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November 6, 2016

Die Frage ist: Wie gehen wir damit um?
Elisa Innerhofer über schrumpfende Orte + Regionen

Kunigunde Weissenegger

Der romantische Traum vom einsamen Leben im abgeschiedenen Dorf am Hang ist auf dem besten Weg Wirklichkeit zu werden. Oder ist es vielmehr ein Alptraum? – Die Dorfjugend wandert ab, der Dorfladen schließt, der Dorfarzt hat nur mehr jeden zweiten Tag Dienst und sogar der Dorfpfarrer wohnt im Nachbardorf und muss reuige Seelen in drei bis vier verschiedenen Dörfern versorgen und trösten… 

Nun, wie steht’s denn um unsere Orte? Das Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement der EURAC in Bozen beobachtet Trends und Tendenzen in Orten und Räumen seit 15 Jahren. Am 10. November 2016 lädt das Team des Forschungsinstituts von 9 bis 15 Uhr zu einer Fachtagung in die EURAC in Bozen.

„Die Fachtagung ‘Rückbau & Resilienz – Von Wunsch und Wirklichkeit schrumpfender Orte & Regionen‘ thematisiert Schrumpfung und Rückbau als einen Teil einer Entwicklung und weniger als das Gegenteil von Wachstum“, heißt es in der Einladung. Es gehe darum, den Begriff „Qualität“ neu zu denken und Schrumpfung als strategische Entwicklungsalternative zu begreifen. Nur mit diesem Bewusstsein könnten Schrumpfungsprozesse aktiv gestaltet und sinnvolle Maßnahmen des Rück- und Umbaus entwickelt werden. [Hier geht's zum Programm; hier kannst du dich zur Tagung anmelden.] Auf dem Blog gibt’s weitere interessante Überlegungen und Beobachtungen. 

Wir haben uns mit EURAC Senior Researcher Elisa Innerhofer über Schrumpfung und Rückbau als Teil von Ortsentwicklung, über die Notwendigkeit der öffentliche Debatte, über neue Ansätze und Wettbewerbsfähigkeit unterhalten. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Tourismus, Innovationen in der Hotellerie, Innovationsmanagement, Regionalentwicklung, Kunst und Kultur als Standortfaktoren.

“Von Wunsch und Wirklichkeit schrumpfender Orte & Regionen“ – fehlt da nicht „Schaden“ im Titel? Was soll am Schrumpfen von Orten oder Regionen nicht schlimm sein?  

Der Titel ist das Ergebnis der Beobachtung von Entwicklungstendenzen im Alpenraum: Wir haben einerseits die Konzentration auf urbane Zentren, Städte und deren engeres, teilweise auch weiteres Umland, andererseits die Entsiedelung der ländlichen Räume untersucht. Die Zentren erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, ziehen junge Bevölkerungsgruppen an sowie Gäste und Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und wachsen, während ländliche oder periphere Räume Abwanderung, Überalterung der zurückbleibenden Bevölkerung, Abzug sozialer Dienstleistungen und Leerstand erleben. 
Probleme und Herausforderungen haben aber sowohl die einen als auch die anderen Gebiete: Wachstumsräume erleben Zuwanderung und Bautätigkeiten, dabei zeigen sich Knappheitsprobleme und Grenzen des Wachstums, aber auch ökologische und sozial-psychologische Grenzen. Es stellt sich die Frage: Wann ist genug? Die anderen haben die Abwanderung und die Überkapazitäten, die nicht mehr gebraucht werden. Die Frage ist aber, wie geht man damit um? Mit Wachstumsfragen haben wir gelernt umzugehen und hier werden laufend neue Lösungen gefunden. Für diese schrumpfenden Räume reichen Halte- und Wachstumsstrategien aber nicht mehr aus, auch Schrumpfung und Rückbau sind zu gestalten – und müssen nicht zwingend „schaden“. Abwanderungsgebiete sind nicht unbedingt potentialarme Räume oder Räume ohne Potentiale, nur muss die Bereitschaft zur Veränderung, zur Neuausrichtung und Neupositionierung gegeben sein. Die Erwartung, dass alles so bleibt, wie es ist und immer gleich weitergeht, kann in diesen Gebieten nicht mehr erfüllt werden.   RÜCKBAU & RESILIENZ - EURAC

Warum sollten Schrumpfung und Rückbau eine Alternative zu Wachstum sein? Wachstum und Entwicklung ist doch die Devise schlechthin…? – …auch das Foto auf der Einladung (siehe oben) sieht eher trist aus…

In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass auch Wachstum seine Grenzen hat oder haben muss. Die Tragfähigkeitsgrenzen ökologischer und sozialer Systeme werden zunehmend sichtbar, mit der bis dato angenommenen Grenzenlosigkeit können weder die ökologische Umwelt noch die sozialen Systeme umgehen. 
Abwanderungsregionen sind Realität. Regionalentwicklung, die lokale Politik aber auch die Gesellschaft als Ganzes hatte bisher aber vor allem eines im Blick – Wachstum – daher kann mit Schrumpfung (noch) nicht gut umgegangen werden. 
Doch Schrumpfung und Rückbau sind keine Übergangsphänomene, sie sind Teil der Entwicklung bestimmter Orte und Räume und, auch wenn wir sie ignorieren, werden sie voranschreiten. Und bauliche Bemühungen und Strategien, die auf Wachstum ausgerichtet sind, sind sicherlich zu wenig, um mit diesen Entwicklungen umzugehen.  Anstatt die Entwicklungen zu tabuisieren und weiterhin im Wachstumsdenken zu verharren, sollten Schrumpfungsprozesse thematisiert und angegangen werden. Sie sind zunächst sicherlich einmal trist, aber erst wenn wir versuchen sie in die Planung und Gestaltung von Entwicklungsprozessen zu integrieren, wird eine Anpassung an veränderte Bedingungen möglich sein und dadurch auch Weiterentwicklung, Neuausrichtung oder Neupositionierung. 

