichter haben beim Verhandeln und wo gleiche Rollen mit unterschiedlichen Gagen belohnt werden. Nicht zu reden von der Schwierigkeit überhaupt Frauenrollen zu finden, bei den unzähligen, fast ausschließlich männlichen Helden in den Stücken. Die Frauen erzählen mir, dass auch #metoo nicht mehr weit von Südtirols Bühnen entfernt sei und Sexismus auch dort durchaus manchmal Einzug fände. Besonders hinter der Bühne gilt es sich zu schützen und sich auch als junge Schauspielerin nicht von unverschämten Angeboten einschüchtern zu lassen. Die Fünf wünschen sich mehr Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung unter Frauen.

Binnen I 4

Für die diesjährige Produktion hat Binnen-I die erfolgreiche Regisseurin Mona Kraushaar mit ins Boot geholt, die selbst auch das Freie am Arbeiten mit dem Kollektiv spannend findet. Am 10. August war die Premiere von “Und jetzt die Welt” von Sybille Berg im Tschumpus in Brixen. Wer Lust bekommen hat, kann für die nächsten Termine im August und September 2018 Karten ergattern –Informationen zu Terminen gibt es hier.

Fotos: Eva Rottensteiner/franzmagazine

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