Culture + Arts > Performing Arts

July 12, 2018

Wenn Tanz den Durst nach Leben stillt: Michele di Stefano @ Bolzano Danza

Eva Rottensteiner

Michele di Stefano ist der Gastkurator der diesjährigen Edition von Tanz Bozen Bolzano Danza (12.–27. Juli 2018). Erstmals wurde ein Kurator eingeladen, um auf den urbanen Raum besser einzugehen. Michele di Stefano ist selbst Choreograf und außerdem Gründer des Kollektivs „mk“. 2014 wurde er mit dem Silbernen Löwen für choreografische Innovation auf der Biennale della Danza in Venedig ausgezeichnet. Für die diesjährigen Outdoor- Veranstaltungen unter dem Titel „Vedute“ (Ansichten) sind spannende Performances und Genremischungen zu erwarten.

Welches ist deine Rolle als Gastkurator für das Festival Tanz Bozen 2018?

Meine Aufgabe ist es, die Perspektive und den Schwerpunkt des Festivals auszusuchen und die KünstlerInnen auszuwählen. Um das Drumherum des Festivals miteinzubeziehen, gibt es ein Outdoor-Programm. Auch für mich ist es spannend zu überlegen, wie man Tanz ausdrücken kann, ohne sich unbedingt der Sprache des Tanzes zu bedienen. Das war mein persönlicher Blickwinkel auf das Festival. Es geht hier immer um den Körper in der Landschaft, ohne unbedingt ein Design in Form einer Chroeografie zu verfolgen. 

Roberta Mosca (7)Wie hast du die KünstlerInnen und die Orte ausgewählt? Welche Rolle spielt der Ort im tänzerischen Kontext?

Was die KünstlerInnen betrifft, war das Hauptkriterium vor allem die Qualifikation und Qualität. [lacht] Ich habe KünstlerInnen ausgewählt, die zum Projekt passen, sich gerne engagieren und eine vielschichtige Auffassung vom Tanz haben. Die meisten kenne ich von meiner Arbeit als Choreograf. Was die Orte betrifft, bin ich ein Fan des „ovunque“ (Überalls). Ich glaube, dass es keine Orte gibt, die unwichtig sind, um eine Stadt zu verstehen. Einige Performances sind daher an Plätze außerhalb der Stadt verlegt worden, wie beispielsweise in den Keller der Laimburg oder in den Noi Techpark, weil dieser ein Ort der Innovation ist. Ziel ist es, in gewisser Hinsicht eine Art Wolke um die Stadt zu kreieren, die das Programm des Festivals darüber hinaus umrahmt. 

Dieses Jahr wagt sich das Festival noch viel mehr ins Outdoor verglichen zu anderen Jahren. Warum? Welche Rolle spielen das Draußen und unkonventionelle Orte generell im Tanz? 

Die Idee war, die Perspektiven auf das Festival mehr auszuweiten, obwohl das Festival bereits sehr experimentell ist. In diesem Fall soll das in Form der „vedute“ geschehen. Es geht darum, etwas mit dem Körper zu machen an einem natürlichen Ort, es geht nicht darum mit Choreografie zu arbeiten. Der Körper soll mit dem Umfeld und dem Ort arbeiten, um die Alltäglichkeit des realen Lebens einzufangen. 

Schon zum 34. Mal gibt es Tanz Bozen, aber zum ersten Mal wurde ein Gastkurator (das wärst du jetzt) beauftragt. Welches ist dein persönlicher Einfluss auf das Festival? Wie war die Zusammenarbeit mit Emanuele Masi? 

Wir haben uns bereits im Vorfeld im Rahmen eines anderen Projektes kennen gelernt. Emanuele Masi verfolgt eine klare Linie, ihm geht es aber darum, die Möglichkeiten und Perspektiven auszuweiten, um auch Platz für KünstlerInnen zu finden, die nicht gleich an die riesengroße Bühne denken. Ich glaube, er hat mich eingeladen, weil ich einen etwas anderen Zugang zum Thema Tanz habe. Es war mir eine große Ehremit ihm zusammenzuarbeiten. Alles hat bisher gut geklappt und wenn wir etwas an dem Konzept verändert haben, dann immer gemeinsam. Ich hoffe, dass unsere gute Stimmung auch beim Publikum zu spüren sein wird. Intervista Di Stefano

Du bist doch auch Choreograf und Performer. Dann hast du bestimmt einen anderen Blickwinkel auf die KünsterInnen von Tanz Bozen … 

Natürlich, indem ich die andere Seite auch kenne, weiß ich, dass gar nicht so einfach ist, was dahinter steckt. Die Performer werden zu Komplizen, was vielen Sicherheit gibt, Neues auszuprobieren. Auf beiden Seiten stehen zu dürfen, das ist für mich persönlich sehr spannend. Wer weiß, wie sich das auf meinen Beruf als Choreograf auswirken wird.  

Wie ist es für dich in Bozen und generell in Südtirol zu arbeiten?

Es ist wunderbar! [lacht] Vor allem das Suchen der Orte war unheimlich schön und wir haben dabei viele neue Menschen getroffen. Derzeit bin ich auch mit einer anderen Produktion beschäftigt, bei welcher sich alles um Berge dreht. Ich versuche noch herauszufinden, ob ich mich vielleicht für einige Stunden losreissen kann, um in die Natur zu flüchten.

Vasudeva-ott2011_photo_ZimmerFreiWas bedeutet zeitgenössischer Tanz für dich? 

Ich glaube, die wahre Bedeutung ist, dass es keine wahre Bedeutung gibt. Es geht darum, mit dem Tempo des Lebens zu gehen. Meiner Erfahrung nach kann man damit den Durst nach Leben stillen und mit dem eigenen Tempo mithalten. Durch den zeitgenössischen Tanz wird einem die komplexe Realität plötzlich klarer.  

Das diesjährige Programm von Bolzano Danza ist sehr vielfältig. Eingeladen ist die Crème de la Crème, aber auch einige unbekanntere Gesichter. Was ist dein persönliches Highlight?

Sehr schwierig. Es gibt natürlich KünstlerInnen, die ich sehr spannend finde. Da gibt es Roberta Mosca mit ihrer 2-Stunden-Performance, welche die ganze Welt bereist und solche Auftritte nur einmal im Jahr macht. Deshalb freut es mich natürlich umso mehr, dass sie sich für Tanz Bozen entschieden hat. Dann gibt es noch Fabrizio Favale, ein guter Freund von mir, und Maurizio Saiu, mit dem ich bereits für ein wundervolles Projekt in Peru zusammengearbeitet habe. Das Schöne ist jedoch, dass es keine relevante Hierarchie gibt innerhalb des Events und es neben bekannten Größen wie Bill T. Jones auch noch weitestgehend unbekannte Gesichter zu entdecken gibt. Am Ende können alle neue Kraft daraus schöpfen.

Foto: (1) Michele Di Stefano by Andrea Macchia  (2) Roberta Mosca; (3) Michele di Stefano; (4) Fabrizio Favale – ZimmerFrei – First Rose: Vasudeva.

Print

Like + Share

Comments

Current day month ye@r *

Discussion+

There are no comments for this article.

Related Articles

Archive > Performing Arts