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April 14, 2017

E TE TSE #12
Aus dem Tagebuch eines Set-Praktikanten

Michael Brugger

Letzte Woche trafen sich Südtirols und internationale Prominenz gemeinsam mit Filmliebhabern zum Filmfestival Bozen, um in einem fünftägigen Event der Kunst des Zelluloids zu huldigen. Erstmals habe auch ich den Feierlichkeiten beigewohnt, doch nicht als gemeiner Zuschauer; mein Name stand im Abspann des erstmals in Südtirol gezeigten und auf der Berlinale Weltpremiere feiernden Streifens „Amelie rennt“. Nicht Regisseur war ich, auch nicht Kameramann, Schauspieler, Oberbeleuchter, Aufnahmeleiter oder gar Produzent, ich war Praktikant. Und es mag verrückt klingen, doch bei einem Spielfilm eines solchen Formats ist der Praktikant genauso wenig unverzichtbar wie der Kameramann, denn nur der Praktikant ist bereit, die Drecksarbeit zu leisten, zu der sonst keiner Lust hat, und es im selben Moment noch als Privileg zu empfinden, diese Drecksarbeit machen zu dürfen. Lesen Sie nun: „Aus dem (fiktiven) Tagebuch eines Set-Praktikanten“:

2. Juni 2016: Morgen erster Tag, ich bin aufgeregt. Ob ich vielleicht die Klappe schlagen darf? Ich frage mich, ob die Schauspieler wirklich solche Snobs sind, wie immer alle sagen. Was muss ich morgen nochmal alles machen, bevor alle kommen? Zelte und Bierbänke aufstellen, Platz für’s Catering machen, Strom für Masken- und Kostümwagen organisieren. 

9. Juni 2016: Anstrengender Tag heute. Zu Mittag angefangen, Drehschluss um 10 Uhr, dann noch aufräumen bis 3 Uhr morgens. Ich sollte heute jemandem Ingwertee machen. Anscheinend darf man einem Schauspieler keinen Tee aus einem Teebeutel geben, ich musste frischen Ingwer besorgen.

14. Juni 2016: Es ist schon irgendwie enttäuschend zu sehen, dass Autofahrten nicht wirklich, sondern auf einem Anhänger mit Auto, Kamera und dem ganzen Team gedreht werden, gezogen wird das Ganze von einem Laster, das Auto fährt aber nicht wirklich. Ich musste heute eine Nebenstraße absperren, damit kein Auto ins Bild fährt. Das bedeutet, in der Pampa herumstehen, wo sowieso kaum ein Auto fährt, und wenn der Truck mit dem Team vorbeikommt, schnell ins Gebüsch springen, um selbst nicht im Bild zu sein.

18. Juni 2016: Erster Tag auf dem Berg. Wir mussten frühzeitig abbrechen wegen Gewittergefahr. Aus dem Gewitter wurde am Ende aber ein Schneegestöber. So oder so, wir konnten nicht weiterdrehen. Bis zur Bergstation wurden wir und unser Equipment mit Quads gefahren. Dann noch 20 Minuten Fußmarsch mit 15-Kilo-Rucksäcken auf dem Rücken. Dreimal musste ich auf den Berg rauf, jedes Mal mit dem Rucksack. Langsam beginne ich zu glauben, dass man mir zu wenig bezahlt.

6. Juli 2016: Der letzte Drehtag ist geschafft, jetzt noch Abschlussfest. Ich musste heute noch den Set-Al-Sprinter [Lieferwagen mit Bierbänken, Zelten, Stühlen, Ventilatoren usw.] aufräumen. Ich werde das alles vermissen. Es war anstrengend, die Hölle, aber rückblickend betrachtet, hat’s richtig Spaß gemacht. 

Alle, die ein Praktikum auf einem Filmset in Erwägung ziehen, kann ich beruhigen: Ein Praktikum besteht aus mehr als nur dem Regisseur seinen Kaffee bringen oder schweres Zeug herumschleppen. Dadurch, dass man jeden Tag mindestens 10–12 Stunden zusammenarbeitet (8-Stunden-Tage könnt ihr vergessen), wächst man mit der Zeit richtig eng zusammen. Und als Praktikant bei einer kleineren Produktion kann man auch viel mehr Verantwortung übernehmen: Letztens war ich Set-Aufnahmeleiter, 2. Kameraassistent, Regieassistent, Grip-Assistent und Script Continuity, alles bei ein und demselben Film. Die ganze harte Arbeit zahlt sich auf jeden Fall aus, wenn man seinen Film am Ende auf der großen Leinwand sehen und den Applaus des Publikums genießen darf.

Foto: Michael Brugger

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