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September 5, 2017

Käthe Kruse & „Danke! Die tödliche Doris“ in der Galerie der Stadt Schwaz

Christine Kofler

Die Künstlerin, Musikern und Performerin Käthe Kruse prägte als Schlagzeugerin der „Tödlichen Doris“ die deutsche Musikszene der frühen 80er-Jahre entscheidend mit. Die Westberliner Band und Künstlergruppe verwandelte Instrumente in Kunstwerke, feierte als „Geniale Dilletanten“ das Nichtkönnen und grenzte sich so vom kommerzialisierten Kulturbetrieb ab. Ganz wie die „Tödliche Doris“ greift auch Käthe Kruse auf zahlreiche unterschiedliche Ausdrucksformen zurück, von Performances über Malerei bis hin zu Video und Fotografie.

An diesem Freitag, den 8. September ist die Künstlerin gemeinsam mit ihren Töchtern Edda und Klara anlässlich der Ausstellungseröffnung Danke! Die tödliche Doris live in der Galerie der Stadt Schwaz zu sehen. Abends finden – in Zusammenarbeit mit den Klangspuren Schwaz  – zwei Performances statt: Um 18.30 Uhr „Lieder in Leder“ und um 22.00 Uhr die Late Night Lounge Performance „Krieg“, im Keller des barocken Palais Enzenberg. Wir haben vorab mit der vielseitigen Künstlerin gesprochen – über die künstlerische Aufarbeitung der Zeit mit der Tödlichen Doris, über Kind, Kunst, Karriere und aktuelle Projekte.

Du warst Schlagzeugerin der Tödlichen Doris, einer konzeptuellen Musikband aus den 80er-Jahren, die heute Kultstatus genießt. Wie hat diese Zeit deine künstlerische Entwicklung geprägt?

Die Bewegung der „Genialen Dilletanten“, zu der Die Tödliche Doris gehörte, war wirklich sehr prägend für mich. Mit Ideen und Energie konnte jeder in dieser Zeit Musik, Filme und Kunst produzieren. Für mich ging es damals nicht darum, was ich kann und will, sondern um Abgrenzung zu dem, was ich kannte, und dem, wo ich her kam, und um das Wissen darum, was ich auf gar keinen Fall wollte.

Wir hatten in den 80iger-Jahren die Chance, allein mit unseren Ideen und unserer Energie ohne jede Fachkenntnis Neues zu gestalten und eine Bewegung entstehen zu lassen. Ein einfacher Beat auf dem Schlagzeug war alles, was ich musikalisch zu bieten hatte und ich wurde Schlagzeugerin der Tödlichen Doris. Ich konnte Feuer spucken und wir entwickelten und drehten für den WDR-Rockpalast die Videos „Naturkatastrophenkonzert“ und „Naturkatastrophenballett“. Wir arbeiteten immer zu dritt und erarbeiteten unsere Texte, Musik, Filme und später ja auch Malerei und Kunstobjekte gemeinsam. In dieser Zeit mit Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen habe ich sehr viel gelernt und bis heute ist meine eigene Arbeit durch die medienübergreifende Arbeitsweise der Tödlichen Doris geprägt.

Zur Finissage der Ausstellung am 26.10.2017 werde ich zum Beispiel in einem Vortrag über die Mariakissen der Tödlichen Doris aufzeigen, wie wir ein Musikstück komponierten, ein Musikinstrument dazu entwarfen, dieses zu einem Kunstwerk machten, welches dann wiederum zu einem Auflagenobjekt wurde. Und das alles wurde mit sehr viel Lust und Humor erledigt! 

In deiner Ausstellung in der Galerie der Stadt Schwaz werden Relikte, Reliquien und Artefakte aus deiner Zeit mit der Tödlichen Doris zu sehen sein. Wie hast du diese Erfahrungen künstlerisch aufgearbeitet?

Es werden einige Relikte und Reliquien der Tödlichen Doris zu sehen sein. In der Ausstellung beziehe ich mich aber hauptsächlich auf die objekthaften Produktionen der Tödlichen Doris, auf meine Kostüme und meine Instrumente, die ich ins neue Jahrtausend transformiert habe. Der Anschluss an das Jetzt, an das Heute ist mir wichtig. Diese neuen Arbeiten sollen jenseits staubiger 80-iger Jahre Nostalgie stehen und haben alles Reliquienhafte abgestreift. Ich sehe sie als Kunstwerke eigener Originalität, die aber ganz in der Tradition der Tödlichen Doris stehen.

Du eröffnest deine Ausstellung mit zwei Performances, „Lieder in Leder“ und „Krieg“, bei denen auch deine Töchter dabei sind. Du nahmst vor einiger Zeit auch an der Berliner Ausstellung „Double bind – Kinder, Kunst, Karriere“ teil. Wie hast du Kunst und Kinder vereinbaren können? Und wie kam es dazu, dass du und deine Töchter heute zusammen auftreten?

