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February 13, 2018

“The garden, some leftlovers, and us swaying”: Saskia Te Nicklin in der Galerie der Stadt Schwaz

Christine Kofler

Überraschende Materialkombinationen und ungewöhnliche Techniken zeichnen ihre künstlerische Sprache aus, die experimentelle Auslotung von medialen Möglichkeiten ihrer inhaltlichen Auseinandersetzungen. Auch die alltägliche  Lebenspraxis, geschlechtsspezifischen Erfahrungen sowie die Auseinandersetzung mit literarischen Texten sind, so die Kuratorin Cosima Rainer, Bezugspunkte für ihre Arbeit. Die Rede ist von Saskia Te Nicklin, einer 1979 in Kopenhagen geborenen Künstlerin, die bereits an diversen Gruppen- und Einzelausstellungen teilgenommen hat. Die Galerie der Stadt Schwaz zeigt von 24.2. bis 5.4.2018 einige ihrer Arbeiten. Die Vernissage findet am Freitag, 23. Februar 2018 um 19 H statt. Uns hat Saskia Te Nicklin schon im Vorfeld einiges über Ihre Arbeiten erzählt.

Am 23. Februar eröffnet deine Ausstellung „The garden, some leftovers, and us swaying” in der Galerie der Stadt Schwaz. Kannst du uns etwas darüber erzählen? Eines der zentralen Themen ist der „Mikrokosmos“ Familie …

In der Ausstellung zeige ich einige Skizzen und Zeichnungen sowie großformatige figurale Collagen auf Aluminium-Platten, die teilweise als Raumteiler dienen. Die Familie als Mikrokosmos ist nichts, das nicht schon aufgegriffen worden wäre. Dennoch finde ich es spannend darüber zu reflektieren, dass unsere Familie eine Art Spiegel der Gesellschaft ist. Und vielleicht auch ein wenig darüber zu witzeln. Die Familie ist eine kleine Gemeinschaft. Sie weist dieselben Grundstrukturen auf, wie die Gesellschaft, die sie umgibt.

Der Titel der Ausstellung verweist – klarerweise – auf einen Garten, von dem jeder eine Vorstellung hat. Er ist grün, voller Blattwerk unterschiedlichster Art. Das Wort  „swaying“  ist spannend, weil es zwei Bedeutungen in sich vereint: Das Schunkeln, eine Art seltsamer Tanz, bei dem man sich gemeinsam erst zur einen und dann zur anderen Seite wiegt, jedoch stets auf demselben Platz bleibt. Gleichzeitig bedeutet es, etwas zu beeinflussen und jemanden zu kontrollieren. Und auch die Schlange „sways“ – bewegt sich hin und her, bevor sie angreift. (Anmerkung der Redaktion: A snake also sways from side to side before it wants to attack.)

searching for roots. saskia te nicklin. 2018

Saskia Te Nicklin: Searching for roots

Cosima Rainer schreibt im Text zur Ausstellung, dass du als Künstlerin die medialen Möglichkeiten unserer Welt auslotest … Wie reagieren deine Arbeiten auf die digitalen Entwicklungen?

Ich denke, wir Menschen haben uns jetzt – ganz offiziell – darauf verständigt, parallel zur Welt des Internets zu existieren. Wir alle sind damit einverstanden, was ich ausgesprochen seltsam finde. Jeden Tag beschäftigen wir uns mit dieser Parallelwelt, dieser digitalen Gesellschaft. Unsere Körper bleiben in der fassbaren, realen Welt zurück, während unser Geist frei in dieser anderen Welt umher wandelt. Durch diese Abstraktion unsere Existenz werden unsere Körper – bis zu einem gewissen Grad – überflüssig, nutzlos und gar verkrüppelt. Durch diese Vernachlässigung unseres Körpers zugunsten unserer Verpflichtungen in der anderen Welt, entstehen sogar neue Krankheiten, man denke nur an den schmerzhaften Smartphone-Nacken, das Phantom Vibration Syndrome oder die Nomophobia (Anmerkung der Redaktion: Die Angst, ohne Mobiltelefon unerreichbar für soziale und geschäftliche Kontakte zu sein).

Kannst du uns etwas über den Entstehungsprozess deiner Kunstwerke erzählen?

Der Prozess ist sehr umfangreich und jeder Schritt sehr viel Arbeit. Die Kurzfassung: Ich male mit Holzleim auf Kunststoffpaletten. Ich zeichne Skizzen, mische diverse Farben in die Substanz. Wenn der Kleber trocken ist, kann ich ihn entfernen und auf die Aluminiumplatten legen. Nun kommen die Collagen ins Spiel, die ich platziere. Anschließend kann ich einige Bereiche nachbearbeiten und dunkler machen. Diese Technik ist sehr vielfältig.

In einer deiner Arbeiten aus dem Jahr 2015 nimmst du Bezug auf Oscar Wilde’s bekanntes Buch „Das Bildnis des Dorian Gray“. Welche Rolle spielt die Literatur in deinen Arbeiten und in deinem Leben? Was inspiriert dich sonst noch?

Literatur ist ein wichtiges Werkzeug für meinen Denkprozess und für meine künstlerische Recherche. Lesen schafft starke visuelle Eindrücke. Einige Texte verweilen länger in meinem Kopf. Dort gären sie dann, bis sie eine konkrete Gestalt annehmen und Sinn ergeben. Im Moment lese ich Annie Dillard. Ich finde es beeindruckend, wie sie innere Vorstellungen, Philosophie, Geschichte und Wissenschaft miteinander verbindet und zu Poesie verdichtet. Ihre Texte sind sehr stark visuell.
Mich inspiriert beispielsweise auch die Arbeit von Laurie Anderson, eine meiner liebsten Musikerinnen.

Saskia Te Nicklin PorträtfotoGab es einen Moment, in dem für dich feststand, dass du Künstlerin sein willst? Wann wusstest du, dass Kunst das richtige für dich ist?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nie entschieden, Künstlerin zu sein. Es ist irgendwie unbemerkt in mich hineingekrochen, wie eine Schlange. Ich denke, ich war wie jedes andere Kind auch, aber möglicherweise hat mein familiärer Background und meine Erziehung meinen Werdegang beeinflusst. Vielleicht ist es ein Erbe, das Erbe einer Perspektive oder eines anderer Blicks auf das Leben.

Sicher ist aber: Wenn ich etwas lese, höre oder sehe, wird das Gelesene, Gehörte oder Gesehene zur visuellen Interpretation von etwas anderem. Es ist schwer, sich davon abzukoppeln. Ich habe deshalb das Gefühl, dass ich dauernd und unaufhörlich arbeite. Vielleicht macht mich genau das zu einer Künstlerin.

Du bist in Kopenhagen geboren und aufgewachsen und lebst seit einigen Jahren in Wien. Wie beeinflusst die Stadt und die Künstlerszene deine Arbeiten?

Ich kam im Jahr 2007 nach Wien und wusste sofort, dass ich länger hier bleiben möchte. Ich schätzte – und schätze immer noch – diese kauzige „Edginess“, diese Griesgrämigkeit, die Direktheit, aber auch die Höflichkeit. Etwas, das im Laufe der Zeit in Dänemark verloren gegangen ist, fürchte ich. Ein Künstler sagte mir einst, dass du als Künstler nicht an einem Ort bleiben kannst, an dem du dich heimelig und behütet fühlst. Denn dann wirst du aufhören, Kunst zu machen. Du musst raus aus deiner Comfort Zone.

 

 

Fotos: Saskia Te Nicklin 

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