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March 2, 2017

E TE TSE #09
Die Kunst des Aufschiebens

Michael Brugger

Es scheint ein richtiges Problem zu sein und Menschen allen Alters und aller Professionen sind davon betroffen: Ärzte, Köche, Handwerker und ein gewaltiger Haufen von Schülern und Studenten. Wenn ich einen Artikel für franz schreibe, dann wird er gegen Ende der Woche am Donnerstag oder am Freitag veröffentlicht. Ich habe also immer eine ganze Woche Zeit, einen Artikel zu schreiben, und ein halbwegs intelligenter und vorausdenkender Mensch würde folgendermaßen vorgehen: Am ersten und zweiten Tag Brainstorming – worüber könnte ich schreiben? Am Tag danach würde dieser Vorausdenker den Artikel schreiben und ihn dann in Ruhe lassen. Am nächsten Tag würde er ihn nochmals überarbeiten, Teile streichen, umformulieren oder hinzufügen. Dann würde er ihn jemandem zum Testlesen geben, Feedback und Kritikpunkte verarbeiten. Und danach kann dieser intelligente Vorausdenker den Text der Redaktion zur Veröffentlichung übergeben und es würde sogar noch ein Tag übrig bleiben, an dem er sich um keinen Artikel kümmern müsste. Es ist so leicht, man muss einfach nur Schritt für Schritt vorgehen.

Nun bin ich leider weder intelligent noch vorausdenkend. Wenn der Artikel am Donnerstag erscheint, schreibe ich ihn am Mittwoch, notfalls sogar am Donnerstag Vormittag. Es ist kein schönes System, doch es funktioniert. Dabei ist es so einfach. Die Leute sagen mir: „Hör doch auf mit der Aufschieberei.“ So einfach. – Da könnten wir auch Depressiven sagen, sie sollen aufhören Angst zu haben, Übergewichtigen, sie sollen aufhören zu essen, und meinem kleinen Bruder, er solle aufhören, den ganzen Tag Minecraft zu zocken. 

Man kann mit dem Aufschieben nicht einfach aufhören. Setze ich mich zuhause hin, um einen Aufsatz für die Schule zu schreiben, dessen Abgabedatum mehr als einen Tag in der Zukunft liegt, drifte ich ab – ich versuche ins Dark Web zu kommen, um herauszufinden, wie leicht es theoretisch ist, an waffenfähiges Uran zu kommen, setze meine Ablenkungsorgie auf Wikipedia fort und lese mir die Artikel über alle Super-RTL-Serien durch, die ich als kleiner Knirps gerne gesehen habe, und ende mit einem YouTube-Marathon beginnend mit den witzigsten TED Talks und endend mit den danksten Versionen von LazyTowns „We Are Number One“. Das Schlimmste ist, es macht keinen Spaß, denn diese und alle anderen Ablenkungsorgien sind gefüllt mit den typischen Aufschiebersymptomen, wie Schuldgefühlen, Panik und Stress. 

Tim Urban (der junge Herr im Video ganz oben) nennt das „The Dark Playground“, den dunklen Spielplatz. Es ist ein Ort, an dem vermeintlich lustige und lockere Zeitvertreibe passieren, zu Zeiten, an denen vermeintlich lustige und lockere Zeitvertreibe nicht passieren sollten. Verbringt man seine Zeit auf dem dunklen Spielplatz, schaut man lieber nach, ob im Kühlschrank irgend etwas anderes ist, als vor zehn Minuten, lädt den Instagram-Feed alle fünf Minuten neu, um zu prüfen, ob die Kollegin, die gerade Urlaub in Barcelona macht, irgendetwas Neues gepostet hat, um einen neidisch zu machen, oder man stellt sich vor, wie das fertige Werk am Ende aussehen wird, von dem man versucht, sich gerade abzulenken. Der dunkle Spielplatz ist ein Ort, an dem sich jeder Aufschieber besser auskennt als in seiner eigenen Unterhose.

Viele mögen nun glauben, das sei doch kein Leben. Doch, wie gesagt, das System funktioniert. Der Aufschieber schafft es auf diese Weise aber nicht, sein Potential voll auszuschöpfen, er macht nur das Nötigste und, anstatt sich mit verdienter, erarbeiteter Freude zu belohnen, verbringt er seine Zeit auf dem von Schuldgefühlen und Panik besäten Dark Playground. Mehr möchte ich dazu nicht sagen; wer aber Interesse daran gefunden hat, in die Psyche eines Procrastinators zu blicken, dem empfehle ich den TED Talk von Tim Urban am Beginn dieser Seite.

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