Die Performance „Lieder in Leder“ wird direkt auf meinem Tödliche-Doris-Schlagzeug gespielt, das ich mit Leder überzogen habe. Es ist jetzt ein Kunstwerk und bleibt doch Instrument, klingt aber ganz anders: sehr dumpf und stumpf. Meine Tochter Edda hat sich sofort angeboten, es zu bespielen. Und ich singe die Lieder aus „Chöre & Soli“ von Die Tödliche Doris, die meine Tochter Klara in der zur Installation gehörenden Ledersäule stehend ins Französische übersetzt. In ihre Vatersprache.

Unsere erste gemeinsame Performance war zum Thema Abtreibung. Meine Töchter interessierten sich für das Thema und wollten mich musikalisch begleiten. Dafür mussten wir uns zuerst mit meinen Abtreibungen, über die ich in einer Anthologie geschrieben hatte, auseinandersetzen. Das war für uns drei ein sehr wichtiger Prozess, denn sie wussten nichts davon. Wir sind ja keine Freundinnen, sondern Mutter und Töchter. Der Text ist sehr persönlich, und ich führe ein Interview per Mail mit meiner Schwester Karola, die über die schweren Fehlbildungen ihres Kindes und die damit verbundenen Erfahrungen mit männlichen Ärzten vor, während und nach ihrer Abtreibung schreibt, während ich in meinen Fragen an sie auch meine drei Abtreibungen beschreibe. Der Live-Moment der Performance muss sehr bewegend gewesen sein, denn es gab Leute im Publikum, die geweint haben. Vielleicht war es ein starkes Bild mit den Mädchen, die erst elf und 15 Jahre alt waren und hinter mir stehend diesen schweren Text, Schlagzeug und E-Bass spielend, getragen haben.

Für meine eigene künstlerische Arbeit hatte ich bis dahin streng darauf geachtet, dass meine Kinder eben nicht vorkamen und nicht Teil eines Videos oder einer Installation wurden. Sie sollten ihre Kindheit unbeschwert leben können, mussten sie ja ohnehin oft genug mit uns reisen und sich in Ausstellungen langweilen.

Mein Ehemann Yves Rosset, selbst Autor und Übersetzer, und ich, haben uns gegenseitig unterstützt und die Kinder mussten oft auch über Monate mit einem Elternteil auskommen, wurden aber nie allein gelassen. Sowohl Yves als auch ich wollten uns der Kinder wegen in unserer künstlerischen Arbeit und in unserem Lebensstil nicht gänzlich einschränken. Es war uns vorab bei unserer Entscheidung klar, dass es darum ging, ob wir ein Leben als Künstler mit oder ohne Kinder leben wollten. Die Kinder mussten sich dann schon in erster Linie unserem Arbeitsrhythmus anpassen. Und das hat uns und den Kindern gut getan. Das Wohnen in einer Großgruppe mit 40 Erwachsenen und zwölf Kindern hat sehr geholfen und viele Zeitfenster für unsere Arbeit geschaffen. Kruse_Lieder in Leder_Foto Albert Dommer web

Für die Performance Krieg liest du von einer Endlosrolle Papier ab, wo sämtliche Kriege seit unserer Zeitrechnung aufgelistet sind. Woher kommt die Idee zu dieser „Kriegsliste“? Wie entwickelst du deine Performances?

Für eine genau 30 Minuten lange Performance war ich im Kunst-Werke Institute for Contemporary Art in Berlin eingeladen. Da ich immer gerne etwas Neues entwickle, besonders wenn ich in Berlin auftrete, fange ich an, ständig darüber nachzudenken, bis in den Schlaf hinein, und oft wache ich nachts auf und habe eine Idee, der ich nachgehen kann. In diesem Fall hatte ich eine zeitliche Begrenzung, was lässt sich in dieser kurzen Zeit überhaupt machen? Ein Thema war nicht vorgegeben. Das ist oft sehr hilfreich, dann nähere ich mich über das Thema an, informiere mich, lese viel, verwerfe wieder, suche weiter und finde schließlich das für mich Richtige.

Wenn ich eine Performance mache, möchte ich, dass das Publikum ganz bei mir ist, sich angesprochen fühlt, zuhört, zuschaut, lacht oder durch meine Arbeit zum Nachdenken angeregt wird. Das heißt, ich muss mich wirklich ganz öffnen, ganz ehrlich und ganz überzeugend sein. Und dafür muss der Inhalt stimmig und echt sein. Die Texte müssen gut sein, der Vortrag muss richtig gesetzt sein und ein Ganzes ergeben. Es muss emotional sein, ohne dass ich Emotionen zeige. Perfektion darf nicht erwartet werden, denn ich bin ja eine Geniale Dilletantin.

