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September 11, 2017

Auf einen Schlag Einzelkind: “Ein fauler Gott” von Stephan Lohse

Verena Spechtenhauser
Stephan Lohse ist mit "Ein fauler Gott" von Elke Heinemann für den Franz-Tumler-Literaturpreis 2017 (für zeitgenössische deutschsprachige Debütromane) nominiert – Eröffnung am 14.9.2017 um 19.00 H im Gasthaus Krone in Laas; öffentliche Lesungen am 15.9.2017 von 9–16.30 H im Josefshaus in Laas; Preisverleihung am 15.9.2017 um 19.00 H in der Laaser Markus-Kirche.

Titel: Ein fauler Gott 

Autor: Stephan Lohse

Darum geht’s: Norddeutschland Anfang der 1970er Jahre: Eigentlich sollte es ein lustiger Tag im Schwimmbad werden. Doch dann bekommt der kleine Jonas plötzlich diese SACHE und verstirbt wenige Tage später im Krankenhaus. Sein großer Bruder Benjamin ist nun auf einen Schlag Einzelkind und anstatt sich auf die täglichen Herausforderungen eines Teenagerlebens zu konzentrieren, muss er nun mit der neu entstandenen Leere, seiner eigenen Wut und Trauer und jener seiner Mutter Ruth umzugehen lernen.

Lieblingszitat: „Seit drei Tagen hat Ben Herbstferien, doch Mami hat keinen Urlaub geplant. Als Ben ihr Hirsche im Hunsrück oder Amerika in einem kalifornischen Hotel vorschlägt, fragt sie ihn, wie er jetzt überhaupt an Urlaub denken könne. Er versteht sie falsch und sagt „Mit meinem Gehirn“, worauf Mami die Küchentür zuknallt.“

Riecht … manchmal nach bleierner Traurigkeit, dann wieder nach Hoffnung und dem kleinen Glück.

Schön: Der Autor Stephan Lohse schafft es unglaublich gut, sich in die Gedankenwelt des 11jährigen Benjamin einzufühlen. Die Passagen, in denen er das tägliche Tun von Benjamin ganz genau beobachtet, seine oft kindlichen und oft unglaublich reifen Gedanken aufschreibt, sind manchmal todtraurig und oft auch wirklich witzig, vor allem aber sind sie ein wahres Lesevergnügen.

Weniger schön: … die Selbstmordgedanken der Mutter, welche über den Tod des Sohnes nur schwer hinweg kommt. … und die Tatsache, dass der Vater Hans, der sich bereits vor dem Tod des kleinen Jonas von seiner Frau Ruth getrennt hat und nun in Frankfurt am Main lebt, sich finanziell um seine „alte“ Familie kümmert, mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes und den emotionalen und organisatorischen Folgen dieses Schicksalsschlages müssen Ruth und Ben allerdings alleine fertig werden.  

Unbedingt lesen, wenn … man keine Angst hat sich auch an traurige Entwicklungsromane heranzuwagen.

Gut für … die stillen Momente des Tages.

Resümierend: Dem Autor und Schauspieler Stephan Lohse ist ein sehr feinsinniger Debütroman gelungen, welcher mich an manchen Stellen zum Weinen und an anderen zum Lachen gebracht hat. Stephan Lohse beobachtet seine ProtagonistInnen so unglaublich genau, dass ich mich oft so gefühlt habe, als wäre ich bei den Geschehnissen direkt anwesend gewesen, als wäre ich mit Ruth am Grab gestanden oder hätte mit Ben Birne Helene zum Muttertag gekocht. Die Figuren, auch wenn sie manchmal nur kurz im Buch auftauchen, sind mir auch nach Ende der Lektüre im Kopf geblieben. Ein Buch zum wieder- und wiederlesen, das tröstet trotz der tieftraurigen Geschichte, weil es dicht gespickt ist mit wunderbaren Passagen, die noch lange nachklingen, im Kopf und im Bauch.

Seitenzahl, Verlag, Jahr, Preis: 336 Seiten, Suhrkamp, 2017, 22,00 Euro, ISBN: 978-3-518-42587-9, gebunden, auch als E-Book erhältlich.

Infos zum Tumlerpreis: tumler-literaturpreis.com

Bild: Suhrkamp

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