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May 24, 2017

E TE TSE #15
Frauen sterben für den Utilitarismus

Michael Brugger

Utilitarismus ist eine Philosophie, die sich jener von Immanuel Kant entgegensetzt. Es geht im Groben darum, abzuwägen, welche von zwei Handlungen für mehr Menschen einen Nutzen hat (quantitativer Utilitarismus) bzw. welche von zwei Handlungen mehr Nutzen oder Freude für mich hat (qualitativer Utilitarismus). Solche Dinge lernt man in der Maturaklasse des Sprachengymnasiums Bozen. Eine weitere besondere Eigenschaft des Sprachengymnasiums Bozen ist die Frauenquote; ich, zum Beispiel, bin der einzige Junge in einer ansonsten reinen Mädchenklasse – und das birgt Gefahren:
Wir haben das Szenario des „Drowning Girl“, ein Kunstwerk von Roy Lichtenstein. Die Frau denkt, sie ertrinkt lieber, als Brad, wahrscheinlich ihr Ex-Freund, um Hilfe zu rufen. Die Aufgabe war es, dieses Gemälde anhand des qualitativen Utilitarismus zu erklären. Als Mann, einem Wesen, das dafür bekannt ist, praktisch zu denken, also der Inbegriff des Utilitarismus, hob ich stolz wie ein Honigkuchenpferd die Hand: „Es bereitet ihr vielleicht Freude oder befriedigt ihren Stolz, Brad nicht anzurufen, doch den größeren Nutzen für sie hat es, ihn um Hilfe zu rufen, damit sie überlebt.“ Ein Paradebeispiel für J. S. Mills quantitativen Utilitarismus. Meine Philosophielehrerin lächelte peinlich berührt: „Falsch!“ Tatsächlich ist es so, ließ ich mir sagen, dass es für eine Frau den größeren Nutzen hätte, in dieser Situation zu krepieren, als ihren Stolz hinunterzuschlucken und weiterzuleben. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich meine, ich verstehe es, ich verstehe den Beweggrund, doch ist dieser Beweggrund in meinen Augen völlig hirnrissig. 

Nach der Stunde machte ich die Runde und fragte die Damen in meiner Klasse, wie sie die Sache sähen. Tatsächlich sagte mir fast jede meiner Kolleginnen, sie würden lieber ersaufen, als ihren Ex um Hilfe zu bitten. Ich war entsetzt, völlig entrüstet. Es grenzt an ein Wunder, dass das weibliche Geschlecht heute noch existiert, mit so einer Einstellung. Vielleicht ist am Konzept der natürlichen Auslese doch nicht so viel dran, wie man bisher vermutete.
Man stelle sich das einmal vor: Eine Frau ist kurz davor zu ertrinken, sie brüllt um Hilfe, sie schreit wie am Spieß. Es reckt sich ihr eine starke, muskulöse Hand entgegen, die sie aus den tosenden Wellen ins rettende Boot zieht. Sie bedankt sich bei ihrem Helden, doch stellt mit Ernüchterung fest: Es ist Brad. Dreifacher Auerbachsalto, 9,7 von 10 Punkten und sie treibt wieder im Wasser. 

Liebe Damen, mir ist klar, dass eure Gedanken mysteriös und verworren sind. Für eine primitive Kreatur, wie einen Mann nicht einmal ansatzweise zu verstehen. Doch selbst euch müsste diese Absurdität, diese exorbitante Absurdität in eurem Denken einleuchten.

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