Wie kann Abwanderung, Überalterung, Schließung von Infrastrukturen und Treffpunkten entgegen gewirkt werden? …oder muss gar nichts unternommen werden? 

Sicherlich muss etwas unternommen werden und es gibt auch bereits einige vorbildhafte Gemeinden, die mit unterschiedlichsten Entscheidungen, Projekten und Initiativen diese Entwicklungen angehen und gestalten. Es gibt zum Beispiel Gemeinden, die auf Kunst und Kultur setzen und über die Kreativwirtschaft versuchen, Räume und Ortskerne wiederzubeleben und eine gewisse Dynamik auszulösen. Oder Gemeinden können sich neu positionieren, indem sie auf eine bestimmte Zielgruppe setzen, wie beispielsweise auf Familien oder auf SeniorInnen, und dann die für diese Zielgruppe relevanten Dienstleistungen fokussieren und bestehende Strukturen umnutzen. Das muss dann aber auch rechtlich möglich und politisch unterstützt sein.
Was sich in vielen solcher Best-Practice-Beispiele zeigt, ist die Tatsache, dass solche Projekte oft aus der Mitte der Gesellschaft heraus, bottom up, durch Bürgerinitiativen oder einzelne zum Beispiel, entstehen. Die Politik muss dabei den Rahmen vorgeben, die Rahmenbedingungen definieren, damit dieser Umbau solcher gefährdeter Orte passieren kann, beispielsweise durch die Ermöglichung der Umnutzung oder Zwischennutzung von Infrastrukturen oder neuer Nutzungskonzepte. Danach ist die Initiative der Bevölkerung gefragt. 

Wie wichtig sind neue Ansätze von bzw. für Tourismus, Wirtschaft und Entwicklung?

Abgesehen von den räumlichen Entwicklungen zeigen sich auch bei den Märkten und Konsumenten Trends, die neue Ansätze für Wirtschaft und Tourismus erforderlich machen. Die Sehnsucht nach Entspannung, Ruhe und Ausgleich oder das zunehmende Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein oder das Bedürfnis nach Schlichtheit, aber auch Komfort und Authentizität, verändert das Konsum- und Reiseverhalten. 
Hinzu kommen Entwicklungen und Innovationen, wie die zunehmende Digitalisierung und Konnektivität, neue sanfte und smarte Mobilitätslösungen, die auch enorme Potentiale und Chancen für den ländlichen Raum bieten. Periphere Räume können für ganz bestimmte Branchen attraktiv werden. Es sind dies vor allem Arbeitsplätze oder Tätigkeiten, die in der Stadt nicht erbracht werden können oder aber solche, für welche die Präsenz am Arbeitsplatz nicht mehr notwendig ist, für die der ländliche Raum interessant wird; einerseits für die vom Alltag gestressten StädterInnen, die in ihrer Freizeit auf der Suche nach naturbelassenen Ausgleichs- und Erholungsräumen sind, andererseits für Unternehmen bestimmter Branchen, die ihre Tätigkeit besser auf dem Land verrichten können, zum Beispiel die Produktion von erneuerbaren Energien oder auf Entschleunigung spezialisierte Gesundheitszentren. 
Ich denke, neue Ansätze sind notwendig, weil uns einerseits die ökologische Umwelt und die Tragfähigkeit sozialer Systeme keine andere Möglichkeit lassen, andererseits weil uns gesellschaftliche Entwicklung und technologischer Fortschritt neue Möglichkeiten bieten. 
Neue Ansätze sind wichtig, um Wettbewerbsfähigkeit von Regionen und Unternehmen und die Lebensqualität von Räumen und Destinationen zu erhalten. Dabei werden Fragen der Qualität neben jenen der Quantität und Konzepte mit dem Grundsatz „weniger ist mehr“ eine wichtige Rolle spielen. 

Was erwartest du dir von der Fachtagung? Welche Ansätze fehlen in der Diskussion? 

Wir erwarten uns von der Tagung, dass wir einen Beitrag dazu leisten können, das Thema etwas mehr in öffentliche Debatten zu bringen, Schrumpfung und Rückbau als Qualitätsgewinn und nicht nur als Verzicht zu sehen und auch eine gewisse Versachlichung des Diskurses zu erreichen. All das ist sicherlich ein Prozess, der langsam geht, der nicht von heute auf morgen seine Wirkung zeigt.
Wir sehen aber auch, dass die Forschung gefordert ist, dieses Thema anzugehen und eine geeignete Definition und Wortwahl für diese Entwicklungsprozesse zu finden. Denn Sprache kann auch dazu beitragen, die Arbeit der Regionalentwicklung und Regionalpolitik zu bereichern, ein Umdenken einzuleiten und Potentiale stärker sichtbar zu machen. 

Fotos (c) Manuel Demetz; pixabay.com

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