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July 12, 2018

Matilde Cassani: von Ländergrenzen und Kricket

Eva Rottensteiner

Am 15. Juli 2018 findet in einer Zusammenarbeit von Matilde Cassani (Architektin, Professorin und Installer) und der ar/ge Kunst in Bozen sowie dem Künstlerhaus Büchsenhausen in Innsbruck ein Kricket-Turnier auf den Bozner Talferwiesen (Sportplatz Talfer B) statt. Das Turnier wird von der ar/ge Kunst und dem Kricketclub Leifers im Rahmen der Ausstellung und Recherche „It’s Just Not Cricket!“ organisiert, welche man noch bis zum 28. Juli 2018 im Künstlerhaus Büchsenhausen besuchen kann. (In der ar/ge Kunst war sie im Februar und Mai zu sehen.) 

Angelehnt an die Tee- und Mittagspausen im professionellen Kricket wird es dem Publikum gestattet, Essen und Trinken mitzubringen und auf der Tribüne zu picknicken. Dies ist das zweite Kricketspiel überhaupt von Mannschaften nördlich und südlich des Brenners, das Hinspiel fand am 30. Juni in Innsbruck statt. Bei ihrer zweijährigen Recherche ging es Matilde Cassani um das Grenzgebiet am Brenner und die Bedeutung von Kricket für die dortigen Bewohner. 

Wir haben die erfolgreiche Architektin interviewt, die selbst in einem Grenzgebiet im Piemont an der Grenze zur Schweiz aufgewachsen ist. Nach dem Architekturstudium in Mailand und Barcelona, arbeitet sie mit Kunden weltweit und auch im Bereich der Installationen und des Event-Design. Ihr Instrument und Werkzeug ist die Recherche, welche sich oftmals auch über einen längeren Zeitraum hinausstreckt. 

Bist du vorwiegend Architektin, Professorin oder Künstlerin?

Ich habe Architektur studiert und nutze, was ich innerhalb meines Studiums gelernt habe. Es geht bei mir immer um die Analyse. Die Ausstellungen sind dann immer an die jeweilige Institution gebunden. IT’S JUST NOT CRICKET - MATILDE CASSANI

Warum interessierst du dich für Kricket, eine Sportart, die doch eher ein bisschen „random“ ist hier in Südtirol? 

Ich wurde von ar/ge Kunst in Bozen und Büchsenhausen in Innsbruck eingeladen eine Recherche über die Gegend zwischen Italien und Österreich zu starten. Zusammen mit den Kuratoren Andrei Siclodi von von Büchsenhausen sowie Emanuele Guidi von ar/ge Kunst bin ich dann mit dem Auto losgefahren. Eines Tages war ich am Brenner, wo ich mit einem Jungen pakistanischer Herkunft ins Gespräch kam. Dieser hat mir dann erzählt, dass sein Bruder Kricket spielt und mich zu einem Spiel eingeladen. Dann habe ich herausgefunden, dass diese Sportart eine gewisse Wichtigkeit hat, und beschlossen, meine Recherche mit Fokus auf „Kricket“ zu machen, um diesen Ort an der Grenze zu beschreiben. Mich hat interessiert inwiefern die Sportart mit der Gegend zusammenhängt, wer spielt, welche Institutionen dahinter stehen usw. Kricket ist nach Fußball die meist gespielte Sportart der Welt und die am meisten geschaute.

Interessierst du dich persönlich für Sport?

Natürlich interessiere ich mich für Sport, aber von Kricket habe ich keine Ahnung. Für mich war es ein Weg, diese Gegend und Region besser zu erklären.Matilde-Cassani_Collezione-Privata-di-A.S._2018_2L-624x416

Was haben die Pakistani, Inder, Sri Lanker und Afghanen mit Kricket zu tun?

Kricket ist ein englischer Sport, der auch in Indien, Pakistan importiert wurde und schließlich große Wichtigkeit für diese Gesellschaften erlangt hat. Auf dem Brenner gibt es viele Einwohner pakistanischer Herkunft, weil der Brenner nach dem Abschluss des Schengenabkommens als Ort an Bedeutung verlor. Viele Menschen, die dort vorher an der Grenze gearbeitet haben, sind woanders hingezogen und unzählige Häuser standen plötzlich leer. Daher sind viele Pakistani hierher gezogen. 

Inwiefern spiegeln sich andere Kulturen als Thema auch in deinen anderen Arbeiten wieder?

Das, was mich grundsätzlich interessiert, ist die Interaktion zwischen verschiedenen Gruppen im gleichen urbanen System. Das ist kein neues Thema, doch worauf ich meinen Fokus setze. sind die verschiedenen Protagonisten – wie sie interagieren und welchen „Output“ sie in Form von Handlungen sowie kulturellem Ausdruck der Stadt der Zukunft geben. Ich mache meine Analyse dann über ein Hauptthema, wie in diesem Fall die Sportart „Kricket“, und versuche eine Art des „Speed up“, d. h. ich stelle mir die Situation beispielsweise in 10 Jahren vor. Matilde-Cassani_Cricket  

Du warst in Sri Lanka nach dem Tsunami 2004. Wie war das für dich? 

Als ich dort war, bin ich noch sehr klein gewesen. Ich war gerade dabei, meine Abschlussarbeit für die Uni zu schreiben. Sri Lanka war für mich auch der Anfang der Recherche als Mittel. Ich habe dort für eine deutsche Organisation gearbeitet und meine Aufgabe dort war es, beim Wiederaufbau zu helfen und die Häuser zu zeichnen. Dabei ist mir aufgefallen, dass je nach Ethnie, welche im Besitz des Hauses war, das Projekt komplett anders ausgesehen hat.   

Du bist doch Architektin und hast teilweise auch „Interior Design“ unterrichtet. Wie können wir uns dein Haus/deine Wohnung vorstellen?  

Mein Haus sieht recht normal aus, aber es ist noch nicht komplett fertig. Ich habe es zusammen mit meinem Exfreund gezeichnet, doch nachdem wir uns getrennt haben, war die Fertigstellung blockiert. Ich müsste es also eigentlich noch fertig machen. 

Fotos: © ar/ge kunst,  Tiberio Sorvillo and Luca Guadagnini, 2018

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