Ich lasse mich auch von dem leiten, was in der Welt geschieht. Rückschrittliche Entwicklungen in Irland und Polen (Europa!) zum Thema Abtreibung haben mich angeregt, eine Performance dazu zu machen. Die „Kriegsperformance“ habe ich gemacht, weil ich die vielen Krisenherde auf unserer Erde sehr beängstigend finde, deshalb wollte ich eine Arbeit über den Frieden machen und habe beim Recherchieren nur Kriege gefunden und festgestellt, dass eine 70-jährige Friedenszeit, die wir hier in Westeuropa zur Zeit haben, etwas ganz Außergewöhnliches ist. Es gab immer nur Krieg, zu jeder Zeit und überall auf der Welt. Ich habe begonnen, die Kriege zu lesen. Vollkommen unmöglich, sie in einer halben Stunde zu schaffen. So habe ich nach vielen Versuchen mit der Eieruhr beschlossen, im Jahre Null zu beginnen. Klara stellt die Eieruhr und liest ihre Gedanken zu dieser Performance und Edda trommelt unentwegt während ich Kriege lese und dabei immer schneller werden muss!

Deine Arbeit als Künstlerin ist enorm vielseitig und reicht von Film und Fotografie über Installationen oder Kunst-am-Bau-Projekten bis hin zur Musik. Wie beeinflussen deine musikalischen Projekte die bildende Kunst – und umgekehrt?

Als Musikperformerin habe ich es immer sehr genossen, auf der Bühne zu stehen, mit der Tödlichen Doris, aber auch als Solo-Künstlerin. Das ist so direkt, Lob oder Tadel kommen sofort als Reaktion aus dem Publikum, das finde ich gut. Das kannte ich gut.

Nach unserer Auflösung mussten wir uns neu positionieren und ich war auf der Suche nach neuen Medien, nach Techniken und Materialien, die ich noch nicht kannte. Mir gefällt das sehr, immer wieder bei Null anzufangen und unvoreingenommen und ohne Vorwissen an neue Arbeiten heranzugehen. Da bin ich ganz frei und kann die außergewöhnlichsten Ideen ohne jede Einschränkung haben. Wenn ich dann eine Idee gut finde und beginne sie umzusetzen, stoße ich an meine Grenzen, habe Angst, bin verzweifelt und dann muss ich das alles überwinden, um zu einer guten Arbeit zu gelangen. Bei dem Kunst-am-Bau-Projekt in Kassel zum Beispiel lag ich weinend unter dem Gerüst und blickte die 18 Meter hohe Wand entlang und dachte „jetzt habe ich mir zu viel zugemutet“. Und als ich vor der fertig bemalten Streifenwand stand, war ich ein ganzes Stück gewachsen.

Zu den zwölf Farben der Streifen habe ich Texte geschrieben, dazu Musik komponiert und das Lied gesungen, während ich ein Kleid trug, das ich als Projektionsfläche genäht hatte, auf das der dazugehörende Film projiziert wurde. Insgesamt gibt es 13 Arbeiten, die sowohl Text, Musik, Film und Kunstwerk umfassen, und jedes Werk ist so konzipiert, dass ich als Performerin einen Standort darin habe. Manchmal bin ich vom Kunstwerk ausgegangen und manchmal war ein Text zuerst da, manchmal ein Film. Das ist ganz unterschiedlich.

Für die Performance über Abtreibung habe ich schon seit langem eine Idee für ein Kunstwerk, hatte aber noch keine Zeit für die Realisation.

Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich an einem Text-Projekt. Ich habe 366 Tage lang (Schaltjahr) täglich 25 Überschriften aus einer deutschsprachigen Tageszeitung gesammelt. Jedes einzelne Blatt habe ich auf Fotopapier gedruckt und werde es rahmen. Ich wollte wissen, ob daraus abzulesen ist, was wirklich in der Welt geschieht oder ob man später sagen kann „Wir haben ja von nichts gewusst!“. Mord, Totschlag, Kriege, Flüchtlingskrise, Abstiegsangst, Obergrenze, Waffendeal, Zuwanderungsrekord … Wörter von A–Z, alle Substantive habe ich aus den Überschriften gesammelt und werde sie auf 80 Leinwände malen. Die Performance soll aus tage-, wochen- oder monatelangem Lesen aller Überschriften und Wörter bestehen. Diese Idee muss ich noch prüfen und proben. Ob sie Bestand hat und wie genau ich sie realisieren werde, weiß ich noch nicht. So arbeite ich. Eines entsteht aus dem anderen und im Laufe des Prozesses sehe ich, wohin es führt.

Fotos: “Die Tödliche Doris”, Doll Mohead & “Lieder in Leder”, Albert Dommer

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